Zweites türkisches Flugzeug angepeilt?

Der Abschuss eines Kampfjets der türkischen Streitkräfte durch die syrische Luftabwehr sorgt seit Tagen für diplomatische Spannungen zwischen den Nachbarländern, die sich nun weiter verschärfen könnten. Denn offenbar hatte beabsichtigt, eine weitere türkische Maschine abzuschießen. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bisher aber noch nicht.
Europäische Diplomaten in Ankara berichteten am Montag, dass eine zu der Absturzstelle entsandte Suchmaschine vom Radar der syrischen Luftabwehr erfasst worden und deshalb umgekehrt sei. Den Angaben zufolge wurden die Vertreter aus Ländern der EU und der von der türkischen Regierung über die Angelegenheit informiert. Eine Stellungnahme der türkischen Behörden blieb zunächst aus.
Dschihad Makdissi, Sprecher des syrischen Außenministeriums, bestätigte am Mittag erneut, dass das türkische Kampfflugzeug in den Luftraum seines Landes eingedrungen sei und „eine klare Verletzung der syrischen Unabhängigkeit“ vorgelegen habe. Syrien habe keine andere Möglichkeit gehabt, als den in nur 100 Meter Höhe fliegenden Jet abzuschießen. Dabei seien Luftabwehrgeschütze, keine radargeleiteten Raketen zum Einsatz gekommen, sagte Makdissi. In türkischen Medien hieß es dagegen, dass russische Raketen des Typs Buk M2 (SA-11) für den Abschuss verantwortlich seien.
Makdissi erklärte, dass sein Land trotz der Verstimmungen Interesse an einem „nachbarschaftlichen Verhältnis“ mit der habe. Von den vermissten Piloten fehlt weiter jede Spur, obwohl Wrackteile bereits geortet werden konnten. Zu einer möglichen Peilung der zweiten Maschine äußerte sich der Sprecher nicht.
Regierung spricht von „Test des türkischen Radars“
Am Sonntag hatten türkische Diplomaten die Nato über die Einzelheiten des Vorfalls in Kenntnis gesetzt. Demzufolge war der Flug des unbewaffneten Jets ein Test des türkischen Radarsystems. Bedingt durch die hohe Fluggeschwindigkeit sei das Flugzeug für wenige Sekunden in den syrischen Luftraum eingedrungen, sei aber über Funk darauf hingewiesen worden. Etwa eine Viertelstunde danach sei es dann in internationalem Luftraum beschossen worden. Die Nato tritt am Dienstag zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Ankara beabsichtigt auch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einzuschalten.
Die internationale Gemeinde fürchtet eine Eskalation der ohnehin angespannten Lage im Nahen Osten. EU-Vertreter, darunter der Außenminister Guido Westerwelle, lobten allerdings die zurückhaltende Reaktion der Türkei. Wichtig sei jetzt, deeskalierend auf die Beteiligten einzuwirken. Auch die Nato wolle nur über diplomatische Lösungen sprechen. Ein militärisches Vorgehen stehe nicht zur Debatte.
Der türkische Ministerpräsident erklärte, dass die Türkei weiter an einer internationalen Isolierung Syriens und seines Machthabers Assad arbeiten wolle. Der unangekündigte Abschuss einer türkischen Maschine sei inakzeptabel und werde nicht folgenlos bleiben, sagte am Montag. Er sei zuversichtlich, dass die Nato an der Seite der Türkei stehen und sich kooperativ zeigen werde. Er verwies auf den im Nordatlantikvertrag festgehaltenen Artikel 5 der Nato, wonach ein bewaffneter Angriff gegen ein oder mehrere Mitglieder als ein Angriff gegen alle Mitglieder angesehen wird und somit der Bündnisfall eintritt.
Fahnenflucht setzt sich fort
Die Desertion syrischer Militärangehöriger geht unterdessen unvermindert weiter. Wie jetzt bekannt wurde, ist die bislang größte Gruppe von syrischen Soldaten mit ihren Familien in die Türkei übergelaufen. Einer Meldung der Nachrichtenagentur Anadolu zufolge kamen etwa 30 Soldaten sowie ein General und zwei Oberste über die Grenze. Seit Ausbruch des syrischen Aufstands sind 13 Generäle in die Türkei geflohen. Die Gesamtzahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei liegt inzwischen bei über 30.000. Zuletzt hatte die Desertion eines syrischen Piloten nach Jordanien für Aufsehen gesorgt, da die Luftwaffe als besonders regimetreu gilt.
übersetzt von Mustafa Görkem