IMV feiert 10-jähriges Bestehen

Medienkritik: „Viele Journalisten lehnen die Einladung zur Selbstreflexion ab“

Die Krisen und Debatten des vergangenen Jahres haben so deutlich wie selten die herausragende Bedeutung kritischer Medienkompetenz verdeutlicht. DTJ hat sich mit Dr. Schiffer über die Arbeit Ihres Instituts für Medienverantwortung unterhalten.

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Bürgerkrieg in Syrien, Ukrainekrise, Gewalt in der Südosttürkei: Das Jahr 2015 hat so eindringlich wie selten zuvor gezeigt, wie wichtig Medienkompetenz ist. Und das nicht nur bei der Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit von Bildern und Informationen aus Krisengebieten, sondern auch in Bezug auf den politischen Diskurs in Deutschland. Wie wird durch die Sprach- und Informationsauswahl kaum merklich eine Wertung in vermeintlich neutralen Nachrichten untergebracht? Mit welchen subtilen Mechanismen wird Islamophobie in Deutschland durch die Massenmedien transportiert?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich das Insitut für Medienverantwortung (IMV) seit mittlerweile 10 Jahren. Am 11.12.2015 feierte es sein Jubiläum im Haus für Demokratie und Menschenrechte in Berlin. Mitarbeiter des IMV stellten den geladenen Gästen ihre aktuelle Arbeit vor, Institutsleiterin Dr. Sabine Schiffer moderierte den Abend. Neben einigen Grußworten aus Politik und Medien hielt Prof. Jörg Becker eine an die Medien und die Mediennutzer appellierende Festrede. DTJ hat sich mit Dr. Sabine Schiffer über ihre Arbeit und die Geschichte des Instituts unterhalten.

Wie ist die Idee entstanden, ein Institut zu gründen?

Schiffer: Es hat sich aus der Notwendigkeit ergeben, meiner medienpädagogisch ausgerichteten Arbeit einen Rahmen zu geben. Und aus dem Wunsch, die Methoden der Analyse und Didaktik an jüngere Wissenschaftler, Lehrkräfte und auch Journalisten weiterzugeben.

Was unterscheidet IMV von anderen Instituten?

Schiffer: Der Ansatz des IMV war ja zunächst, wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Elfenbeintürmen der Universitäten heraus für die öffentliche Debatte aufzubereiten und in pädagogischen Einheiten zu vermitteln. Die Erkenntnis, dass alle Mediendarstellungen überformt sind und nicht den Sachverhalt an sich widerspiegeln können, hat sich ja immer noch nicht flächendeckend herumgesprochen. Insofern gibt es bei allen von uns bearbeiteten Themenfeldern auch weiterhin Aufklärungsbedarf, sei es in Bezug auf die Berichterstattung zu verschiedenen Themen, sei es in Bezug auf die Medienentwicklung oder die Stereotypenvermittlung durch mediale Darstellungen, sei es in Bezug auf die manipulierte Debatte um Medienbildung an Schulen und die kommerziellen Interessen hinter frühkindlicher Medienpädagogik, sowie der Digitalisierung von Bildungseinrichtungen, oder auch die Anwendung von PR-Techniken auch im Informationsmedienbereich und vieles mehr.

Was sind die Zielgruppen des Instituts?

Schiffer: Der Begriff der Medienverantwortung richtet sich an Macher und Nutzer von Medien gleichermaßen, wobei wir im Laufe der Jahre festgestellt haben, dass sich unsere Zielgruppe immer mehr auf den Multiplikatorenbereich der Nutzer konzentriert. Viele Journalisten lehnen die Einladung zur Selbstreflexion ab.

Was ist die Folge dieser Selbstidealisierung?

Schiffer: Die derzeitige Blüte der unseriösen und übertriebenen Medienkritik – Stichwort „Lügenpresse“. Auch scheint mir das Bewusstsein für die Einflussnahme durch professionelle Public Relations aus politischen wie wirtschaftlichen Kreisen in den Redaktionen immer noch zu gering. Im Bildungsbereich wirkt sich natürlich der von der Computerindustrie gesponserte verengte Blick aus, der Digitalisierung als Heilsbotschaft für größer werdende Lücken im Bildungssystem propagiert. Aber gerade dort erreicht man noch viele Pädagogen mit dem Wissen, dass auch und gerade die Fähigkeiten zur Dekonstruktion von Mediendarstellungen geschult werden müssen. Also, die Frage, wie kommen Beiträge zustande, wie wirken sich Auswahlmechanismen, Sprachgebrauch, Montage und andere Darstellungstechniken auf den wahrgenommenen Sachverhalt aus, wie prüft man Quellen. Dies interessiert auch viele engagierte Kreise der Zivilgesellschaft, die uns zu Vorträgen und Seminaren einladen – etwa in den Bereichen Energiewende, Mediengewalt, Islambild oder Friedensjournalismus.

Was sind die wichtigsten Erfolge des Instituts?

Schiffer: Schwierig zu beantworten. Einige Themen von uns haben sich durchgesetzt. Das Problem von Mediensucht wurde noch geleugnet, als wir anfingen uns damit zu beschäftigen. Auch dass es eine Relation zwischen antimuslimischem Rassismus und medialen Darstellungstraditionen gibt, konnten wir nachweisen und blieben damit nicht allein. Und den Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus haben auch wir mit in die öffentliche Debatte eingebracht.

Wie sieht ihre Wirkung konkret aus? Können Sie ein Beispiel nennen?

Schiffer: Jüngstes Beispiel ist das Gutachten zur Studie der Otto Brenner Stiftung über eine „Querfront“ im alternativen Medienbereich, die unter anderem dazu beitrug, dass die OBS ihr Arbeitspapier zurückzog und schließlich in veränderter Form erneut herausgab. An diesem Beispiel kann man auch sehr schön die üblichen Mechanismen beschreiben, die uns im Laufe der Jahre immer wieder passiert sind: Als etwa der Kollege von meedia.de einräumen musste, dass seine Lobhudelei auf die sogenannte Studie dem geschuldet war, dass er sie nicht prüfte, und er dann immerhin als große Ausnahme unter seinen Kollegen eine Korrektur verfasste, wurde mal schnell en passant ich als Autorin des sachlich-kritischen Gutachtens als „selbsternannte Institutsleiterin“ diffamiert. Nun, diese Umgangsmacht von Medienvertretern mit seriösen Kritikern, kann deren eigenen Ruf schließlich auch nicht retten.

Warum kommen Sie dann in den öffentlichen Diskursen kaum vor?

Schiffer: Das erklärt sich mit der Medienlogik. Medien entscheiden darüber, wer womit oder überhaupt zitiert und damit wahrgenommen wird und wer nicht. Unliebsame Sichtweisen können schlecht wegdiskutiert, aber gut und effektiv ausgeblendet werden. Für die Sache selbst ist es ja zunächst gut, wenn verschiedene Wissenschaftler vollkommen unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen kommen. Wäre nur auch gut, wenn man diese dann auch in ihrer Bandbreite zeigen würden, statt Kronzeugen zu küren, die Gefahr laufen zu medialen Hofwissenschaftlern zu werden.

Bei der Feier wurden die „zu frühen“ wissenschaftlichen Erkenntnisse Ihrer Forschungsarbeit unterstrichen, die später dann Einzug in die öffentlichen Debatten fanden. Sie konnten davon als IMV nicht profitieren. Können Sie dazu weitere Beispiele nennen und lässt sich das langfristig korrigieren?

Schiffer: Ja, wir haben den Eindruck, dass manche Themen sehr negativ besetzt sind – etwa, wenn wir Rassismus in öffentlichen Debatten und eben auch Mediendarstellungen anprangern. Als früher Mahner bleibt das schlechte Gefühl an uns hängen, während sich die Problematik im Bewusstsein Vieler doch so langsam durchsetzt. Letzteres ist erst mal gut und ansonsten ist es wohl so, dass wir, wenn wir Medienkompetenz fördern, offensichtlich auch im eigenen Interesse handeln – denn unsere Arbeit kann man nur richtig wahrnehmen, wenn man sich etwas mit Google-Algorithmen und Diffamierungsstrategien auskennt und bestenfalls noch mit der Funktionsweise von Wikipedia.

Als konkretes Beispiel fällt mir eine Recherche für die Journalistenfachzeitschrift message zum Verschwinden des Themas „Uranmunition“ aus den Medien ein. Diese wurde von einem BR-Journalisten aufgegriffen und es gab ein Feature mit Interviewteilen von mir im Bayerischen Rundfunk. Der engagierte Kollege schaffte es zudem, die Süddeutsche Zeitung für das Thema zu interessieren und verfasste eine ganze Seite dazu, die er mir zum Korrekturlesen vorlegte. Im später gedruckten Beitrag in der SZ war ein einziger Halbsatz verschwunden, nämlich der, der die Erkenntnisse als Recherche des IMV auswies. Derlei Abläufe haben sich als prototypisch erwiesen. Darum wundert auch viele, dass wir bereits seit 10 Jahren existieren, weil sie noch nie vom IMV gehört haben – aber in unserer Macht liegt das nicht und ohne Internet hätten wir es vermutlich gar nicht bis hierher geschafft.

Es gibt übrigens auch Beispiele, wo sich unsere Erkenntnisse überhaupt nicht durchsetzen. Das betrifft etwa die Recherche von meiner Kollegin Xenia Gleissner und mir zu den wirklichen Hintergründen des dänischen Karikaturenstreits, die wir im Bilderlexikon von Gerhard Paul „Das Jahrhundert der Bilder“ veröffentlichen konnten. Bis heute herrscht die Meinung vor, es handle sich bei dem Streit und seinen Auswüchsen um einen Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit.

Teil 2 des Interviews demnächst auf DTJ.