Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

„Ökonomie“ ist, der kurzen, allgemein bekannten Definition zufolge, die Bezeichnung für ein zwischen den begrenzten Ressourcen der Welt und den unbegrenzten Bedürfnissen des Menschen hergestelltes Verhältnis der Produktivität. Während sich die Ökonomie seit Jahrtausenden hauptsächlich auf Landwirtschaft und Viehzucht konzentrierte, hat sie sich in den letzten Jahrhunderten in Folge des technologischen Fortschritts und der Entstehung von Verfahren zur Massenproduktion von Gütern zu einem Zweig der Wissenschaften entwickelt, in dem alle Arten von Beziehungen zwischen Produzenten und Verbrauchern, wie etwa Distribution, Vertrieb und Austausch von Waren, untersucht werden. Heute wird unsere Welt nicht mehr von sichtbaren und bekannten Kräften gelenkt, sondern von einem komplexen und abstrakten System, für das Adam Smith den klassischen Begriff der „unsichtbaren Hand“ geprägt hat.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman bezeichnete diese unsichtbare Hand als eine Kraft, die ihr produktives Potenzial nur dann erhalten kann, wenn kein Zwang ausgeübt wird.

In der Menschheitsgeschichte spielten die Begriffe der Religion und der Ökonomie in solch abstrakten Bereichen wie Kultur, Kunst, Wissenschaft und Verwaltung stets eine herausragende Rolle. Da sich beide durch eine direkte Auseinandersetzung mit den menschlichen Bedürfnissen auf spiritueller Ebene einerseits und materieller Ebene andererseits auszeichneten, konnten sie sich ihre Popularität dauerhaft erhalten. Eine Reihe von sozioökonomischen Faktoren in der Wirtschaft wie etwa die Ordnung, die für die Befriedigung dieser Bedürfnisse notwendig ist, die Führung der Gesellschaft zur Sicherstellung einer gerechten Verteilung sowie die sozialen Verflechtungen, die sich durch die Auswirkungen von Produktion und Konsum ergaben, sorgten dafür, dass die religiöse Institutionalität, die die oberste und reinste Führung, nämlich die göttliche, verkörperte, und der Staat, der die höchste menschliche Instanz darstellte, in Form der Politik zu einem Teil des sozialen Lebens wurden.

Der Ausdruck religiöser Empfindungen gehört zu den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen, ebenso wie Liebe und Wissensdurst. Neben diesen abstrakten Bedürfnissen hat der Mensch jedoch auch ganz konkrete Bedürfnisse, wie etwa das Brot, das er isst, das Wasser, das er trinkt, und den Ort, an dem er leben wird. Bei der Erfüllung dieser konkreten Bedürfnisse steht im Mittelpunkt der Ökonomie das Verhältnis des Menschen zu der Natur, in der er lebt, und den Existenzformen, die ihn umgeben. Der Mensch hat sich mit der Zeit die Macht erworben, bei der Deckung seiner materiellen Bedürfnisse ein Kapital anzuhäufen, das weit über das tägliche Brot hinaus fast schon für mehrere Lebenszeiten reicht. Dabei hat er vergessen, dass er neben den materiellen Bedürfnissen auch noch spirituelle Bedürfnisse hat, und Werte wie Liebe, Weisheit und Autonomie, im Sinne von Unabhängigkeit von materiellen Dingen, gerieten dabei ebenfalls in Vergessenheit.

Das kosmoontologische Gleichgewicht

In der Verheißung des Himmelreichs an die Bedürftigen (Matthäus 13) und in dem Verweis des Korans auf die Bedeutung dieses göttlichen Wissens für die Wahrnehmung der objektiven Wirklichkeit und das Erkennen jedes Dinges, wie es wirklich ist (Koran 6:75), findet sich ein Hinweis auf eben dieses kosmoontologische Gleichgewicht zwischen der Natur des Menschen und seiner Umwelt.

Das Streben nach einer Ökonomie, die in der Welt Gültigkeit haben könnte, sollte sowohl der Natur des Menschen als auch der Natur der Welt, in der er lebt, entsprechen. Wenn die Natur des Menschen, die dazu bestimmt ist, unendlich und ewig zu sein, nicht auf die tatsächliche Existenz der Ewigkeit ausgerichtet ist, die sie zu dem macht, was sie ist, inwieweit können wir dann die endlosen Bedürfnisse dieser unendlichen Natur mit begrenzten Mitteln decken? Wie kann beispielsweise der Wunsch des Menschen, der Gefallen findet an allem, was schön und gut ist, und es besitzen möchte, mit der materiellen Welt erfüllt werden?

Hinzu kommt, dass dabei das Wissen über die Vergänglichkeit der Welt den Menschen dazu anstachelt, umso mehr Ehrgeiz zu entwickeln. Die schmerzhafte Begegnung zwischen begrenzter Zeit und begrenztem Raum, derer man sich bemächtigt hat, mit dem Menschen, der diese nicht aufgeben möchte und alles auf einmal haben will! Genau auf dieser Linie, auf der sich Kafkas Hungerkünstler bewegt, und wie Kafka es gemacht hat, werden wir unsere Geschichte mit hohen kulturellen Werten ausstatten und danach – da wir keinen Gefallen daran finden werden – sie womöglich gesättigt, jedoch mit einer großen Enttäuschung und Gewissensbissen vollenden. Die in entwickelten Ländern rasant ansteigenden psychologischen Beschwerden belegen genau dies.

Während diese Ironie in einem Winkel der Welt stattfindet, werden auf einem anderen Kontinent die Hungerschreie von Millionen laut, die weder Brot noch Wasser haben. Sie besitzen noch nicht einmal ein Verständnis für Ökonomie. Sie müssen den Tag mit dem, was sie finden, überstehen. Nach Berichten der UN und internationaler Hilfsorganisationen führen die aufeinander folgenden Krisen zu einem Anstieg der Hunger leidenden Menschen auf circa 950 Millionen.

Das Grundelement unseres Wirtschaftssystems ist seine Liberalität, die fern von jeglichen Zwängen nach den eigenen Regeln des Marktes funktioniert. Die aktuelle globale Finanzkrise zeigt jedoch, dass die extreme Anhäufung des Kapitals bei bestimmten Monopolen und sein Verlust bei den Armen sich um ein Vielfaches steigend fortsetzen. Ein Liberalismus, der auf den Sieg dessen ausgerichtet ist, der die Macht hat! Die Definition der Freiheit als Herrschaft der Macht wird vor allem die Helden beschämen, die dafür ihr Leben und alles aufs Spiel setzten.

Die momentane Hungersnot ist, abgesehen von klima- oder armutsbedingten Faktoren, in direktem Zusammenhang mit der Widerspiegelung der Konsequenzen der Krisen auf die Finanzen und die Nahrungsmittelpreise zu sehen. Gemeinsam erkennen wir die großen Schäden dieses sinnlosen Spiels mit dem virtuellen Wert von Papieren, die wir zwischen den Menschen und seiner Natur platziert haben. Es sieht danach aus, als würden diese Krisen weiterhin stärker an unsere Tür klopfen, wenn wir unser Verständnis für Ökonomie anstelle auf menschliche Werte zu stützen auf unstabile Grundlagen wie Geld und Ähnliches aufbauen, die keinen virtuellen und moralischen Wert haben.

Gewinnen und besitzen

Die moralische Degenerierung, die durch den Versuch entstanden ist, den Menschen und seine Bedürfnisse durch Geld zu befriedigen, hat alle Gesellschaften erfasst. Münzen und Papier symbolisieren jedoch zunächst den Wunsch, permanent zu gewinnen und zu besitzen. Würden sie für Teilen und Helfen stehen oder für ähnliche Dinge, würde sich unsere Welt an einem ganz anderen Punkt befinden. Unser Verständnis für Ökonomie muss damit aufhören, Werte wie Liebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit zu vernachlässigen, welche einzig die unendlichen Sehnsüchte des Menschen befriedigen können. Der allgemeine Gewissenszustand der Menschheit, der durch die letzten großen Kriege und Zerstörungen stark beschädigt ist, sein Respekt, den er aufgrund von Katastrophen wie Hunger, Despotismus und Terror, die den Rechten und der Würde des Menschseins widersprechen, verloren hat, und der Glaube an die Zukunft müssen mit einer Menschlichkeit organisiert werden, die repariert und wiederbelebt.

Das Hauptproblem entsteht dadurch, dass den Fähigkeiten und Möglichkeiten der menschlichen Natur keine Grenzen gesetzt sind, und sich diese dadurch nur mit Unendlichem und Absolutem zufrieden geben können. Dann betritt man die grenzenlose Natur der Gewissensempfindungen und des seelischen Aufstiegs, und die Verfolgung des materiellen Genusses Verbrauchs verliert an Bedeutung. Ihre Zufriedenheit angesichts des Wissens darüber, dass irgendwo auf der Welt jemand mit Ihrer Hilfe leben kann, zeigt Ihre Hinwendung an die Quelle der Liebe und Güte. Das Wissen darüber, dass, während Sie in einem Winkel der Welt diesen Artikel lesen, aufgrund unserer Vernachlässigung und der Ignoranz, irgendwo ein Kind sein Leben verliert, zeigt uns auf gleiche Weise, dass wir die Bedeutung des Menschseins auf dieser Welt hinterfragen müssen.
* Dieser Text erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.