Erdogan sprach nicht von Putsch

Ein Jahr nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 ist noch vieles im Dunklen. Zahlreiche Fragen suchen nach einer Antwort. Tausende Fälle stehen vor türkischen Gerichten und erwarten eine ordentliche und rechtsstaatliche Abhandlung. In einigen Fällen gibt es die ersten Entlassungen, nach dem die türkische Regierung im nationalen Ausnahmezustand nach dem Putsch Zehntausende Zivilisten als „präventive“ Handlung zunächst aufgrund von einfachem Verdacht festnehmen ließ. 

Heute spricht man ganz selbstverständlich von einem Putschversuch, Teile der Opposition sprechen heute von einem kontrollierten Putsch und andere Kreise sprechen von einer Inszenierung der Regierung. Unterschiedliche Analysten und internationale Geheimdienste bestärken solche Theorien und sie alle westlichen Geheimdienste tuen noch eines. Sie negieren die Hauptthese der türkischen Regierung, die übrigens von der gesamten türkischen Opposition unterstützt wird, hinter dem Putsch stecke die Gülen-Bewegung. Für die Anforderungen des deutschen Nachrichtendienstes BND konnte die Türkei keine überzeugenden Belege für diese These vorlegen, der US Geheimdienst CIA und der britische Geheimdienst äußerten gar grundlegende Zweifel am Putschversuch.

Erdogan sprach nicht von Putsch

Und auch der türkische Staatspräsident sprach anfänglich nicht von einem Putsch. Im Wortlaut wiedergegeben, behauptete Erdogan noch während der Putschversuch lief, dass eine kleine Gruppe im Militär einen Aufstand begonnen habe, das durch den „Parallelen Staat“ und der „Höheren Intelligenz“ unterstützt und durchgeführt werde.

Erst nach einer Weile, als die Zahl der Unterstützer Erdogans sichtbar anstieg und die Bevölkerung unterschiedlicher Lager auf die Straßen lief, wurde Schritt für Schritt der Begriff „Putsch“ eingeführt. Im Umfeld des Putschversuches in der Türkei wurden auch zahlreiche Diskussionen in Deutschland geführt. Wegen der hohen türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland schwappten die Ereignisse nach Deutschland über. Die Spaltung der türkischen Community kam in identischen Zügen auf die Straßen in NRW und in Süddeutschland. Menschen, die eine oppositionelle Meinung vertreten wurden in einschlägigen Fällen tätlich angegriffen.

Aus diesem Grund saßen unter anderem in der ARD Talkshow von Anne Will Vertreter sämtlicher Lager einander gegenüber. In der Sondersendung vom 17.07.2016 „Was macht Erdogan jetzt?“ sprach der CDU Politiker Norbert Röttgen von einem geistesgegenwärtigen türkischen Staatspräsidenten, der in der Gunst der Stunde eine Gelegenheit sah, den Aufstand für sein späteres hartes Durchgreifen gegen jede Opposition im Lande zu nutzen. Möglicherweise wurde der Aufstand ab dem Zeitpunkt an als ein gescheiterter Putschversuch betitelt, um einerseits dem mutigen Volk für ihre Heldentat vom 15 Juli 2016 zu danken, andererseits aber sich als den Sieger zu präsentieren.

Eine abschließende Beantwortung dieser komplizierten Frage scheint zunächst kaum möglich, doch die Bewertung des Putsches als Geschenk Gottes durch den Staatspräsidenten Erdogan, könnte ein weiterer Hinweis auf geistesgegenwärtige Handlungsschnelligkeit der türkischen Regierung hinweisen.

Hier die Sondersendung „Was macht Erdogan jetzt?“ zum nachsehen.