Welch ein Wandel. Nach der Erstürmung des Schiffes Mavi Marmara am 31. Mai 2010 durch israelische Soldaten im Mittelmeer kritisierten sie Israel in den schärfsten Tönen. Sie bezeichneten Israel als einen Terrorstaat. Stellten Vergleiche an, die Israel auf eine Stufe mit den Nazis stellten. In ihrer Ideologie waren Juden per se etwas Suspektes. In Erregungszuständen rutschte ihnen schon mal das Schimpfwort „israelische Brut“ über die Lippen.

Und nun die Kehrtwende: „Israel ist unser Freund, sowohl der israelische Staat als auch das israelische Volk.“ Diese Aussage stammt von Ömer Çelik, dem stellvertretenden Vorsitzenden und Sprecher der Regierungspartei AKP.

Çelik beantwortete nach der Präsidiumssitzung am Montagmorgen in Ankara Fragen rund um die Aussöhnungsspekulationen zwischen der Türkei und Israel: „Es ist noch nichts unterschrieben. Wir arbeiten an einem Konzept. Zweifellos ist der israelische Staat und das israelische Volk Freund der Türkei.“ Die bisherige Kritik der Regierung sei nur auf die „nicht legitime und überzogene“ Verhaltensweise der israelischen Regierung gerichtet gewesen.

Krise mit Russland Grund für plötzlichen Wandel?

Nach der Erstürmung des Schiffes Mavi Marmara 2010, das Hilfsgüter in das blockierte Gaza bringen, nebenbei aber auch die Blockade durchbrechen wollte, war Çelik noch einer der schärfsten Kritiker Israels. Er war es, der Israel noch mit den Nazis verglich.

Und während Çelik am Morgen diese Worte in Richtung Israel abgab, empfing der Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan am Wochenende in Istanbul Chalid Maschal, einen der Führer der palästinensischen Organisation Hamas, die unter anderem von Deutschland als Terrororganisation eingestuft wird. Maschal wurde 1997 Opfer eines Mordanschlags durch den israelischen Geheimdienst Mossad in Jordanien, den er überlebte. Auch Premier Ahmet Davutoğlu traf sich mit ihm.

Entweder ist die Erkenntnis des AKP-Sprechers Ömer Çelik also noch nicht überall in der Partei angekommen, oder der Wandel braucht eben Zeit und Behutsamkeit. Möglich aber auch, dass der russische Präsident Wladimir Putin und die Krise mit Russland zu dieser Erkenntnis beigetragen haben.