„Deutschland ist auf die Flüchtlinge heute besser vorbereitet als damals auf uns Gastarbeiter“

„Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an“ vertonte Cem Karaca 1984 das landläufig bekannte Zitat Max Frischs. Menschen sind aber keine graue Masse, sondern Individuen mit eigenen Geschichten, Ansichten und Empfindungen – eine eigentlich triviale Einsicht, die in der leidlichen „Integrations“-Debatte allzu oft untergeht. Diese Wahrnehmung aufzubrechen und einen Blick auf die typischen wie untypischen Schicksale und Lebensläufe der „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ zu lenken, hatten sich Ferda Ataman und Çiçek Bacık zum hehren Ziel gemacht, als sie ihr gleichnamiges Literaturprojekt Anfang dieses Jahres aus der Taufe hoben. Am Mittwochabend lief das Team in Berlin auf, um zum mittlerweile fünften Mal einen Abend mit Familiengeschichten, Erinnerungen an Lebensumstände der ersten Gastarbeitergenerationen, oft subtiler und manchmal offener Gesellschaftskritik, aber genauso mit rührenden Geschichten und unterhaltsamen Anekdoten zu füllen.

Im voll besetzten taz-Café erzählen Çiçek Bacık, Zoran Terzić, Miguel Zamorano, Emel Özdemir, Serkan Deniz und Şükran Altunkaynak Geschichten und Geschichtchen vom Aufwachsen als Gastarbeiterkinder in Deutschland, der Rückkehr in die Heimat der Eltern sowie eigenen Erkundungsreisen in die weite Welt. Was der Lesereihe einen besonderen Charakter verleiht und sie von anderen Veranstaltungen mit ähnlicher Thematik abhebt, ist der humorvolle, augenzwinkernde und oft selbstironische Stil, in dem die Geschichten dem größtenteils deutschstämmigen Publikum durch Bilder und Musik abgerundet dargeboten werden. Die besten der Referenten verstehen es, auch heiße Eisen in pointierten Anekdoten aus ihrem Alltag reflektiert anzugehen und dem Zuhörer dabei in angenehmer Regelmäßigkeit ein Lachen ins Gesicht zu zaubern.

So berichtete der „Ex-Künstler“ (Eigenbezeichnung) Zoran Terzić bereits in der ersten Lesung, die am 17. Januar im Wasserturm Kreuzberg stattfand, von der ambivalenten Stellung, die er während seiner Kindheit innerhalb des provinziellen Sozialgefüges der katholischen Kleinstadt Kirchenlamitz innehatte. Als Sprössling eines Arztes aus Jugoslawien kam er in den 70ern in die fränkische Provinz und erlebte die paradoxe Situation, zwar als Sohn des örtlichen Arztes zur lokalen Oberschicht zu gehören, aber dennoch immer als „der Immigrantenjunge“ wahrgenommen und mit den üblichen Vorurteilen beladen zu werden.

Wehrmachtsvideos im Grundwehrdienst

Am Mittwoch widmete er sich dann in seiner zehnminütigen Lesung seinen Eindrücken während des Wehrdienstes. In der Grundausbildung wurden den Rekruten allen Ernstes Wehrmachts-Lehrfilme aus den 40er Jahren vorgespielt – das sei den Ausbildern nicht problematisch erschienen, schließlich hätte es sich um „weltanschaulich neutrales“ Lehrmaterial zur Taktik im Felde gehandelt. Die antisemitischen Sprüche und Beleidigungen der Ausbilder machten diese Rechtfertigung allerdings nicht gerade glaubwürdiger. Die Filme mit den Wehrmachtssoldaten riefen in ihm Kindheitserinnerungen hervor, damals in Jugoslawien hatten sie schließlich immer Titos Partisanenkampf nachgespielt und die Bösen waren selbstverständlich die mit den grauen Stahlhelmen. Nun steckte auf einmal sein eigener Kopf in einem solchen Stahlhelm.

Davon nicht genug, bekam seine Familie Besuch vom Militärgeheimdienst MAD. Es war schließlich Kalter Krieg und als Immigrant aus einem zwar blockfreien, aber dennoch formell sozialistischen Balkanstaat war seine staatsbürgerliche Verlässlichkeit per se fragwürdig. Schon damals wusste sich der überzeugte Linke jedoch mit subtiler Subversion zu helfen: „Damals entdeckte ich die Strategie der ’negativen Affirmation‘ für mich: Einfach so lange unerträglich hörig sein, bis der Hegemon von allein verschwindet.“

Auch Çiçek Bacık schaffte es, die bittere soziale Lage, in der sie als Kind türkischer Gastarbeiter aufwuchs, kurzweilig und amüsant zu verpacken. Die Familiengeschichte ist symbolisch für Hunderttausende Deutschtürken: Der Vater kommt 1973 aus der türkischen Provinz nach Baden-Württemberg und arbeitet erst im Straßenbau, dann in der Automobilindustrie. 1980 kommt die kleine Çiçek mit acht Jahren nach. Die Familie zieht nach Berlin, weil der Vater einen Job bei den Siemenswerken in Spandau bekommt. Sie leben in der Spandauer Neustadt, die ganze Familie in einer Ein-Zimmer-Wohnung in einem heruntergekommenen Altbau, der noch dazu in der Einflugschneise des Flughafen Tegel liegt. „Jedes Flugzeug, das in Tegel landete, flog durch unser Wohnzimmer“, erinnert sie sich.

Im gesamten Haus leben ausschließlich Gastarbeiterfamilien, die einzige Ausnahme ist ein betagter deutscher Alkoholiker, der die Bacıks durchgehend mit deutschen Schlagern und alten Elvis-Platten beschallt. Als Jugendliche kommt die Phase der Rebellion. Als die Eltern über die Ferien in die Türkei fliegen, bleibt sie in Berlin und tanzt die Nächte im Ballhaus Spandau durch. „Meine Eltern waren in dieser Zeit mit meiner Lebensweise absolut überfordert“, resümiert sie die wilden Jugendjahre.

Bildung ist der Schlüssel – und Widerstand gegen die Ungleichbehandlung

Ein Thema, dessen fundamentale Bedeutung ihr dennoch – oder gerade deswegen? – immer bewusst war, ist die Bildung. Die Vorlesenden verdeutlichen die Vielfältigkeit der Identitäten der Kinder der Gastarbeitergeneration – von der frommen Muslima mit Kopftuch Şükran Altunkaynak bis zum gepiercten Heavy Metal-Fan Serkan Deniz. Die Wichtigkeit der Bildung als Schlüssel zum sozialen Aufstieg, dem Ausstieg aus der unverschuldeten Misere, ist jedoch ein Motiv, das sich durch die Geschichten und Lebensweisheiten aller Beteiligten zieht.

So erzählt Serkan Deniz, in Berlin geborenes Arbeiterkind, dass es ihm unmöglich war, für die trendigen Accessoires seiner Jugend – Levi’s-Jeans, Nike-Turnschuhe, Lederjacken – Geld von seinen Eltern zu erbetteln. Für alles, was auch nur im Entferntesten mit Bildung zu tun hat, galt das jedoch nicht. Da Reisen bekanntlich auch bildet, war die Unterstützung seiner Eltern für einen ausgedehnten Trip durch die USA gesichert. Was Mama und Papa Deniz mit den bescheidenen Mitteln einer Arbeiterfamilie nicht beisteuern konnten, musste er sich selbst erarbeiten, fünf Tage die Woche bei McDonalds – während der Abizeit.

Das ist eine weitere Lektion, die sich durch viele der Geschichten zieht: Chancengleichheit war damals und ist auch heute noch ein frommer Wunsch und wenn man es als Kind aus dem Arbeiterviertel zu etwas bringen will, muss man mehr strampeln als der Professorensohn aus dem Villenviertel. Und wenn man dazu noch Ayşe oder Aydın statt Heidi oder Hans heißt, gilt das umso mehr. Diese bedrückende Realität auf so amüsante Weise zu verdeutlichen, ist eine der größten Leistungen der Veranstaltungsreihe.

Die deutsche Gesellschaft hat durch die Gastarbeiter wichtige Erfahrungen gesammelt

Als am Ende der Veranstaltung Fragen gestellt werden können und ein Besucher die Einschätzung der aktuellen Flüchtlingsthematik aus der Perspektive der Gastarbeiterkinder in Erfahrung bringen will, fällt ein Satz, der nachdenklich macht. Alle Beteiligten sind sich einig, dass jetzt nicht die Zeit ist, Erwägungen über die Perspektiven auf die momentane Situation anzustellen. Es müsse jetzt gehandelt und den Notleidenden konkret geholfen werden, was das Gros der Vorleser nach eigener Angabe auch selbst tut. Die Situation der heutigen Flüchtlinge sei ungleich schwerer und ernster als die der ersten Gastarbeiter. Mit Blick auf die mentale Aufnahmefähigkeit der deutschen Gesellschaft konstatiert Şükran Altunkaynak aber: „Deutschland ist auf die Flüchtlinge heute besser vorbereitet als damals auf uns.“

Die Referenten stellen mit Sicherheit keinen repräsentativen Querschnitt der zweiten und dritten Gastarbeitergeneration dar. Den Anspruch, mit ihren Geschichten den ausgegrenzten und abgehängten Mitgliedern der post-migrantischen Communities eine Stimme zu geben, können die durchweg beruflich erfolgreichen Mittelschichtakademiker nicht erheben. Das tun sie aber auch gar nicht. Vielleicht wichtiger ist, dass sie auf erheiternde, manchmal sogar rührende Weise vom Leben und Lieben dieser von der Mehrheitsgesellschaft vernachlässigten Generation erzählen und bekannten Tatsachen wie der mangelnden Chancengleichheit in Deutschland ein menschliches Gesicht geben. Denn damit rufen sie beim geneigten Zuhörer eine Regung hervor, die einem viel zu großen Teil der vielen Hobbyintegrationstheoretiker in diesem Land fehlt: Empathie.


Ein Sammelband mit den Geschichten der Vortragenden sei in Planung, sagte Çiçek Bacık. Ein Veröffentlichungstermin sei aber noch nicht absehbar.
Für weitere Termine und Hintergrundinformationen zu den „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ sei ihre Internetseite empfohlen:
www.gastarbeiters.de

(Foto: Semra Deniz)