„Nichts anderes als pure Barbarei“

Diyarbakır – Die terroristische „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) hat ihre gewalttätigen Angriffe auf Bildungseinrichtungen, Lehrer und Schüler massiv ausgeweitet. Mehr als 20 Schulen in südöstlichen Provinzen wurden zum Ziel von Brandanschlägen. Zudem wurden sechs Lehrer aus einer Schule in Hakkari entführt.

Auch UNICEF-Schulcontainer zerstört

PKK-Anhänger haben mehr als 20 Schulen in Hakkari, Şırnak und Van in Brand gesetzt. In Diyarbakır warf eine mit Skimasken vermummte Gruppe eine Handgranate und einen Molotow-Cocktail in ein Lehrerzimmer. Dabei wurden zwei Lehrer und ein Zwölftklässler verletzt. Am gleichen Tag waren insgesamt acht Schulen in Şırnak Ziele ähnlicher Angriffe. Auch in Yüksekova (Hakkari) setzten Pro-PKK-Demonstranten elf Schulen in Brand. Daraufhin kam es zu spontanen Protestkundgebungen aufgebrachter Eltern vor der Gazi-Grundschule, nachdem diese bereits zum dritten Mal Ziel eines PKK-Angriffs geworden war.

Die PKK brannte auch Container nieder, die von der UNICEF als provisorische Schulräumlichkeiten für Kinder errichtet wurden, die im letzten Jahr Opfer des Van-Erdbebens geworden waren. Vertreter der Zivilgesellschaft und wichtige Meinungsführer verurteilten die Attacken scharf. Ayman Abulban, der türkische UNICEF-Vertreter, erklärte: „Wir lehnen jede Attacke auf Schulen ab. Niemand hat das Recht, Schulen oder Kinder anzugreifen. Wir hoffen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.“

Warum aber geht die PKK gegen Schulen und Lehrer vor?

Faktisch ist es keine neue Entwicklung. Aus PKK-Sicht ist jegliche Bildungsarbeit in der Region ein Teil der Assimilationspolitik Ankaras. Die Beschädigung von Schulen betrachtet sie als einen legitimen Akt, um ihre Forderung nach kurdischsprachigem Unterricht in vorwiegend von Kurden bewohnten Provinzen zu untermauern. Ein weiterer Grund für die Attacken ist die Tatsache, dass Schulen leichte Angriffsziele sind, da sie weder von der Polizei noch dem Militär bewacht werden.

Darüber hinaus gibt es eine strategische Begründung, die mit der autoritären und militaristischen Mentalität der PKK zusammenhängt. Die PKK möchte die kurdische Frage auf eine Frage über sich selbst reduzieren. Es ist ihr Anliegen, die Diversität der kurdischen Community in der Türkei selbst zu unterdrücken und daran zu hindern, an der politischen Entwicklung teilzuhaben.

Ümit Fırat, ein kurdischer Intellektueller, Journalist und Schriftsteller, hatte davor gewarnt, die PKK könnte Schulen attackieren, um zu Beginn des Schuljahres die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Das liegt daran, dass Duran Kalkan, der Kommandeur des militärischen PKK-Flügels, im August die Menschen im Südosten aufgefordert hatte, ihre Kinder nicht in die Schulen oder zum Militär zu schicken. Was sich heute vollzieht, ist die Fortsetzung dieser Erpressung. Selbst eine Schule zu besuchen, wird von der PKK als Akt der Illoyalität gewertet. Wer trotz der Drohungen der PKK zur Schule geht, gilt in ihren Augen als ein Verräter. Auf diese Weise wollen sie die Verbindung der Kurden zum staatlichen System unterbinden. Die PKK will dadurch ihre Macht über die Kurden verstärken.“

Strategen bemerken darüber hinaus einen generellen Anstieg der Gewalttätigkeit, zumal die PKK mehreren illegalen Gruppierungen innerhalb des Staates – gemeinhin „tiefer Staat“ genannt – dient, die bis vor kurzem in der Türkei noch sehr mächtig waren, ebenso wie den autoritären Regimen im Iran und in Syrien. Die PKK war lange Zeit ein Zankapfel zwischen der Türkei und Syrien, außerdem wurde die Gruppe seit der Gewalteskalation in Syrien zu einem wichtigen Verbündeten des Assad-Regimes.

Aufschrei öffentlicher Empörung

Kurdische Meinungsführer und Vertreter der Zivilgesellschaft haben die PKK mit scharfen Worten verurteilt, einhellig wurde die Auffassung vertreten, es wäre in jedem Fall inakzeptabel, Schulen oder Schulkinder anzugreifen, welche Ziele auch immer man verfolge.

Der Parlamentsabgeordnete für Diyarbakır, Mehmet Hamzaoğulları (AKP), betonte, er könne nicht auch nur das geringste Verständnis für die Attacken aufzubringen: „Angriffe auf Studenten und Lehrer stehen jenseits aller Grenzen von Vernunft und Logik. Wie es überhaupt das Ziel sein kann, kurdische Kinder von Bildung fernzuhalten, übersteigt meine Vorstellungskraft.“ Die lokalen Autoritäten wären zu stark eingeschüchtert, um etwas gegen die PKK unternehmen zu können.

Der kurdische Politiker İbrahim Güçlü schloss sich der Meinung Hamzaoğullarıs an: „Selbst in Kriegs-zeiten greift man Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser nicht an. Indem sie Schulen angreift, fügt die PKK dem kurdischen Volk den größtmöglichen Schaden zu. Bis vor ein paar Jahren hatte sie noch selbst die Auffassung, dass Kurdisch als Wahlfach angeboten werden sollte. Jetzt, wo diese Forderung erfüllt ist, bekämpft sie sie. Sie nötigen Menschen dazu, ihren Kindern die Entscheidung für das Wahlfach Kurdisch nicht zu erlauben. Das zeigt doch ganz offensichtlich, dass es der PKK nicht um die nationalen Rechte der Kurden geht, nicht um kurdischen Sprachunterricht, sondern nur darum, ihre Hegemonie und Dominanz zu erhalten und ihre Einflusssphäre nicht kleiner werden zu lassen.“

Güçlü betonte, dass die PKK jeden tatsächlichen positiven Schritt hin zu mehr Rechten für die Kurden als Bedrohung ihrer eigenen Existenz betrachtet. „Ihre Antwort war die gleiche, als TRT6 (ein kurdischsprachiger öffentlich-rechtlicher TV-Sender, Anm. d. Red.) zu senden begonnen hatte, als erstmals kurdische Sprach- und Literaturkurse an den Universitäten angeboten wurden und als lokale kurdischsprachige Fernsehstationen ihren Betrieb aufnahmen.“

Angriffe sind Affront gegen Rechte der Kurden

„Die PKK hat ihren Verstand verloren; sie hat sowohl sozial als auch psychologisch den Status des Wahnsinns erreicht. Folgenschwere und brutale Angriffe gegen Schulen, Lehrer und Schulkinder sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, eine Verletzung von Menschenrechten und Grundfreiheiten und haben absolut nichts zu tun mit dem Eintreten für kurdische Rechte und Freiheiten, im Gegenteil, sie sind ein Affront gegen diese“, unterstrich Güçlü.

Lehrer und Erzieher in der Region sind sehr verstört über die Situation. Yunus Memiş, der Vorsitzende der Bezirksorganisation Diyarbakır innerhalb der Lehrergewerkschaft, sagte: „Das kurdische Volk wird es nicht zulassen, dass die PKK unsere Lehrer einschüchtert und entmutigt. Man kann nicht über Humanität sprechen, wo Gewalt herrscht. Diejenigen, die hinter diesen Angriffen stecken, müssen zur Besinnung kommen. Das kurdische Volk wird gegen diese Entwicklungen aufstehen.“ Schulen zu attackieren wäre nur ein Weg, für die Versklavung der Kurden zu arbeiten, fügte Memiş hinzu.

„Es ist nichts als die pure Barbarei, zu versuchen, unschuldige Kinder und Lehrer in Schulen niederzubrennen“, empörte sich Bülent Serdar, der Vorsitzende der Menschenrechtsvereinigung Özgür-Der im Bezirk Diyarbakır.

Orhan Karanfil