Keupstraße: „Die Ausländer waren es selbst“ – Wie die Polizei Zeugenaussagen ignorierte

Getreu dem Motto „Die Ausländer waren es selbst“ zeigten deutsche Sicherheitsbehörden nach dem perfiden Nagelbombenanschlag auf die Keupstraße in Köln im Juni 2004 sofort in Richtung Migranten. Dass trotz anderer Hinweise sofort in eine Richtung ermittelt wurde, ist hinlänglich bekannt. Nun wird allerdings klar, dass die Ermittler damals relativ schnell sehr konkrete Hinweise zu den Tätern bekamen.

Zeugen im Münchener Prozess gegen die mutmaßliche rechtsradikale Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) berichteten am Mittwoch übereinstimmend, einen kurzhaarigen Mann mit einem Fahrrad und einem auffällig großen Koffer in der Nähe des Tatorts beobachtet zu haben.

„Deutscher nicht ausgeschlossen“

Eine Rentnerin sagte aus, sie sei auf einer Industriebrache in Köln-Mülheim einem jungen Mann mit einem nagelneuen Fahrrad in Radlerhose und T-Shirt begegnet. Er sei ihr „sehr aufgefallen, weil er das Fahrrad so behutsam geschoben hat“, sagte sie. Außerdem habe er „sehr angespannt“ gewirkt.

Auf dem Gepäckträger habe sie einen auffallend großen Koffer gesehen – zweifelsohne der so verheerende Nagelbomben-Sprengsatz, der an jenem Junitag um kurz vor 16 Uhr 22 Menschen zum Teil schwer verletzte. Den Polizisten, die sie nach dem Anschlag befragten, habe sie gesagt, dass es sich nicht um einen Türken oder Kurden gehandelt habe. „Ich sagte der Polizei jedenfalls, dass ich einen Deutschen nicht ausschließe“, berichtete sie nun elf Jahre später.

Beamte beeinflussten Zeugen

Jahrelang ging ihr der Mann mit dem Fahrrad nicht aus dem Kopf, bis sie im November 2011 nach Auffliegen des NSU erstmals Fotos von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sah. Böhnhardt, dessen Gesicht sie vor sieben Jahren nur für einen kurzen Moment gesehen hatte, erkannte sie sofort.

Die Beschreibung des Täters trifft haargenau auf den mutmaßlichen Rechtsterroristen Böhnhardt zu. Die Sicherheitskräfte hätten in ihrer Befragung darauf gedrängt, dass der Radfahrer ein Ausländer gewesen sei, sagte ein Feuerwehrmann, der sich damals privat in der Nähe der Keupstraße aufhielt am Mittwoch vor Gericht.

Böhnhardt auf Fotos klar identifiziert

„Das war ein Deutscher ganz sicher“, versicherte der Zeuge, der damals mit einem Motorrad unterwegs war und mit dem auf einem Fahrrad flüchtenden Bombenleger kurz nach dem Anschlag fast zusammenstieß. Dies sei ihm im Gedächtnis geblieben.

Wenige Tage später habe er den mutmaßlichen Terroristen Böhnhardt in der Zeitung auf Fotos einer Überwachungsvideo zweifelsfrei als Bombenleger identifiziert. Die Polizei ging diesem und anderen Hinweisen nicht nach. Vielmehr ermittelten die Sicherheitsbehörden in die andere Richtung und verdächtigten Geschäftsleute und Anwohner der Keupstraße, in ausländische Mafiastrukturen verstrickt zu sein.

Viele offene Fragen

Warum wurden Menschen mit Migrationshintergrund von den Behörden pauschal verdächtig? Warum kam keiner der Ermittler auf die Idee, den Anschlag mit anderen ungeklärten Kriminalfällen ¬in Verbindung zu setzen? Waren die Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge blind?

Und: Warum wurde den Zeugenaussagen so wenig Beachtung geschenkt, obwohl sie so detaillierte Angaben zu den wahren Tätern lieferten? Viele Fragen zum sogenannten NSU bleiben auch drei Jahre nach seinem Auffliegen weiterhin unbeantwortet.

Die schreckliche Bilanz des NSU

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar und Verschwörungstheorien zugleich beliebt.