Mord an Christen: Angeklagte kommen vorerst frei

Fast sieben Jahre nach dem Mord an einem deutschen und zwei türkischen Christen in der Türkei sind die Angeklagten vorerst wieder auf freiem Fuß. Das Gericht habe damit auf die vom Parlament beschlossene Begrenzung der Untersuchungshaft auf maximal fünf Jahre reagiert, berichtete die Zeitung „Milliyet“ am Montag.

Die Anwälte der Angeklagten Emre Günaydın, Abuzer Yıldırım, Cuma Özdemir, Hamit Çeker and Salih Gürler hatten zuvor eine Freilassung auf Bewährung beantragt.

Die fünf Männer sind angeklagt, im April 2007 in Malatya den damals 46-jährigen Deutschen Tilmann Ekkehart Geske und die zwei zum Christentum konvertierten Türken Necati Aydın und Uğur Yüksel in einem christlichen Bibel-Verlagshaus schwer misshandelt und getötet zu haben. Die Zeitung „Today’s Zaman“ berichtete, dass die Opfer vor ihrer Ermordung an Stühle gefesselt und mit Messern gefoltert wurden. Anschließend wurde ihnen dem Bericht zufolge die Kehle durchgeschnitten.

Vier der Angeklagten wurden dem Zeitungsbericht nach noch am Tatort im Zirve-Verlagshaus verhaftet. Der fünfte Angeklagte, Emre Günaydın, versuchte durch einen Sprung aus einem Fenster des dreistöckigen Gebäudes der eintreffenden Polizei zu entkommen, konnte jedoch ebenfalls festgenommen werden.

„Die Freilassung hat die Christen tief betrübt“

Den Angeklagten droht bei einer Verurteilung lebenslange Haft. Neun weitere Angeklagte, darunter auch hochrangige Militärangehörige wie etwa der ehemalige General Tolon, der Oberst a.D. Mehmet Ülger, ein ehemaliger Offizier der Jandarma (Gendarmerie) in Malatya, Genel Komutanlığı, und der Major Haydar Yeşil, sind mittlerweile ebenfalls wieder auf freiem Fuß.

Die Witwe von Tilmann Geske, Susanne Geske, sagte Today’s Zaman, die Freilassung empfinde sie als ungerecht. Sie und ihre Familie fühlten sich zunehmend bedroht, berichtete Geske, die mit ihren Kindern in Malatya lebt: „Es ist ein Anlass zum Misstrauen, dass die Mörder freigelassen wurden. Diese Entscheidung hat das Vertrauen der Menschen in das Gesetz verringert.“

Auch der Verband protestantischer Kirchen der Türkei äußerte sich besorgt in Bezug auf die Freilassung der Angeklagten und veröffentlichte eine schriftliche Stellungnahme. Darin wurde angegeben, dass die Familien der Opfer und Menschenrechtsaktivisten während der Anhörungen von den Angeklagten bedroht worden sein: „Nach dem jetzigen Stand der Dinge beginnen sich diejenigen, die bedroht wurden, unwohler zu fühlen. Die Freilassung hat die Christen (in der Türkei) tief betrübt und führt dazu, dass sie ihr Vertrauen in die Justiz verlieren.“

Auch der Zeitpunkt des Massakers sorgte in der Türkei für Spekulationen bezüglich der Der dreifache Mord von Malatya ereignete sich am Tag der Freilassung von Erhan Tuncel, einem Hauptverdächtigen im Mordfall des türkisch-armenischen Schriftstellers Hrant Dink.

Angst vor gefährlicher Signalwirkung

Dem Verbrechen vorangegangen war dem türkischen Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Juristen Orhan Kemal Cengiz zufolge eine gezielte Medienkampagne gegen Christen. Im Zentrum der Kampagne stand ihm zufolge ein angeblicher „Aussteiger“ mit hohem Belastungseifer. Der Aussteiger Ilker Çınar, einer der wichtigsten Zeugen im Fall des Massakers vom Zirve-Verlagshaus, erklärte im Detail, wie er die türkische öffentliche Meinung in der Zeit vor den Morden gezielt manipuliert hatte. Çınar sprach damals von einem „White Forces“ genannten Netzwerk, das an der Hetzkampagne beteiligt gewesen sein soll.

Cengiz kritisierte die Entscheidung des Gerichts auch mit Blick auf potenzielle Täter in der Zukunft, die durch die Freilassung ermutigt würden: „Die Entscheidung ebnet den Weg für neue Massaker. Ich befürchte, dass die Morde, die während der Ergenekon- und Balyoz-Prozesse aufgehört hatten, nun wiederkehren.“

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