Repräsentative Wahlumfrage unter wahlberechtigten Türken

endaX-Umfrage: Rot-Grün büßt bei Deutschtürken viel Vertrauen ein

Wahlberechtigte Türkinnen und Türken sind wahlaktive und bewusste Wähler. Trotz hoher Sympathien verliert Rot-Grün an Wählerzustimmung. CDU und die BIG-Partei profitieren davon. (Foto: Tayfun Girgin)

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Am 22.September ist es wieder soweit: Der bundesweite Gang zur Wahlurne steht bevor. Interessant wird dabei vor allem sein, wie in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund wählen werden.

Mit dieser Frage hat sich die vom futureorg Institut gegründete Initiative endaX befasst. Am Donnerstag stellte sie die Ergebnisse in der Bundespressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit vor.

EndaX ist die erste repräsentative Wahl- und Meinungsforschung für MigrantInnen in Deutschland. Das Ziel ist es, eine dauerhafte und dynamische Wahl-, Markt- und Meinungsforschung im Sinne der migrantischen Community zu etablieren. Im Auftrag des Online-Nachrichtenportals Deutsch-Türkisches-Journal (DTJ Online) wurde die aktuelle Umfrage durchgeführt. Weitere Umfragen sollen demnächst folgen.

Süleyman Bağ (li.), Chefredakteur von DTJ Online, präzisiert die Bedeutung der Initiative: „Die endax-Studie ist wichtig, da sie uns die Möglichkeit gibt, verlässliche Aussagen über das Wahlverhalten von Deutschlandtürken zu treffen.“

An der Umfrage beteiligten sich 570 Personen. Sie offenbart äußerst interessante Ergebnisse. Laut der Umfrage ist der Wähleranteil der SPD von 2009 bis 2013 von 50,2% auf 42,9% gesunken, jener der Grünen von 31% auf 21,6%, während der Zuspruch zur CDU erstaunlicherweise von 11,3 auf 20,3% gestiegen ist, sowie jener der BIG von 2,2% auf 6,9%.

Die Umfrage ergab außerdem, dass mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung zu rechnen ist. Kamuran Sezer (re.), Soziologe und Leiter der Wahlinitiative, bemerkt dazu folgendes: „Die Analyse lässt den Schluss zu, dass die Wahlbeteiligung nicht nur sehr hoch sein wird, sondern, dass das Wählerstimmenpotenzial unter den wahlberechtigten TürkInnen stark zugenommen hat.”

Im Vergleich zu den Wahlergebnissen von 2009 zeigt die Studie deutliche Veränderungen im Wählerverhalten auf. Während die SPD 7,3% und die Grünen sogar 9,4% ihrer deutsch-türkischen Wähler verliert, steigt ihr Vertrauen in die CDU. Zudem ist die Anzahl der Wähler von 2009 auf 2013 um 8,9% angestiegen. Die folgende Grafik zeigt, wie die Verteilung der Stimmen aussieht.

endaX_Ergebnisse der ersten repräsentativen Wahlforschung von Türkinnen und Türken.jpg

Türkischstämmige Wähler sind stark entschlossen, wählen zu gehen

Die Studie würde außerdem die Behauptung vieler türkischer Medien, dass sich nur 30% der Deutsch-Türken an den Wahlen beteiligen würden, widerlegen, da die Ergebnisse eine hohe Wahlbereitschaft der türkischen Community in Deutschland unterstreichen.

In der Bundespressekonferenz erklärte Sezer, dass die CDU trotz der Ablehnung des Beitritts der Türkei in die EU von der türkischen Community als eine authentische Partei angenommen wird. Sezen Tatlıcı (2. v. re.) vom endaX-Kooperationspartnerverein Typisch Deutsch e.V. ergänzte hier, dass es von äußerster Wichtigkeit sei, zu betonen, dass der Eintritt der Türkei in die EU für die „Neudeutschen” keine wichtige Rolle mehr spielt, da sich die Jugendlichen bereits hier zu Hause fühlten.

Während das Vertrauen der Deutsch-Türken in die SPD und die Grünen gesunken ist, scheint hingegen das Vertrauen in die CDU gestiegen zu sein.

Bekir Yılmaz (2. v. li.), Präsident des Dachvereins Türkische Gemeinde zu Berlin e.V. – ebenfalls endaX-Kooperationspartner, findet dieses Ergebnis nicht überraschend: „Die türkischstämmigen Wähler sind eine wahlaktive und bewusste Wählerschaft und nicht mehr nur dem linken politischen Lager allein zuzuordnen. Sie beobachten politische Entwicklungen und Positionierungen über den Wahltag hinaus und auf dieses neue Wahlverhalten sollten sich die Parteien in Zukunft einstellen. Die Tatsache, dass es der SPD und den Grünen nicht gelungen ist, ihre Versprechen an die Deutschlandtürken politisch umzusetzen, hat zur Enttäuschung und somit Neuorientierung geführt. Aus dieser Orientierung profitiert insbesondere die CDU.”

Außerdem zeigt die Umfrage, dass sich etwas bei der Jugend getan hat. Man sieht sich in Deutschland nicht mehr als „Ausländer”, sondern als dazugehörig.

Steuer- und Gesundheitspolitik wichtiger als Integration

Sezen Tatlıcı von „Typisch Deutsch” erklärt, warum dies so ist: „Es wundert mich nicht, dass das Vertrauen der Deutsch-Türken in die SPD und die Grünen gesunken ist. Denn ich stelle fest, dass „Neudeutsche” inzwischen vielfältige Wertevorstellungen vertreten. Im Zuge dessen spielt die CDU mittlerweile für konservative Jugendliche eine ebenso wichtige Rolle wie die SPD oder die Grünen.”

Ihr Verein lehne auch den Begriff „Integration” ab, sagte Tatlıcı. Daher spiele der von der Regierung organisierte Integrationsgipfel für sie keine wichtige Rolle: „Wenn man die für den Integrationsgipfel eingesetzten Finanzmittel stattdessen in die Bildung investieren würde, könnte man eine größere Veränderung erreichen.” Bekir Yılmaz ergänzte, dass es den türkischen Bürgern in Deutschland nicht nur um Integration ginge, sondern, dass es sie auch interessiere, „wie viel Steuern sie zahlen müssen und wie das Gesundheitssystem hier funktioniert, weil wir hier zu Hause sind.”

Die komplette Studie kann ab dem 20. August unter www.futureorg.de bezogen werden.