Aufräumarbeiten nach dem Terroranschlag am Istanbuler Atatürk-Flughafen

Türkische Sicherheitskräfte haben mutmaßliche Hintermänner des verheerenden Terroranschlags auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen festgenommen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı (AA) berichtet, wurden bei gleichzeitigen Razzien an 16 verschiedenen Orten 13 Verdächtige verhaftet. Drei von ihnen sollen ausländische Staatsangehörigkeiten haben. Um welche es sich handelt, wurde noch nicht bekanntgegeben. Wie die Nachrichtenagentur Doğan (DHA) berichtet, sollen die drei Selbstmordattentäter seit ungefähr drei Monaten eine gemeinsame Wohnung im Istanbuler Stadtteil Fatih bewohnt haben, in der sie sich mutmaßlich auf den Anschlag vorbereitet haben. Einer Nachbarin sei aufgefallen, dass seit dem Einzug der Männer durchgehend die Fenster verhangen gewesen sind, berichtet DHA. Unterdessen werden immer neue Details zum Hergang der Ereignisse bekannt.

Einer der drei Selbstmordattentäter vom Istanbuler Atatürk-Flughafen ist nach Angaben aus Regierungskreisen doch in die Abflughalle des Internationalen Terminals gelangt. Der erste Attentäter habe sich an der Sicherheitskontrolle im Eingangsbereich in die Luft gesprengt und damit Chaos ausgelöst, sodass der zweite Attentäter ins Gebäude gelangen und seinen Sprengsatz in der Abflughalle im ersten Stock zünden konnte, hieß es am Mittwochabend aus Regierungskreisen.

Ein dritter Attentäter sprengte sich demnach anschließend draußen vor dem Gebäude in die Luft. Mutmaßlich habe er damit fliehende Menschen treffen wollen.

Zunächst hatte es aus Regierungskreisen geheißen, keiner der drei Angreifer habe die Sicherheitsschleusen zum internationalen Terminal passiert. Augenzeugenberichte und Videos in sozialen Medien hatten jedoch früh darauf hingedeutet, dass mindestens ein Angreifer in den Innenbereich gelangte.

Yıldırım: „Keine Sicherheitsmängel“

Bei dem verheerenden Terrorangriff auf den Atatürk-Flughafen hatten die drei Selbstmordattentäter am Dienstag Dutzende Menschen mit in den Tod gerissen und 239 verletzt, darunter eine Deutsche. AA berichtete am Mittwochabend unter Verweis auf Quellen im Gesundheitswesen, eine lebensgefährlich verletzte Frau sei inzwischen ebenfalls gestorben und die Zahl der Todesopfer damit auf 42 gestiegen.

Dennoch sah die türkische Regierung keine Versäumnisse bei der Sicherheit. „Weder im Abflug- noch im Ankunftsbereich am Flughafen kann von einer Sicherheitslücke die Rede sein“, sagte Ministerpräsident Binali Yıldırım. Erste Hinweise deuteten auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als Urheber des Anschlags auf dem größten Flughafen der Türkei hin, sagte er. Ein Antrag auf eine parlamentarische Untersuchungskommission zu den Ereignissen, den die Oppositionsparteien in der Türkischen Nationalversammlung gemeinsam eingebracht hatte, wurde indes mit den Stimmen der Regierungspartei AKP abgewiesen.

Es war bereits der vierte schwere Anschlag in Istanbul seit Jahresbeginn. Der IS hat sich noch zu keinem der ihm in der Vergangenheit zugeschriebenen Anschläge in der Türkei bekannt.

Das Attentat zum Beginn der Feriensaison in Europa dürfte die Krise der Tourismusbranche in der Türkei noch verschärfen. Schon für den Mai war ein Einbruch der Besucherzahlen um 34,7 Prozent gemeldet worden, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland forderte mehr Solidarität: „Europa macht zu oft den Fehler, dass es Terrorismus als zweitrangig betrachtet, wenn er nicht direkt vor der eigenen Tür geschieht„, sagte der Vorsitzende des Verbands, Gökay Sofuoğlu, der „Rheinischen Post“ am Donnerstag. „Die Länder müssten aufhören, sich gegenseitig vorzuwerfen, wer wo an welchen Terroranschlägen mit Schuld trage.“ Vielmehr müssten die Kräfte im Anti-Terror-Kampf gebündelt werden, ansonsten gewännen der IS und andere Terroristen weiter an Boden.

EU erwägt Zugeständnisse im Streit um das Anti-Terror-Gesetz

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen drängt die türkische Regierung indes, die umstrittenen Anti-Terror-Gesetze des Landes zu lockern. „Unter dem Deckmantel der Anti-Terror-Gesetzgebung darf keine allgemeine Anti-Oppositions-Gesetzgebung stattfinden“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Die Sicherheitslage in der Türkei sei besorgniserregend: „Die Häufung der Anschläge in der Türkei drückt eine zunehmende Eskalation von terroristischer Gewalt und staatlich-militärischer Gegengewalt aus.“

Nach Informationen der Bild-Zeitung gibt es in der EU-Kommission Überlegungen, vom harten Kurs gegenüber der Türkei abzurücken. Bislang verlangte Brüssel eine Abmilderung der türkischen Anti-Terror-Gesetze im Gegenzug für Visa-Erleichterungen. Nun solle sich Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans am Donnerstag mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu treffen, um über mögliche Zugeständnisse zu beraten, berichtete die Zeitung.

Das Brandenburger Tor in Berlin erstrahlte am Mittwochabend in den Farben der türkischen Flagge. Mit der Aktion zeige die deutsche Hauptstadt ihre Verbundenheit und Solidarität mit der Partnerstadt Istanbul, erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). (dpa/ dtj)