Zwölf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September sind Trauer, Schmerz und Bitterkeit nicht verschwunden.

Jeder hat seine eigene Geschichte zu diesem Tag zu erzählen. Dort, wo ich am 11. September im Büro arbeitete, war es ein relativ kühler Frühherbsttag, stark bewölkt, düster und trüb. Nicht, dass irgendetwas darauf hingedeutet hätte, dass Böses in der Luft liegen würde – es war einfach nur ein trüber Tag im September.

Am frühen Nachmittag unserer Zeit war nicht mehr allzu viel zu tun, alle bereitete sich deshalb schon auf einen früheren Dienstschluss vor und ich checkte noch mal die Mail – da kam auf der Eingangsplattform des Maildienstes eine eigenartige Meldung über ein Flugzeug, das in einen Turm des World Trade Centers in New York gestürzt wäre. Näheres wusste man nicht, ich dachte erst an einen spektakulären Unfall und hatte noch nicht einmal eine potenzielle Katastrophe dieses Ausmaßes im Sinn.

Etwas später fuhr ich vom Büro nach Hause und es war schon sehr auffällig, dass die Straßen für diese Tageszeit außerordentlich menschenleer waren. Sogar dem Nachbarn, der mir im Treppenhaus mit seinem Hund begegnete, fiel dies auf.

Das Fernsehen sollte wenig später alle offenen Fragen beantworten. Die ersten schrecklichen Bilder kamen auf allen Kanälen, Aufnahmen von Menschen, die aus den obersten Stockwerken in den Tod sprangen, später die Interviews mit Frauen und Töchtern, die erzählten, wie ihre Väter sie noch einmal aus den Flugzeugen heraus angerufen hatten, um ihnen zum letzten Mal zu sagen, dass sie sie liebten. Und immer wieder die Unsicherheit und die Frage, ob das nicht der Auftakt zu einem neuen Weltkrieg werden würde…

Eines Tages konnten die Amerikaner wieder leben, als hätte es 9/11 nicht gegeben

Zwölf Jahre sind seither vergangen. Es läuft keine gedämpfte Musik mehr in den Radios. Auf dem Ground Zero erhebt sich wieder ein imposanter Turm, das One World Trade Center, bis 2009 als Freedom Tower bezeichnet, größer und mächtiger als je zuvor. Downtown Manhattan ist wieder zur Normalität zurückgekehrt, das Leben geht seinen gewohnten Gang. Die Tötung des mutmaßlichen Kopfes hinter den Anschlägen, Osama bin Laden, und die Schwächung des Terrornetzwerkes Al Qaida haben ebenso zur Genugtuung bei vielen Amerikanern beigetragen wie die Tatsache, dass es nach 2001 immerhin mehr als zehn Jahre hindurch keinen größeren Terroranschlag mehr auf eigenem Boden gegeben hat – und deshalb auch die Bluttat am Rande des Boston Marathons Anfang des Jahres seine beabsichtigte Wirkung, das Land zu destabilisieren, verfehlt hatte.

Wir wissen jetzt auch, dass es keinen neuen Weltkrieg gegeben hat und auch keinen geben wird. Die Anschläge vom 11. September hatten den damaligen US-Präsidenten George W. Bush, der 2000 die Wahl unter anderem mit der Ankündigung gewonnen hatte, sich weniger stark im Ausland zu engagieren und der sich bis zu diesem Tag auch daran gehalten hatte, zu einer politischen Kehrtwende veranlasst. Von diesem Tag an wollte man den Krieg zu den Terroristen tragen, bevor diese es schaffen würden, ihn in die USA zu tragen. So griff man auf der Basis des NATO-Statuts Afghanistan an, das zum ruhigen Hinterland für terroristische Gruppierungen geworden war, die Gewalt gegen die USA im Sinn hatten. Zwei Jahre später wurde der irakische Diktator Saddam Hussein gestürzt, der zwar nichts mit Al Qaida zu tun hatte, aber den USA als anhaltendes Sicherheitsrisiko galt.

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Neben Fortschritten in beiden Ländern – mittlerweile gibt es in beiden Ländern freie Wahlen, besseren Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung oder eine bessere Infrastruktur – brachten die Interventionen auch viel an neuer Bitterkeit. Immer wieder wurden Zivilisten Opfer von Luftangriffen oder Anschlägen, es gab bürgerkriegsähnliche Zustände, Vertreibungen, aber auch unverzeihliche Übergriffe aus den Reihen der Koalitionstruppen wie im Folterlager Abu Ghuraib oder im Zuge von Amokläufen von Soldaten, welche – auch wenn die Täter streng bestraft wurden – das Ansehen der USA und ihrer Truppen in der arabischen und islamischen Welt schwer belasteten.

Aus heutiger Sicht weiß man vieles besser. Man urteilt leicht über Personen, die in einer gegebenen Situation mit dem ihnen damals gegebenen Wissen Entscheidungen von globaler Auswirkung zu treffen hatten. Was aber vielleicht der tröstlichste Aspekt ist, ist die Tatsache, dass die Apokalyptiker und Hetzer nicht Recht behalten haben.

Zwar tauchen sie gerade an den Jahrestagen verstärkt auf: Auf der einen Seite die Demagogen, die meinen, die Toten vom 11. September ausbeuten zu müssen, um eine Religionsgemeinschaft pauschal für die Untaten von Terroristen in Haftung zu nehmen, auf der anderen Seite die Ideologen, die meinen, die Opfer verhöhnen zu müssen, indem sie Verschwörungstheorien spinnen, die Stimmung gegen die Freiheit machen sollen, auf der die USA errichtet wurden und für die sie immer noch stehen.

Aber sie haben ihr Ziel nicht erreicht. Die Mehrheit der Menschen sowohl in den USA als auch in den islamischen Ländern ist nicht bereit, sich an irgendeinem herbeigeredeten „Krieg der Kulturen“ zu beteiligen. Bereits unmittelbar nach dem 11. September hatte der damalige US-Präsident George W. Bush klargestellt, dass der Krieg nicht einer Kultur oder Religion, sondern dem Bösen zu gelten habe. „Das Gesicht des Terrors ist nicht das des islamischen Glaubens“, machte er bereits am 17. September im Islamischen Zentrum von Washington D.C. deutlich. „Das ist nicht, worum es im Islam geht. Islam ist Frieden. Die Terroristen repräsentieren nicht den Frieden, sondern das Böse und den Krieg“. Am 28. September 2001 wurde er gegenüber König Abdullah von Jordanien noch deutlicher: Der islamische Glaube beruht auf Frieden, Liebe und Mitgefühl. Das ist das genaue Gegenteil dessen, wofür Al Qaida steht, die auf dem Bösen, dem Hass und der Zerstörung aufgebaut ist“.

Gülens Botschaft vom Dialog der Kulturen heute wichtiger denn je

Eine andere Stimme der Besonnenheit in jenen Tagen war aber der berühmte türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen, der als einer der ersten islamischen Würdenträger in der angeheizten Stimmung nach den Anschlägen an die Öffentlichkeit trat und in einer Anzeige in der „Washington Post“ klare Worte für das fand, was die Menschen in der islamischen Welt bewegte.

Seine Aussagen haben nichts von ihrer Aktualität und Richtigkeit verloren: „Terror kann nie im Namen des Islam oder zum Erreichen eines islamischen Ziels benutzt werden. Akte wie wahlloses Töten, Selbstmordanschläge oder Entführungen sind im Islam vollständig verboten und können unter keinen wie auch immer denkbaren Bedingungen angewendet werden. Wer auf solche Art einen unschuldigen Menschen tötet, wird im Islam so betrachtet, als hätte er die gesamte Menschheit getötet. Ein Terrorist kann kein Muslim sein und ein Muslim kann kein Terrorist sein. Ein Muslim kann nur dann für seine Gemeinschaft stehen, wenn er dies als Symbol des Friedens, des Wohlergehens und des Wachsens und Gedeihens tut.“

Die Welt heute, zwölf Jahre nach den schrecklichen Anschlägen vom 11. September, ist eine andere. Die Konflikte verlaufen weiterhin innerhalb der Kulturkreise und nicht zwischen ihnen. Wenn US-Präsident Barack Obama, 2008 und 2012 gewählt von einer Nation, die zur Normalität zurückgefunden hatte, heute an den Gedenkfeierlichkeiten zum zwölften Jahrestag der Anschläge teilnimmt, hat er eine Rede an die Nation hinter sich, die sich mit einer völlig anderen Thematik befasste – nämlich dem Syrienkonflikt, wo die Fronten und Interessen so unklar sind wie selten zuvor. Und wo, wie die Entwicklungen der letzten Tage zeigen, die internationale Zusammenarbeit über die Grenzen von Ländern, Kulturen und Religionen so wichtig ist wie kaum je zuvor.