Der letzte Sommer in Hasankeyf

Die türkische Stadt Hasankeyf hat Kriege, Dynastien und Naturkatastrophen überstanden. Durch ein droht ihr jetzt die Versenkung. Die Vorbereitungen für die Flutung laufen schon.

Von Constanze Letsch

Ein sandfarbener Felsbrocken geht krachend zu Boden, dicke Staubwolken wirbeln auf. Das offensichtlich mit einer Handykamera aufgenommene Video wackelt, als sich erneut eine Steinlawine vom Hang löst. Die türkischen Behörden haben damit begonnen, Felsvorsprünge rund um die Zitadelle von Hasankeyfabzutragen, um die Flutung des Ortes durch den kontroversen Ilisu-Staudamm vorzubereiten.

Für Ahmet, der seinen wirklichen Namen lieber nicht nennen möchte, ist es ein furchtbarer Anblick. Er hat sein ganzes Leben in Hasankeyf verbracht, einem Städtchen in der südostanatolischen Provinz Batman, das die Jahrtausende überdauert, Kriege und Dynastien überlebt hat. «Das ist wohl der letzte Sommer für uns in Hasankeyf. Es bricht mir das Herz, das zu sehen», sagt er.

Als Betreiber eines kleinen Geschäfts in der Stadt weiß Ahmet nicht, wie es weitergehen soll. «Die Jungen gehen», sagt er. «Das Leben auf dem Land wird immer schwerer. Aber was soll ich in der Großstadt, da gehöre ich nicht hin.» Leisten könne er sich eine Wohnung in der Provinzhauptstadt auch nicht.

Die Felsbrocken, so die offizielle Begründung, müssten wegen der Steinschlaggefahr zerstört werden. 210 der insgesamt 6000 von Menschenhand in den Kalkstein geschlagenen Höhlen – Wohn- und Kultstätten, von denen die ältesten bis in die Jungsteinzeit zurückreichen – sollen ebenfalls aufgefüllt werden, um Erosion durch den Stausee zu verhindern.

: Das Südostanatolienprojekt

Der seit 1954 geplante Ilisu-Damm, eines der größten Staudammprojekte in der Türkei, ist Teil des Südostanatolienprojekts (GAP), in dem Euphrat und Tigris mehrfach gestaut werden sollen. Durch Ilisu wird der Wasserspiegel in Hasankeyf um 60 Meter ansteigen. Zahlreiche Kulturschätze und mehr als 300 zum Teil noch nicht erschlossene historische Stätten werden unter den Wassermassen verschwinden. 

Das über 600 Jahre alte Grabmal des Kriegers Zeynel Bey wurde bereits im Mai mittels einer fahrbaren Plattform zu seiner neuen Bestimmung, dem nördlich von Hasankeyf errichteten archäologischen Kulturpark, gebracht. Laut Presseberichten laufen die Vorbereitungen für die Umsetzung weiterer bedeutender Denkmäler, wie des Minarettes der 1409 errichteten Al-Rizk- oder eines frühmittelalterlichen Hamams.

Das über 600 Jahre alte und mehr als 1100 Tonnen schwere Grabmal von Zeynel Bey wird am 12.05.2017 in Hasankeyf (Türkei) mittels einer fahrbaren Plattform umgesetzt. 

Experten wie die Spezialistin für Denkmalschutz, Zeynep Ahunbay, kritisieren die Umsetzungen: «Denkmäler umzustellen und in einer neuen Umgebung aufzubauen entspricht nicht internationalen Schutzkriterien, um das kulturhistorische Erbe zu bewahren», sagt sie.

, Österreich und die Schweiz hatten Kreditbürgschaften für den Damm im Juli 2009 gestoppt, weil die geforderten Auflagen für den Umweltschutz, den Erhalt von Kulturgütern und die Umsiedlung von Menschen nicht erfüllt waren. Die türkische Regierung hat die Finanzierung jedoch sichern können und treibt das Projekt trotz anhaltender Proteste im In-und Ausland voran. Das GAP-Projekt soll nicht nur dringend nötige Energie liefern, sondern auch die Bewässerungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft verbessern und Investoren in den Südosten des Landes locken.

Kritiker haben sich gegen die Felssprengungen in der 1978 unter strengen Denkmalschutz gestellten Region ausgesprochen, auch wenn der Gouverneur der Provinz Batman darauf besteht, die Felsen würden ausschließlich von Menschenhand abgesplittert. Ferhat Demir, Vorsitzender der Bauingenieurskammer Batman, bemängelte gegenüber dem türkischen Online-Medium Bianet, die herabfallenden Felsbrocken hätten Höhlen beschädigt. Ahunbay nennt die Zerstörung «kriminell».

Umweltschützer: Damm wird negative Auswirkungen auf Ökosystem haben

Umweltschützern zufolge wird der Damm außerdem negative Auswirkungen auf das Ökosystem der Region haben. «Im werden diese Veränderungen katastrophal sein», sagt der deutsch-türkische Umweltingenieur Ercan Ayboga, der der «Initiative zur Rettung von Hasankeyf» angehört. «Der Ilisu-Damm wird die Wassermenge flussabwärts noch weiter verringern und das irakische Marschland zu großen Teilen austrocknen.» Das Marschland, eine fruchtbare Kulturregion zwischen Euphrat und Tigris, hatte in den 90er Jahren unter Saddam Hussein schon großen Schaden erlitten, als dieser die Sümpfe trockenlegen ließ.

Die türkischen Behörden rechnen damit, um die 15 000 Menschen in der Region des zukünftigen Stausees umsiedeln zu müssen, doch Ayboga zufolge liegt die Zahl weit höher. «199 Dörfer werden zerstört. 40 000 weitere Menschen werden außerdem ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage verlieren, sie müssen auch gehen. An die 3000 Nomadenfamilien sind ebenfalls betroffen.»

Ayboga fügt hinzu, dass Proteste gegen den Damm unter dem nach dem Putschversuch 2016 ausgerufenen Ausnahmezustand unmöglich geworden sind. «Viele Menschen haben jetzt Angst zu demonstrieren», so der Ingenieur. «Das macht es für die Regierung einfacher, kontroverse Maßnahmen einfach durchzudrücken.»

Ahmet sagt, dass er nicht in «Neu-Hasankeyf» leben möchte, der Neubauanlage, die an einem Hang am gegenüberliegenden Ufer des Tigris entsteht, um die vom Staudamm obdachlos gemachten Anwohner zu beherbergen. «Es ist schrecklich», sagt er. «Ich mag es wirklich nicht. Dort gibt es nichts als Beton.»

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