Der türkische Staatspräsident bei seiner kürzlichen Kundgebung in Elazığ. Foto: Screenshot/Youtube

Die Türkei kommt im Kampf gegen die weltweite Corona-Pandemie deutlich besser mit den Impfungen voran als viele andere Länder, auch als Deutschland. Das gibt Grund zur Hoffnung. Doch was auf einigen öffentlichen Veranstaltungen passiert, lässt an einem nachhaltigen Erfolg gegen die Pandemie zweifeln.

Der Fußballclub Fenerbahçe Istanbul kämpft dieses Jahr um die Meisterschaft. Der letzte Triumph liegt viele Jahre zurück. Zuletzt wurde der ambitionierte Verein in der Saison 2013/14 türkischer Meister. So warten die Fans gerade in diesem Jahr, wo doch so namhafte Spieler wie Mesut Özil dazugestoßen sind, sehnsüchtig auf den großen Erfolg.

Das zeigte sich auch beim Auswärtsspiel von Fener in Hatay. Die Fans in der südtürkischen Stadt empfingen die Mannschaft wie bei einer Meisterfeier. Bilder zeigen, wie Hunderte Anhänger dicht an dicht stehen, singen, hüpfen, brüllen. Momente, in denen das Virus aus den Sinnen verschwunden zu sein scheint.

Geschützt werden nur die VIPs

In Hatay wurde für die Sicherheit der Fußballer gesorgt. Security und Polizei hielten die Menschenmengen von den Stars weg. Doch dass dabei ihre eigene Gesundheit in höchstem Maße riskiert wurde, scheint weder das Volk noch die Verantwortlichen zu interessieren. Dass medizinische Masken nur bis zu einem gewissen Grade die Menschen vor einer Infektion schützen, ist mittlerweile allseits bekannt. Lautstarke Fans dürften an diesem Tag in Hatay viel zum Ausstoß von Aerosolen beigetragen haben.

Aber auch die politischen Stars werden besser als die „einfache“ Bevölkerung geschützt.

Mustafa Sarıgül beim Partei-Großevent

Schon wieder wurde eine Parteineugründung in der Türkei verkündet. Diesmal handelt es sich um die „Türkiye Değisim Partisi“, zu Deutsch die Partei für Veränderung in der Türkei. Ihr Vorsitzender: Mustafa Sarıgül, langjähriger CHP-Politiker. Für seine Machtansprüche hatte er in der CHP keine Grundlage mehr gesehen. So trat er 2019 aus und gründete nun seine eigene Partei.

Auf einer Veranstaltung seiner Partei wurde es schnell euphorisch. Die Menge um ihn herum skandierte: „Ministerpräsident Sarıgül“. Von Social Distancing wollten die Teilnehmer nicht viel wissen. Auch Sarıgül schien von der Atmosphäre eher beglückt worden zu sein. Als er einen Satz für die Presse loswerden wollte, rief er lässig per Handgeste einen Kameramann in seine Nähe und legte seinen Mundnasenschutz ab. „Legt eure Leidenschaft an den Tag, die Veränderung hat begonnen“, so der erfahrene Politiker.

Keiner macht es wie Erdoğan

Seit Monaten setzt der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca seinen Einsatz gegen das Virus fort. Phasenweise erhielt er dafür auch Beifall aus dem Lager der Opposition. Doch seine eigenen Partei- und Kabinettsmitglieder haben Koca mehrfach in Schwierigkeiten gebracht, unter anderem die Großveranstaltungen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan.

Ende Januar besuchte dieser die Stadt Elazığ. Anlass war der erste Jahrestag nach dem Erdbeben in der ostanatolischen Provinz. Auch hier zeigen Bilder, dass die versammelte Menge die Social-Distancing-Maßnahmen kaum oder gar nicht einhielt, unter anderem als der Präsident Tee verteilte, indem er vorbereitete Päckchen in die Menschenmenge warf.

AKP-Kongress ohne Social Distancing

Aufgrund der Pandemie hatten Parteien ihre Kongresse eigentlich eingefroren. Doch auch damit ist in der Türkei Schluss. Was Mustafa Sarıgül kann, das kann die AKP mit links. Am 24. Februar fand in der Sinan-Erdem-Sporthalle in Istanbul ein AKP-Kongress teil, an dem auch Erdoğan, der ja nicht nur Staatspräsident, sondern auch AKP-Vorsitzender ist, teilnahm. Aufnahmen zeigen, dass vor allem beim Einlass und beim Ausgang die Regeln des Social Distancing völlig vernachlässigt wurden. Die Parteimitglieder wurden aus ihren Bezirken mit Bussen transportiert.

All diese Bilder sorgen vor allem beim Einzelhandel, dem wie in einigen anderen Ländern auch eine große Pleitewelle droht, für viele Fragezeichen und zunehmende Missstimmung.