Ramadan: Die Urlaubszeit des Körpers neigt sich dem Ende zu

Nur noch wenige Tage, dann ist der muslimische Fastenmonat Ramadan zu Ende. Für Muslime ändert sich dann wieder der Alltag. Unsere Autorin hat ihre Erlebnisse aus dem Ramadan zusammengefasst.

Wann haben Sie sich zuletzt im Mittelpunkt stehen sehen? Wann haben Sie auf sich, auf Ihren Körper gelauscht? Wann haben Sie das letzte Mal das Gefühl gehabt, ihren Körper zu schonen und ihrem Körper eine Auszeit zu gönnen? Wann sind Sie in Ihr inneres Ich getaucht? In ihrem letzten Sommerurlaub? Oder liegt es ga Jahre zurück? Wann haben sie etwas intensiv spüren können, so dass Ihre Gefühlswelt ein Highlight erlebte?

Wir alle kennen das Gefühl morgens aufzustehen und zu rasen – zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten. Coffee to go ist schon ein Teil unseres täglichen Kaffee-Trinkrituals geworden. Coffee to go, fast food: Schnell noch etwas hineinstopfen und ran an die anstehenden Arbeiten. Schnell, schneller, am schnellsten: Oftmals schmecken wir das, was wir trinken oder essen gar nicht (mehr). Es geht darum, dem Körper den notwendigen Treibstoff zu geben, um zu funktionieren. Den Moment zu erleben, geschweige denn zu genießen, fällt uns mittlerweile überaus schwer. Den Kreislauf des schnellen Lebens, schnellen Konsumierens, schnellen Erledigens unterbricht der Fastenmonat Ramadan. Es herrscht dann zwar kein Stillstand, aber eine gewisse Ruhe.

Was ist Ramadan?

Das Fasten im Monat Ramadan gehört zu den sogenannten fünf Säulen des Islam, also zu den Hauptpflichten, die ein Muslim erfüllt. Es wird vom Beginn der Morgendämmerung bis zum Anbruch des Sonnenuntergangs nicht gegessen und getrunken. Die Fastenvorschrift im Ramadan gilt für jeden geistig zurechnungsfähigen Muslim, der das Fasten ohne gesundheitlichen Schaden durchführen kann. Von der Pflicht sind Kinder, Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter, Frauen in der Menstruation befreit.

„Hauptsache satt werden, so schnell wie möglich“ ist nicht mehr

Vor allem der Magen macht Urlaub. Der schnell zu sich genommene Kaffee bleibt weg, der Rauch der Zigarette wird nicht eingezogen, das „Hauptsache satt werden, so schnell wie möglich“ fällt aus. Der Körper hat nun Zeit sich zu bereinigen einmal im Jahr für einen Monat. Auch Essen bedeutet Stress für den Körper, da die Nahrungsaufnahme ihn zur Verarbeitung fordert. „Daueressen ist für uns auch gar nicht vorgesehen“, sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin. Fasten – im Allgemeinen – bedeute eine Pause für alle Zellen und Organe. Der Magen macht somit eine Pause, während wir tagsüber funktionieren. Auf einmal reduziert sich unser Leben tagsüber nur noch auf unsere Tätigkeiten, auf die Ereignisse um uns herum. Wir werden nicht unterbrochen von Nahrungsaufnahme-Momenten. Der Körper wird in Ruhe gelassen.

Leib und Seele stellen sich darauf ein, die Nahrung für eine bestimmte Zeit nicht von außen, sondern von innen her aus dem eigenen Depot zu beziehen. Es ist ein innerer Prozess, bei dem alle Sinne tangiert und diese gleichsam ins Innere gebracht werden. Umso mehr verschärfen sich unsere Sinne aufs Hören, Sehen, Fühlen – und nach dem Fastenbrechen aufs Schmecken.

Die Hektik des Tages verfliegt

Der Duft wird intensiver gerochen, man nimmt das um sich herum Bestehende und Erlebte in allen Feinheiten wahr. Man fühlt seinen Körper bis in das Innere. Die Gefühle sind intensiver. Am Blumenstand vorbei zu laufen oder ein Blumenbeet zu betrachten, bedeutet die Düfte in allen Nuancen zu riechen. Die Hektik des Tages verfliegt neben den Düften der Natur. Man wird beflügelt in die Welt der Duftsinne. Die Blicke sind geschärft auf das Betrachtete, man sieht nicht nur das Haus vor sich, sondern auch den Baum daneben, nimmt den blauen Himmel wahr. Der Blick ist anders, es werden viele störende Reize ausgeblendet; das fahrende Auto auf der Straße vor dem Haus, das schreiende Kind im Kinderwagen.

Auch die Medizin stellt fest: Fastende nehmen sich viel intensiver wahr und reaktivieren quasi den direkten Draht zur Psyche und zum Körper. Unter anderem werden größere Mengen des Gute-Laune-Hormons Serotonin freigesetzt. Nebenbei sinkt der Stresspegel. Michalsen sagt: „Die meisten Menschen erleben eine deutliche Stimmungsverbesserung. Sie fühlen sich leichter, fröhlicher und gut gelaunt. Die ersten zwei bis drei Fastentage könnten zwar noch schwer sein, spätestens aber ab dem vierten Tag hat sich der Körper auf den Leberstoffwechsel umgestellt.“ Die Leber beginne bereits nach 24 Stunden damit, die Fettreserven im Körper zur Energiegewinnung heranzuziehen.

Heilsamer Schock für den Körper

Medizinisch gilt es als erwiesen: Fasten hat die Wirkung eines – heilsamen – Schocks auf den Körper. So werden etwa spezielle Reinigungsmechanismen angeregt: sozusagen die Müllabfuhr und das Recyclingsystem der Zellen. Abends ist zu spüren, dass der Magen tatsächlich leer ist und hierdurch die Antriebskraft weiter nach unten sinkt. Fastenende fühlen sich schwach und merken, wie empfindlich ein gesunder Körper ist. Erhält er nicht die erforderlichen Nahrungsmittel wird er energielos, schlapp, müde. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Körper immer vollumfänglich funktioniert. Man spürt seine körperlichen Grenzen und lernt seinen gesunden Körper wert zu schätzen.

Ja, auch die Aufregung, die nicht mehr voll funktionstüchtig ist, bleibt weg. Wie denn auch? Die Energie für einen Wutausbruch ist nicht vorhanden. Und es wird einem schnell bewusst: Auch ohne Wut, ohne Streit kann das Leben genauso gut, sogar besser geführt werden. Es ist sogar friedvoller um sich selbst herum. Die Energie ist weniger als an normalen Tagen. Also versucht man die verbleibende Energie sinnvoll und ergiebig zu nutzen. Nein, nicht für lange Diskussionen, Streit oder herabwürdigendes Lästern. Nein, alles sinnlos Erscheinende wird vernachlässigt. Das Miteinander wird verschont vor negativen Einwirkungen.

„Der Ziellose erleidet sein Schicksal – der Zielbewusste gestaltet es“

Der Fastende zieht sich lieber zurück und legt großen Wert auf Ruhe und Ausgeglichenheit, auch um besser zur inneren Einkehr zu kommen. Ihm oder ihr wird bewusst, dass Brot und Wasser alleine nicht zum Leben ausreichen. Man überdenkt den Sinn seines Lebens: Wer bin ich? Was will ich? Was ist mein Ziel? Welchen Lebensweg habe ich eingeschlagen? Und so ergibt sich die Möglichkeit für einen Neuanfang, für neue Vorsätze.Man entrümpelt seine Gedanken, gibt sich einen Ruck und gestaltet gegebenenfalls sein Leben neu – dem Zitat folgend: „Der Ziellose erleidet sein Schicksal – der Zielbewusste gestaltet es“.

Das Fasten hat neben der religiösen und gesundheitlichen auch eine menschlich-soziale Dimension: Fasten verbindet Menschen. In Zeiten der Hektik findet man immer weniger die Momente, zusammen zu kommen, sei es nur, um gemeinsam zu essen. Gerade der Fastenmonat ist eine Gelegenheit, Familie, Freunde und Bekannte einzuladen, um dem Sog des Alltäglichen zu entrinnen und sich in einer ruhigen Atmosphäre einem netten Gespräch am Esstisch hinzugeben. Einen Monat lang führen Fastende gemeinsam die Fastenzeit durch und essen zeitgleich nach dem Sonnenuntergang. Man tauscht sich aus und das Gefühl des Sattwerdens wird in der Gemeinschaft erlebt. Es werden Wochen zuvor Termine ausgemacht, damit man das Fastenbrechen nicht alleine verbringt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gäste alle gefastet haben oder nicht. Im Vordergrund steht das nette Gespräch bei einem gemeinsamen Essen.

Mit der Nahrungsaufnahme wird der Körper vom Magen aus mit Energie versorgt. Der erschöpfte Körper sammelt seine Kräfte und beginnt, sich zu richten. Von einem zum anderen Moment vollzieht sich der Stoffwechsel und man ist dankbar für den Reichtum Essen. Auf der anderen Seite übt man die Selbstbeherrschung, Herr über seinen Körper und seinen Willen zu werden.

Ramadan 2017 endet: Froh und traurig zugleich

Hunger und Durst führen auch dazu, dass sich Gefühle der Fürsorge, Solidarität und soziale Verantwortung entfalten. Wie fühlen sich arme, hungernde Menschen, die notgedrungen fasten müssen? Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Nahrungsmittel. Hungern ist ein Teil ihres Lebens geworden. Freiwillig zu fasten ist selbstbestimmt. Ein „Fasten-Müssen“, weil Nahrungsmittel fehlen, ist aufgezwungen, und dementsprechend schwer. Umso mehr macht man sich besonders im Fastenmonat Gedanken um ärmere Menschen. Man fühlt – wenn auch wahrscheinlich nicht annähernd so intensiv – ihren Hunger, ihren Durst. Der theoretische Gedanke an sie geht über in die Praxis des Fastens. „So fühlt sich also ein Hungernder“, stellt man fest. Umso mehr wächst das Bedürfnis, sich um sie zu kümmern. Man ist rücksichtsvoller gegenüber Bedürftigen und Armen, denen besonders auch im Monat Ramadan Geld- und Sachspenden zukommen.

Kommenden Sonntag wird das Ende des Ramadan mit einem Festgebet und einem dreitägigen Fest gefeiert. Dann endet eine Zeit der Erfahrung, der eigenen Grenzen, der Konzentration auf das Wesentliche, der Unterbrechung des Alltäglichen, der Verständigung, der Begegnung und der körperlichen sowie der seelischen Reinigung. Ich bin froh und traurig zugleich – und wünsche allen ein besinnliches Ramadanfest.