In den Weiten der somalischen Wüste ist auch die Türkei aktiv. Ankara vertritt auf dem afrikanischen Kontinent gezielt seine machtpolitischen Interessen. Foto: Mark Eder / Unsplash

Militärische Unterstützung in Libyen, humanitäre Hilfe in Somalia: Die Türkei ist in vielen Ländern Afrikas aktiv. Für schwache Staaten kommen die türkischen Ambitionen gelegen. Wie viel Macht die Türkei vor Ort hat, zeigt auch die Beschlagnahmung einer Gülen-Schule in Äthiopien.

Am Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu ist die Türkei omnipräsent. Außen weht die türkische Flagge am Fahnenmast, innen ist sie auf verschiedenen Tafeln zu sehen. Und das hat einen Grund: Der neue Terminal wurde mithilfe der türkischen Regierung finanziert und ist von einem türkischen Bauunternehmen errichtet worden.

Somalia ist für die Türkei, die sich selbst als Intermediär zwischen Orient und Okzident sieht, ein wichtiger Anker auf dem afrikanischen Kontinent. Denn außenpolitisch strebt Ankara nach Macht und Einfluss. Seine Ambitionen als regionaler Akteur vertritt das Land nun auch immer offensiver in Afrika – mit militärischen, humanitären und wirtschaftlichen Mitteln.

Türkei wichtiger Player in Afrika

Dazu passt die Neuorientierung vieler afrikanischer Staaten. Denn das Beispiel Somalia zeigt auch: Viele Nationen lösen sich immer mehr vom Einfluss ihrer ehemaligen europäischen und größtenteils unbeliebten Kolonialmächte. Ihre Bedeutung nimmt ab und neue Player nehmen ihren Platz ein. Neben China hat sich vor allem die Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan in der Region etabliert.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Türkei unterhält 46 Botschaften auf dem Kontinent. Zum Vergleich: 2008 waren es lediglich zwölf. 2016 eröffnete die Türkei ihre weltweit größte Vertretung in Mogadischu – anders als westliche Botschaften, die sich am Flughafen in einer Hochsicherheitszone verschanzen, mitten in der Stadt. Außerdem ist das Land als Beobachter Mitglied der Afrikanischen Union (AU) und beteiligt sich an fünf UN-Friedensmissionen in Afrika.

Somalia als dankbarer Partner

Besonders Somalia ist für die türkischen Ambitionen ein dankbarer Partner. In dem Land am Horn von Afrika fehlt es an allem: Somalia steckt nach Jahren des Bürgerkriegs mitten im Wiederaufbau und benötigt finanzielle Hilfe und tatkräftige Unterstützung bei Bildung, Sicherheit, Infrastruktur und Gesundheit.

Besonders eindrucksvoll ist die Kooperation im Sicherheitssektor: Im sogenannten „Camp Turksom“ trainiert die türkische Armee seit September 2017 somalische Soldaten. Mit etwa vier Quadratkilometern ist es die größte türkische Militärbasis außerhalb der Türkei. Hinzu kommt: Somalische Elitesoldaten werden in der Türkei ausgebildet (DTJ-Online berichtete).

Islam als verbindendes Element

Das Land setzt in Somalia, das islamisch geprägt ist, auch auf kulturelle und religiöse Gemeinsamkeiten. Ein Beispiel: Als im Sommer 2011 zwölf Millionen Menschen aufgrund von Dürren an Hunger und Unterernährung litten, leistete die Türkei mithilfe anderer muslimischer Staaten schnelle Hilfe. 240 Millionen Euro sammelte das Land ein. Erdoğan überbrachte den Scheck persönlich.

Schon damals betonte er: Die Türkei wolle ihre Glaubensbrüder und -schwestern nicht allein lassen. Der Islam ist auch ein verbindendes Element zu Ländern in Westafrika und zu den großen islamischen Gemeinschaften in anderen Ländern des Kontinents. So ist Ankara auch in Äthiopien und Kenia, im Senegal, in Südafrika, in Ghana sowie in der Demokratische Republik Kongo präsent.

Türkische Stiftung beschlagnahmt Gülen-Schule

In Äthiopien ist der türkische Einfluss sogar so groß, dass die regierungsnahe türkische Maarif-Stiftung eine von Deutschen gegründete und der Gülen-Bewegung zuzurechnende Privatschule unter ihre Kontrolle bringen konnte. In der Hauptstadt Addis Abeba seien Personen mit Polizeigewalt in alle Zweigstellen der sogenannten „Intellectual School“ eingedrungen. Türkische Flaggen sollen gehisst worden sein.

Drei deutsche Investoren finanzieren die insgesamt elf Schulen in Äthiopien. Es handele sich dabei um ein „christlich-muslimisches Projekt“, das beim Auswärtigen Amt zuletzt den offiziellen Status als „Deutsche Schule im Ausland“ beantragt habe, sagte der deutsche Hauptgeschäftsführer Norbert Helmut Dinse.

Maghreb-Staaten als Tor zu Afrika

In den nordafrikanischen Maghreb-Staaten setzt die Türkei einen weiteren Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten auf dem afrikanischen Kontinent. Marokko, Tunesien und Algerien sind für die Türkei das Tor zu den aufstrebenden afrikanischen Märkten. In den frühen 2000er-Jahren hinterlegte das Land seine Interessen mit bilateralen Abkommen.

2005 unterzeichnete die Türkei ein Assoziierungsabkommen mit Tunesien. Ein Jahr später folgte ein Handelsabkommen mit Marokko und ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen mit Algerien. Mit einem Handelsvolumen von 4,2 Milliarden Dollar im Jahr 2020 ist das Land nach Ägypten der zweitgrößte Handelspartner der Türkei in Afrika.

Ankaras Fokus: Gas und Öl in Libyen

Und in Libyen ist die Türkei seit 2019 vermehrt aktiv, um seine energiepolitischen Ziele zu verfolgen (DTJ-Online berichtete). Im November 2019 vereinbarte die Türkei mit der Einheitsregierung ein Abkommen über Seegrenzen. Der türkische Präsident beabsichtigt, sich damit alsbald Gas- und Ölvorkommen im östlichen Mittelmeer zu sichern.

Dafür schickte Erdoğan sogar Soldaten und Milizionäre in den libyschen Bürgerkrieg. Im Januar 2020 setzte das türkische Militär bewaffnete TB2-Drohnen ein, um den Vormarsch des Milizenführers Chalifa Haftar zu stoppen.

Europäische Skepis

Die EU und der Westen reagieren auf die türkischen Aktivitäten mit Skepsis. Ein Vorfall vor der Küste Libyens im November 2020 unterstreicht auch die wachsende Unsicherheit des Westens: Die Mannschaft der deutschen Fregatte „Hamburg“ wollte ein türkisches Containerschiff kontrollieren. Der Verdacht: illegale Waffenlieferungen.

Dann stoppte ein Veto der Türkei den Einsatz (DTJ-Online berichtete). Für die Bundesregierung war das eine Blamage. Zumal sie gemeinsam mit der EU für die neuen türkischen Machtansprüche verantwortlich ist.

Als zentrales Motiv für die neue Außen- und Afrikapolitik der Türkei gilt nämlich die Enttäuschung über die seit Jahren hinhaltende Behandlung des EU-Beitrittsantrags. Zeitgleich erkannte Ankara, dass die Westbindung des Landes das eigene Handeln beschränkt. Damit ist seit einigen Jahren Schluss.

Erdoğans Traum von Macht und Größe