Türkei

IS-Kommandeur: „Wir haben der Türkei viel zu verdanken“

Ein hochrangiger IS-Kommandeur spricht in der türkischen Grenzsstadt Reyhanlı mit einem Reporter der Washington Post und bedankt sich bei der Türkei für deren angebliche Hilfe. „Es gab Equipment und Nachschub“. (Foto: reuters)

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Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ soll in seiner Entstehungsphase auch Unterstützung aus der Türkei erhalten haben. Dies berichtete die Washington Post am Mittwoch. Die Zeitung beruft sich dabei auf eine Aussage eines langgedienten IS-Kommandeurs, der sich den Namen „Abu Yusaf“ gab, und der sich dahingehend äußerte, dass „der IS der Türkei für seinen Erfolg zu danken“ hätte, auch wenn sein mittlerweile gewonnener Zugang zu irakischen Waffen es nicht länger erforderlich mache, sich auf offene türkische Grenzen zu verlassen.

Bereits in der Vergangenheit war breite Kritik laut geworden, dass die türkische Regierung dem terroristischen IS in früherer Zeit unterstützt haben soll, als es darum ging, Kräfte zu unterstützen, die in der Lage wären, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen. Der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei Cumhuriyet Halk Partisi (Republikanische Volkspartei, CHP), Kemal Kılıçdaroğlu, sagte Anfang August etwa: „Die Waffen in der Hand der Terrorgruppe IS stammen von Erdoğan“.

Auch der kurdische Politiker und Bürgermeister von Mardin, Ahmet Türk, hat die türkische Regierung immer wieder wegen ihrer Haltung zu IS kritisiert. Türk sagte der türkischen Zeitung Zaman vor einigen Tagen: „Bei dem Erstarken des IS (türk. IŞİD) hat die Türkei eine wichtige Rolle gespielt. Über die Türkei ist ein Korridor eröffnet worden, durch den sich die IS-Kämpfer an den Punkten Ceylanpınar, Akçakale und Kilis mit und Waffen hin und her bewegten.“ Über die Logik der türkischen Regierung sagte Türk: „Die türkische Regierung will nicht, dass Kurden in Rojava zum Nachbarn werden.“ Türk kritisierte diese Haltung, verwies auf die tausendjährige gemeinsame Geschichte von Türken und Kurden und erklärte: „Nur wenn sich Kurden und Türken umarmen, kann die Türkei im Nahen Osten zu einem wichtigen Akteur werden.“ Die Regierung hat alle Vorwürfe in diese Richtung stets zurückgewiesen.  

Interview mit IS-Kommandeur „Abu Yusaf“ in Reyhanlı

Der IS-Kommandeur widerspricht jedoch der Darstellung der türkischen Regierung und bestätigt die Kritik der Opposition: „Wir konnten einige Kämpfer – selbst hochrangige Mitglieder des Islamischen Staates – in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen. Außerdem stießen die meisten Kämpfer, die schon von Beginn an in unseren Reihen mit dabei waren, über die Türkei zu uns. Darüber hinaus gab es Equipment und Nachschub.“

Der IS-Kommandeur berichtete, mittlerweile sei man auf die Türkei nicht mehr angewiesen, da man im Irak stark genug geworden sei, um selbst an Waffen zu gelangen. Auf dem Foto sieht man IS-Kämpfer, die von der irakischen Armee erbeutete Fahrzeuge in der syrischen Stadt al-Raqqa vorführen. (rtr)

Der 27-jährige, in Europa geborene Abu Yusaf, räumte ein, dass jüngste Maßnahmen der türkischen Regierung es schwieriger gemacht hätten, die Türkei als Transitroute zu nutzen – das Interview, das er der WP gab, fand dennoch in der türkischen Grenzstadt Reyhanlı statt, was zeige, dass sich der IS immer noch auf türkischen Boden bewegen kann. „Ich musste mithilfe von Schmugglern hierher kommen, aber Sie sehen, es gibt immer noch Mittel und Wege“, so Abu Yusaf.

Mittlerweile sei man auf die Türkei nicht mehr angewiesen, da man im Irak stark genug geworden sei, um selbst an Waffen zu gelangen. Und selbst innerhalb von Syrien sei man in der Lage, sich zu versorgen. Über längere Zeit jedoch konnten die IS-Kämpfer an Macht gewinnen, weil sie die türkische Grenze als „strategisch wichtige Versorgungsroute und Eingangspunkt“ nutzen konnten, um den Krieg voranzubringen.

„Die Türkei ist zu spät aufgewacht“

Die Türkei sei dem Bericht zufolge erst durch den Vormarsch des IS in Syrien und im Irak „aufgewacht“ und gehe nun gegen die Extremisten vor: „Im Einklang mit der EU und den USA haben türkische Offizielle mittlerweile Sicherheitsmaßnahmen entwickelt, um ausländische Kämpfer festnehmen zu können, bevor sie nach Syrien einreisen können, und man hat eine militärische Offensive gestartet, um den Schmuggel von Waffen und Versorgungsgütern über die Grenze zu unterbinden.“

Auch habe die Türkei begonnen, in Anbetracht der Gefahr durch den IS Kooperationsgespräche mit der Demokratischen Vereinigungspartei (PYD), dem politischen Arm der terroristischen PKK in Syrien, zu führen. Diese hatte sich in den kurdischen Dörfern Syriens als Ordnungsmacht herauskristallisiert, was seitens der Türkei als Sicherheitsrisiko betrachtet wurde. Die Einsicht könnte aber zu spät kommen, schrieb die Washington Post.