Die Insel Zypern ist seit 1974 geteilt.

Um die Hintergründe des seit Jahrzehnten andauernden Zypernkonfliktes zu verstehen, der infolge des kürzlichen Urteils des EGMR wieder an Brisanz gewonnen hat, ist ein Blick auf die wechselvolle Geschichte der Insel erforderlich, die seit 2000 Jahren immer wieder unterschiedliche Zugehörigkeiten durchlaufen hatte.

Zypern gelangte um 58 v. Chr. erstmals unter römische Herrschaft und gehörte bis 1184 zum oströmisch-byzantinischen Bereich, ehe die Kreuzritter und das französische Herrscherhaus Lusignan bis 1489 die Insel übernahmen. Nach einer kurzen Phase der Zugehörigkeit der Zugehörigkeit zur Republik Venedig herrschte ab 1571 das Osmanische Reich über Zypern.

Der heutige Konflikt geht auf die Verpachtung der Insel an Großbritannien zurück, welche seitens des Osmanischen Reiches als Gegenleistung zu einer britischen Unterstützung wider einen Vorstoß des Russischen Zarenreiches erfolgte. Großbritannien trug wenig zur Entwicklung der Insel bei und schürte ethnische Spannungen zwischen Türken und Griechen auf der Insel durch eine politische Strategie des „Teile und Herrsche“.

Der Erste Weltkrieg, die Balkankriege, der Zerfall des Osmanischen Reiches und der Griechisch-Türkische Krieg 1923 ließen die Spannungen weiter ansteigen. Während die griechische Enosis-Bewegung das Abschütteln des britischen Jochs durch einen Anschluss an Griechenland anstrebte und dazu 1931 einen Aufstand anzettelte, fürchteten die türkischen Zyprer im Fall einer Angliederung an Griechenland Unterdrückung und Entrechtung. Sie wollten eine Teilung der Insel („Taksim“) und auf diese Weise unter dem Schutz der türkischen Republik stehen.

Terroristische Übergriffe durch EOKA

Griechenland begann Anfang der 50er-Jahre, sich aufseiten der Zyperngriechen zu engagieren. Großbritannien geriet immer mehr unter Druck und aus der Enosis-Bewegung heraus erwuchsen Terrorgruppen wie die „Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer“ (EOKA), die vor allem Anschläge gegen britische Einrichtungen verübte. Großbritannien versuchte, durch Schüren des Konflikts seine Macht zu festigen. Die Briten rekrutierten daraufhin Antiterrorkämpfer aus den Reihen der türkischen Zyprer und auch Ankara unterstützte die Taksim-Bewegung. Nach einem Anschlag auf ein türkisches Pressebüro 1958 in Nikosia kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Mehrfach drohte auch ein Krieg zwischen den NATO-Partnern Griechenland und Zypern, weshalb die USA zu vermitteln versuchten.

Am 16. August 1960 wurde Zypern aufgrund des Zürcher und Londoner Abkommens zwischen Großbritannien, Griechenland und der Türkei unabhängig. Allerdings war dieses Abkommen brüchig, beide Teile fühlten sich übervorteilt, ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis oder zyprisches Nationalgefühl entstand nicht.

Die Volksgruppenvertreter nutzten die ihnen jeweils zugestandenen Vetorechte, um den Staatsapparat lahmzulegen. Gleichzeitig blieben auf beiden Seiten bewaffnete Gruppen aktiv. Im Dezember 1963 kam es zu Massakern durch griechisch-zyprische Polizeikräfte und griechische Extremisten wie Nikos Sampson an türkischen Zivilisten und zu Pogromen gegen die türkische Bevölkerung. 100 000 türkische Zyprer flohen – meist nach Großbritannien. Am 24. Dezember wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt, der von UN-Truppen beaufsichtigt werden sollte.

Es bildeten sich infolge des Terrors griechischer Extremisten und der Benachteiligung der türkischen Zyprer durch die griechisch-zyprischen Behörden immer mehr ethisch getrennte Enklaven, die sich auch eigene Verwaltungsstrukturen gaben.

„Zypernmaidan“ 1974: Rechtsextremer Sampson zum Präsidenten ernannt

Nach der Errichtung der Militärjunta in Griechenland 1967 begannen die Machthaber in Athen, die Extremisten auf Zypern gegen die moderate Regierung des Präsidenten Makarios zu mobilisieren, da dieser sich von der Junta distanziert hatte. Der 1968 wiedergewählte Makarios versuchte, zusammen mit dem türkischen Spitzenpolitiker Rauf Denktaş und Glafkos Klerides auf griechisch-zyprischer Seite die Stabilität zu erhalten.

Am 15. Juli 1974 jedoch putschte die Zyprische Nationalgarde mit Unterstützung der griechischen Junta gegen Makarios und rief Nikos Sampson zum Präsidenten aus. In dieser Situation, die einen Völkermord an den türkischen Zyprern befürchten ließ, nahm Ankara unter Premierminister Bülent Ecevit sein Recht aus dem Londoner Garantievertrag von 1959 wahr und unternahm die Operation Attila. Die türkischen Streitkräfte landeten im Norden der Insel und rückten am 14. August weiter vor, sodass sie den gesamten Bereich des heutigen Nordzyperns beherrschten. Im Dezember 1974 erlangte die Republik Zypern mit ihrer alten Regierung ihre volle Souveränität zurück; Ankara jedoch weigerte sich, seine Truppen abzuziehen und das besetzte Territorium zu räumen.

Die Intervention der türkischen Streitkräfte diente aus Sicht der Türkei nicht nur dazu, weitere Massaker an der türkisch-zyprischen Bevölkerung zu verhindern, sondern hatte auch den Nebeneffekt, dass die griechische Junta ebenso wie Sampson abdanken mussten. 

Die Teilung der Insel hat auf beiden Seiten Tausende von Opfern gefordert. Bestrebungen, die Insel wieder zu vereinen, verliefen bisher immer wieder im Sande. Das EGMR-Urteil bildet vorläufig einen traurigen Höhepunkt in der wechselvollen Geschichte des Zypernkonflikts dar.