Gastbeitrag von Armin Laschet: Mevlüde Genç, die beeindruckendste Frau, die ich kenne

Erstveröffentlichung: 29.05.2013

GASTBEITRAG Mevlüde Genç ist die beeindruckendste Frau, der ich jemals begegnet bin. Ich bewundere uneingeschränkt ihre Größe, mit der sie seit jenem 29. Mai 1993 zur Versöhnung und zur Verständigung aufruft. Man muss sich das einmal vorstellen: Eine Mutter verliert zwei Kinder und drei Nichten und ist dennoch nicht voller Hass.

Im Gegenteil: Sie weist auf die individuelle Schuld der vier Täter hin und ist gegen eine pauschale Verurteilung der Deutschen. Mevlüde Genç ist das menschliche Gegenteil zu Thilo Sarrazin. Sie pauschaliert nicht, sondern sieht den einzelnen Menschen und ihr liegen die Versöhnung und das Zusammenleben am Herzen.

Ein solches Verhalten war und ist beispielhaft, nicht nur 1993, sondern auch heutzutage, wo mancher versucht ist, bei sogenannten „Ausländerstraftaten“ wie z. B. Überfällen in U-Bahnen gleich „die Türken“ verantwortlich zu machen. Die schlichte Menschlichkeit von Mevlüde Genç und ihre großherzige Verständigungsbereitschaft beschämen uns und sind Anlass für Demut und Nachdenklichkeit.

Insofern war es für mich nicht nur eine pure Selbstverständlichkeit, sondern auch eine große persönliche Ehre, einen der ersten Besuche nach meiner Berufung zum Integrationsminister der Familie Genç in Solingen abzustatten. Immer wieder war ich seither bei Familie Genç zu Gast. Zuletzt in der vergangenen Woche. Als ich sie einmal in ihrem Heimatdorf in Mercimek besucht habe und an den Gräbern der fünf Kinder stand, war ich sehr bewegt. Ich bin stolz, dass Mevlüde Genç im März 2012 als von der CDU vorgeschlagene Delegierte an der Bundesversammlung teilgenommen hat, die Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wählte.

Was hat sich seit Solingen 1993 in Deutschland verändert? Die Veränderungen begannen damals bereits unmittelbar nach der Tat. Ministerpräsident Rau und Bundeskanzler Kohl telefonierten miteinander und verabredeten, aus dem Anschlag kein parteipolitisches Kapital zu schlagen. So ist es zum Glück bis heute geblieben. Das Verbrechen von Solingen hat Deutschland endgültig wachgerüttelt, war ein regelrechter Schock, vielleicht nicht trotz, sondern gerade weil die Opfer gut integriert waren und die vier jugendlichen Täter keineswegs der „klassischen“ rechtsradikalen Szene entstammten, sondern gut situierten Familien aus der Mitte der Gesellschaft. Die Atmosphäre damals war aufgeheizt durch die Diskussionen über das Asylrecht, das der Deutsche Bundestag drei Tage vor dem Anschlag verändert hatte.

Die Anschläge haben das Land wachgerüttelt

Heute stehen Fragen der Integration im Vordergrund. Erst gestern gab es den Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin. Wir sind da noch lange nicht am Ende des Weges angelangt. Aber wir haben in den letzten 20 Jahren viele Fortschritte gemacht. Heute sind türkeistämmige Politiker Parlamentsabgeordnete in allen Fraktionen, demnächst hoffentlich auch in der Unionsfraktion des Deutschen Bundestages. Und heute wäre es undenkbar, dass der deutsche Bundeskanzler seinen Außenminister dem türkischen Staat kondolieren ließe, weil die Toten doch türkische Staatsbürger gewesen sind. Heute sind alle in Deutschland geborenen Kinder Teil unserer Gesellschaft und nicht fremde Angehörige der Herkunftsstaaten ihrer Eltern. Niemand kann ausschließen, dass sich solche schrecklichen Ereignisse wie diejenigen von Solingen vor 20 Jahren irgendwann einmal wiederholen.

Aber wir können tagtäglich dafür arbeiten, dass in unserem Land ein Klima herrscht, wie Mevlüde Genç es uns predigt: Respekt vor den Menschen und ihrer Würde, unabhängig von Herkunft und Religion.

Armin Laschet (geb. 1961, rechts auf dem Foto) ist CDU-Politiker und seit dem 30. Juni 2012 Vorsitzender der nordrhein-westfälischen CDU. In seiner Funktion als Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) setzte er sich für den Generationendialog und den Dialog mit Muslimen ein.

Armin Laschet hatte diesen Gastbeitrag 2013 für das dtj geschrieben. fea