Die Drogeriekette dm ist zur Zeit einem beachtlichen Shitstorm ausgesetzt. Das Unternehmen aus Karlsruhe finanziere nämlich die PKK – das behaupten zumindest viele Deutschtürken, die ihrer Wut vor allem in den sozialen Netzwerken Luft machen. Bei Whatsapp und in den Kommentarspalten auf Facebook machten am Wochenende Bilder die Runde, in denen zum Boykott der Kette aufgerufen wurde. 

Hintergrund ist eine Spendenaktion, die zum 10. Geburtstag einer dm-Filiale im nordrhein-westfälischen Troisdorf stattfinden soll. Die Drogeriekette konnte den bekannten Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Ruprecht Neudeck dafür gewinnen, am 17. Oktober eine Stunde an der Kasse der Troisdorfer Filiale zu arbeiten. Die Einnahmen seines Einsatzes sollen dann nach seinem Wunsch wohltätigen Zwecken gespendet werden.

Und hier beginnt das Politikum, denn Neudeck hat sich als Spendenempfänger den Verein „Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg/Bonn e.V.“ ausgesucht. Deshalb werfen dem Unternehmen nun viele Türken vor, die terroristische PKK zu unterstützen. Nur: An Beweisen für ihre These mangelt es. Die Facebookseite „Türkische Fakten“ (knapp 60.000 Likes), die unter unverfänglichem Namen oft nationalistische Thesen verbreitet, nahm die Spendenaktion zum Anlass, zu einem Boykott der Marke dm aufzurufen und schaffte es damit unhinterfragt bis in Massenmedien wie Bild, Welt und Focus.

Das Wort „Civata“ reicht als Beweis

Vermeintliche Beweise, dass die Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg/Bonn e.V. ein PKK-Unterstützerverein ist, lieferte die Seite gleich mit: Auf dem Anmeldeformular des Vereins steht auf Kurdisch „Gemeinschaft Kurdistans“, also „Civata Kurdistan“. Unter einem Screenshot des Anmeldeformulars prangt zum Vergleich der Wikipedia-Artikel zur PKK-Nebenorganisation CDK. Deren Name wiederum heißt übersetzt „Demokratische Gemeinschaft Kurdistans“, oder „Civata Demokratik Kurdistan“. Das kurdische Wort „Civata“, also Gemeinschaft, kommt in beiden Namen vor. Punkt. Beweis erbracht. Auf eine Anfrage von DTJ nach weiteren Belegen für die These, dass die Gemeinschaft Verbindungen zur PKK hat, antwortete der Admin der Seite bisher nicht. Auch den Boykott-Aufruf hat die Seite mittlerweile (Stand 15.10.2015) gelöscht.

Auch auf Twitter wird unter dem Hashtag #dmunterstütztterror fleißig zum Boykott der Drogeriekette aufgerufen. Allerdings scheinen sich die Empörten nicht die Mühe gemacht zu haben, auch nur einmal etwas über die Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg/Bonn e.V. in Erfahrung zu bringen. Schaut man sich den Verein nämlich genauer an, so kommt man zum Schluss, dass eine Verbindung zur PKK äußerst unwahrscheinlich ist. Der Verein entstammt einer anderen Traditionslinie als die PKK, verbunden fühlt er sich laut seinem Ehrenvorsitzenden Musa Ataman eher Ideengebern wie dem türkisch-kurdischen Politiker und Intellektuellen Kemal Burkay. Burkay, politisch eher dem linken Spektrum zuzuordnen, ist ein entschiedener Gegner der PKK und sieht sie bekennender Weise als eine Organisation des türkischen Tiefen Staates: „Die PKK ist nicht aus dem Nichts entstanden. Öcalan hat sie als Mann des [türkischen] Staates im Auftrag des [türkischen Geheimdienstes] MİT gegründet“, sagte er beispielsweise letztes Jahr in einem Fernsehinterview mit dem türkischen Fernsehsender Bugün TV.

Kurdische Gemeinschaft weist Anschuldigungen entschieden zurück

Auch Musa Ataman, der Ehrenvorsitzende des Vereins, zeigte im Gespräch mit DTJ kein Verständnis für die Vorwürfe. „Wir sind ein Verein, der seit 26 Jahren in der Region tätig ist und bei dem Freiwillige aller Nationalitäten Mitglied sind. Neben Türken, Kurden und Deutschen sind 13 verschiedene Nationalitäten bei uns aktiv“, charakterisiert er die Kurdische Gemeinschaft und betont: „Wir lehnen jede Organisation ab, die Gewalt als Mittel zur Erreichung politischer Ziele nutzt. Man kann in keinster Weise behaupten, dass wir die PKK unterstützen würden. In Deutschland ist die PKK unter anderen Namen organisiert.“

Außerdem seien sie auch anderen politischen und religiösen Ausrichtungen gegenüber offen. So gebe es vor Ort beispielsweise auch Kontakte und Zusammenarbeit mit allen Migrantenverbänden, auch DİTİBMoscheen. „Wir sind keine politische Organisation, sondern ein wohltätiger Verein, der sich für das friedliche Zusammenleben aller Ethnien in unserer gemeinsamen Heimat Deutschland einsetzt. Es hätte nur einer kurzen Recherche bedurft, um herauszufinden, dass wir mit der PKK nichts zu tun haben“, so Ataman, der bereits im Jahr 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Man wisse noch nicht, wer die Kampagne gegen den Verein initiiert hat, aber man erwäge, rechtliche Schritte einzuleiten, um sich gegen die Behauptungen zur Wehr zu setzen, schließlich ist die PKK auch in Deutschland eine verbotene Organisation, weswegen es keine Lappalie ist, der Gemeinschaft Verbindungen zu ihr zu unterstellen.

Das Wort „Kurde“ reicht oft, um Terror-Assoziationen hervorzurufen

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinschaft Deutschlands, äußerte sich DTJ gegenüber ähnlich eindeutig: „Mit dieser Kampagne schaden sich die Türken nur selbst. Die Vereine, die Mitglied unserer Gemeinschaft sind, haben keinerlei Verbindung zur PKK. Wir kommen aus einer anderen Tradition. Das Wort ‚Kurde‘ löst leider bei einigen Türken gleich eine Assoziation oder gar Gleichsetzung mit dem Begriff Terror aus.“ Daran trage auch die türkische Politik eine Mitschuld: „Mit der Kampagne, die Erdoğan in den letzten Monaten geführt hat, hat er das noch bestärkt. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.“ Dabei war das Verhältnis zur AKP einst gar nicht das schlechteste, früher hatte der Verband sogar Kontakte zu AKP-Abgeordneten wie Abdurrahman Kurt.

Das Geld, das mit der dm-Aktion eingenommen wird, solle darüber hinaus laut Musa Ataman Deutschland gar nicht verlassen, da es für Hilfsaktionen für Flüchtlinge in Deutschland ausgegeben werden soll.

Auch die Drogeriekette selbst hat zu den Vorwürfen bereits Stellung genommen und sich unnötigerweise für die „Kommunikation zur Aktion in Troisdorf“ entschuldigt sowie betont, an der Aktion festzuhalten. Konsequenter, wenn auch weniger PR-tauglich, wäre es wahrscheinlich gewesen, von den Kritikern erst einmal Beweise für die Unterstellung einer Verbindung zur PKK zu fordern.