Der Kurs der türkischen Lira nähert sich dem Rekordtief. Foto: dpa-Bildfunk

Der Streit mit den USA um die osmanischen Massaker an Armeniern hat für Aufregung an den Finanzmärkten gesorgt. Erschwerend kommen neue Aussagen des Zentralbankchefs zur türkischen Zinspolitik hinzu. Indes taumelt die Lira weiter.

Die türkische Lira verliert auch zum Wochenende dramatisch an Wert. Für einen Euro mussten 9,95 Lira gezahlt werden. Zu Wochenbeginn waren es sogar 10,27 Lira – so viel wie nie zuvor. Zum Dollar rangierte die Lira am Freitag bei 8,28. Der historische Tiefststand vom November 2020 mit 8,58 liegt nicht weit entfernt.

Die Finanzmärkte sind in Aufruhr. Verunsichert werden sie insbesondere durch politische Faktoren in der Türkei. Zum einen erhitzen die politischen Spannungen zwischen Ankara und Washington um die Anerkennung der Massaker der Osmanen an den Armeniern als Genozid die Gemüter. US-Präsident Joe Biden hatte damit zu Beginn der Woche – Warnungen der Türkei zum Trotz – eines seiner Wahlkampfversprechen eingelöst (DTJ-Online berichtete).

Erdoğans Mann für den Kampf gegen die Zinsen“

Zum anderen beunruhigen Aussagen des neuen Zentralbankpräsidenten Şahap Kavcıoğlu die Finanzmärkte. „Erdoğans Mann für den Kampf gegen die Zinsen„, wie das Handelsblatt ihn nennt, hatte Zinsen als generell schlecht für die Wirtschaft des Landes bezeichnet.

In dieser Woche gab Kavcıoğlu außerdem bekannt, dass die Türkei ihr Inflationsziel von 9,4 Prozent für 2021 nicht halten könne. Stattdessen rechne er ab sofort mit 12,2 Prozent. Seitdem Kavcıoğlu vor fünf Wochen zum Chef der Notenbank ernannt worden war, verlor die Lira mehr als 20 Prozent ihres Wertes. Für den Notenbankchef, der als oberster Währungshüter gilt, ist das ein Armutszeugnis.

Corona-Debakel und Skandal um Krypto-Börse

Hinzu kommt, dass die mit täglich mehr als 50.000 Neuinfektionen weiter angespannte Corona-Lage die Türkei im internationalen Vergleich schlecht dastehen lässt. Turbulenzen um eine zusammengebrochene Krypto-Börse samt Festnahmen und Kontensperrungen internationaler Kunden (DTJ-Online berichtete) taten ihr Übriges, um das fatale Bild abzurunden.

Das Missmanagement in der Türkei ist hausgemacht. DTJ-Online hatte bereits vor Wochen einen Weg aus der Krise gewiesen: Eine Erhöhung des Leitzinssatzes könnte die schwächelnde Wirtschaft des Landes stützen. Die Anpassung des Leitzinses scheint für Ankara aber aktuell keine Alternative zu sein. Die Frage lautet: Wie lange noch?