deutsch-türkisch: Beziehungen auf Kühlschrank-Temperatur

Die deutsch-türkischen Beziehungen sind auf einem Tiefstand angelangt. Die Außenpolitik der Türkei, die Entwicklungen im Nahen Osten und andere globalpolitische Faktoren trugen dazu bei. Beide Länder verbinden sehr starke Verflechtungen auf Gebieten wie Gesellschaft, Bildung, Wirtschaft. Beiderseitige Enttäuschungen sind aber nicht neu in der Beziehung. Zu Beginn ihrer Gründungen, gab es eine ähnliche Eiszeit.

von Berk Günes

Nach dem Ersten Weltkrieg legte der Versailler Vertrag 1918 für Jahre die deutsch-türkischen Beziehungen auf Eis. Erst nach dem Lausanner Vertrag von 1923 waren offizielle Beziehungen wieder möglich. 1924 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet. Auch ein Handelsvertrag wurde geschlossen. Die Errichtung einer Botschafterstelle in Konstantinopel sowie eines Generalkonsulats in Izmir wurden angekündigt und Botschafter wurden ernannt.

Die Türkei fing nach ihrer innerpolitischen Stabilisierung Mitte der 1920er Jahre langsam an, sich auf internationaler Ebene als eigenständiger und neuer Staat zu präsentieren, der bewusst nicht das Erbe des kosmopolitischen Osmanischen Reiches antreten wollte. Die türkische Außenpolitik wurde von Mustafa Kemal Pascha und seinem engsten Umfeld bestimmt und dieses war nicht ‚germanophil’, wie einst die jungtürkische Elite im Osmanischen Reich. Mustafa Kemal Pascha sah in dem deutsch-türkischen Kriegsbündnis einen großen Fehler. Er wollte keine Einmischung deutscher Diplomaten und Militärs in innerpolitische Angelegenheiten der Türkei und war kein Freund deutscher Offiziere, die das türkische Heer modernisieren und teilweise anführten. Auch Ministerpräsident Ismet Inönü teilte seine Ansichten. Auch aufgrund der Niederlage wurde die Erinnerung an die vergangene „Waffenbrüderschaft“ langsam, aber bestimmt von der kemalistischen Regierung verdrängt. 

Trotz allem konnte und wollte die kemalistische Regierung in Ankara nicht auf Beziehungen mit Deutschland verzichten. Für die neue türkische Regierung hatte die Anerkennung als neuer Staat, der sich nicht als Rechtsnachfolger des alten Osmanischen Großreiches sah und antrat, einen hohen Stellenwert. Eine Friedenspolitik („Yurtda sulh, cihanda sulh“) und internationale Gleichberechtigung bildeten die außenpolitischen Eckpfeiler des neuen türkischen Staates. 

Ein intensiveres politisches Werben der Türkei um Deutschland begann bereits 1926 begonnen. Die Türkei verhandelte mit Deutschland um wirtschaftliche Angebote. Parallel fanden jedoch Verhandlungen mit anderen Ländern stand. Die Türkei fühlte sich nicht mehr wie einst im Osmanischen Reich auf die deutsche Aufbauhilfe angewiesen, sondern zeigte diesen die Konkurrenz, die bei Wirtschaftsangeboten herrschte. 

Jahre der Verstimmung 

Auf deutscher Seite sah man in der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg offiziell keinen politischen oder militärischen Partner mehr. Beziehungen wuchsen auf dem Nährboden wirtschaftlicher Interessen. So wurden im Geheimen über die Reichswehr und den türkischen Generalstab verbotene rüstungswirtschaftliche und militärische Beziehungen gepflegt Vertreter deutscher Firmen wurden von der türkischen Regierung in das Land eingeladen. So wurde beispielsweise ein Flugzeug-Werkes in der türkischen Stadt Kayseri durch die deutsche Firma Junkers gebaut. Auch ein türkischer Sonderbeauftragter reiste in geheimer Mission nach Europa, um sich für den Ausbau der Militärindustrie und den Waffenkauf zu kümmern.

Nach und nach wurde die türkische Außenpolitik jedoch in Frage gestellt. Es bestand eine Enttäuschung und Unzufriedenheit über die Türkei. Eine interne Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes vom Oktober 1927 zeigt das Ausmaß der Enttäuschung. Man sei an einem „Moment“ angelangt sei, in der eine „Klärung“ hinsichtlich der „Weiterarbeit“ herbeizuführen sei. Seit Wiederanknüpfung der diplomatischen Beziehungen müsse von der Türkei verlangen, dass sie in bestimmten Fragen „mehr Entgegenkommen als bisher zeigen und gewisse Schwierigkeiten (…) beseitigen“ müssen. Zu diesen Schwierigkeiten und Hemmnissen gehörten: „Beschränkung der Bewegungsfreiheit der diplomatischen Beamten“, „schikanöse Behandlung der Diplomaten“, „Nichtbeachtung deutscher Reklamationen“, die bisher unbeantwortet blieben. „Hemmung des Reiseverkehrs der sonstigen Deutschen (…)“, „Erschwerung des deutschen Handels“. Die Jahre der „Verstimmung und Entfremdung“ erreichten 1927-1929 ihren Höhepunkt. Erst Anfang der 30er Jahre, als der wirtschaftliche Austausch stärker in den Vordergrund trat und wichtig wurde, normalisierten sich die Beziehungen. 

Die Bünde, die beide Länder heute zusammenhalten sind sehr stark. Beide Staaten haben eine geopolitisch sehr wichtige Lage und sind auf Zusammenarbeit angewiesen. Drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland. Tausende Deutsche zieht es jedes Jahr an die sonnige Riviera. Auf dem Gebiet der Wissenschaft, Technik und Wirtschaft sind die Dimensionen nochmals andere. Das Handelsvolumen beider Länder beträgt etwa 40 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei. Genau so hoch ist der Jahresumsatz türkischer Unternehmer, von denen es knapp 100.000 in Deutschland gibt und die über 500.000 Menschen in der Bundesrepublik beschäftigen. Das deutsch-türkische Verhältnis, das als Liaison anfing, sieht gerade nicht nach einer Liebes-Ehe aus, ist aber auch keine Zwangsheirat und Streit gibt es in jeder Familie. Wichtig ist nur, dass man die Gemeinsamkeiten nicht aufgibt und alles bisher Erreichte verwirft.