„Wer Shorts trägt, soll sterben“: Der Fall Ayşegül Terzi erregt türkische Gemüter

Die zunehmende Gewalt gegen Frauen bleibt ein Thema in der Türkei. Das zeigt ein Vorfall, der seit mehreren Tagen durch türkische Medien geht. Am 12. September, dem ersten Tag des Opferfestes, wurde in Istanbul eine 23-jährige Krankenschwester in einem voll besetzten Bus brutal attackiert. Einziger Grund für den Angriff: Sie trug eine kurze Hose.

Ayşegül Terzi war auf dem Weg zur Arbeit, als ein 35-jähriger Mann begann, sie aus dem Nichts heraus anzupöbeln. „Wer Shorts trägt, soll sterben“, raunte er, sie habe ihres Kleidungsstils wegen kein Lebensrecht. Kurz darauf trat er ihr vor den Augen der anderen Fahrgäste ins Gesicht. Auf den Aufnahmen der Überwachungskamera im Bus sind auch die Reaktionen der anderen Fahrgäste zu sehen: Sie schauen untätig zu, was passiert. Und was macht der Busfahrer? Er schmeißt die verletzte Frau einfach aus dem Bus, ebenfalls ohne ihr zu helfen.

Was jedoch den Empörungspegel in Teilen der türkischen Öffentlichkeit ansteigen ließ: Der Mann, zwischenzeitlich verhaftet, kam sechs Tage später, direkt nach seiner Vernehmung, wieder auf freien Fuß. Obwohl er zugibt, die Frau aus Wut angegriffen zu haben, weil sie Shorts trug, was seiner Meinung nach in der Öffentlichkeit nicht angemessen sei, berichtet die Nachrichtenagentur Doğan. Der Richter begründete die Entscheidung mit einer bipolaren Störung des Mannes.

Also wandte sich die im Gesicht verletzte Ayşegül Terzi per Twitter an die Öffentlichkeit und erhält unter dem Hashtag #AyşegülTerzininSesiOlalım (dt. „#SeienWirDieStimmeVonAyşegülTerzi) große Unterstützung. Der Account „PuCCa“ beispielweise tweetet: „Ist dieser verdorbene Mann, der wegen ein paar Shorts zuschlägt, angsteinflößender; sind es die tatenlosen Zuschauer; oder ist es der Busfahrer, der sie mitten auf der Straße rausschmeißt?“ und erhält mehr als 4.000 Retweets.

Tweet des Accounts PuCCa zum Übergriff auf eine Frau in Istanbul

Daraufhin kommt es landesweit zu Protestaktionen von Frauenrechtsorganisationen wie der „Unabhängigen Fraueninitiative von Ayvalık“. Ihre Mitglieder solidarisieren sich mit Ayşegül Terzi und tragen dabei demonstrativ Shorts. Immerhin, der öffentliche Druck auf die türkische Justiz und Politik zeigt Wirkung und der Angreifer wurde von einem Bereitschaftsgericht in Istanbul erneut verhaftet (Foto) – mit der Begründung, die Meinungsfreiheit behindert zu haben.

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei nach wie vor ein großes Problem. Laut einem Bericht der türkischen Bürgerinitiative „Wir werden Frauenmorde stoppen“ („Kadın Cinayetlerini Durduracağız Platformu“) wurden in der Türkei im vergangenen Jahr mehr als 300 Frauen umgebracht. Seit 2003 stieg die Zahl der getöteten Frauen um das Zehnfache an. Landesweite Proteste hatte in diesem Zusammenhang der Fall des Mordes an der Studentin Özgecan Aslan hervorgerufen. Sie wurde Anfang 2015 vom Fahrer eines Sammeltaxis vergewaltigt und ermordet, der Vater des Mörders hatte ihn daraufhin sogar noch gedeckt.

Erst Ende August war es erneut zu Protesten gekommen, nachdem im wohlhabenden Istanbuler Stadtteil Zekeriyaköy die Leiche der bekannten transsexuellen Aktivistin Hande Kader aufgefunden wurde. Sie wurde vergewaltigt, bestialisch verstümmelt und verbrannt. Nur zwei Wochen zuvor war die Leiche eines homosexuellen syrischen Flüchtlings nahe der Hande Kaders aufgefunden wurden. Auch er wurde misshandelt und verstümmelt.

Laut Datenerhebungen der Menschenrechtsorganisation Transgender Europe hat die Türkei die höchste Rate von Gewaltverbrechen und Morden an sexuellen Minderheiten aller europäischen Länder. Hinzu kommt, dass die Aufklärungsrate sehr gering und die Dunkelziffer nicht zuletzt aufgrund des sozialen Drucks sehr hoch ist.