Über dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli 2016 liegt immer noch ein dunkler Schleier. Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Auch der eigens für die Aufklärung eingerichtete parlamentarische Ausschuss gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass diese offenen Fragen geklärt werden. Er verzichtet zum Beispiel auf die Anhörung der beiden wichtigsten Zeugen und sicherheitspolitischen Verantwortlichen des Abends, Hakan Fidan und Hulusi Akar. Fidan ist Chef des türkischen Geheimdienstes MİT, Akar Generalstabschef. Erdoğan hatte nach eigenen Angaben an dem Abend keinen Kontakt zu den beiden Spitzenbürokraten. Wieso nicht? Auch der Schwager des Präsidenten, von dem er angeblich den Putsch erfahren haben will, stellt sich dem Ausschuss nicht zur Verfügung. Wie kann dieser dann die Frage, was an dem Abend tatsächlich vorgegangen ist, beantworten?

Levent Gültekin ist eine der wenigen kritischen Stimmen, die sich nicht mit der offiziellen Darstellung zufriedengeben und kritische Fragen stellen. Der Journalist hat gute Verbindungen zur AKP-Führung und zum Beraterstab des türkischen Staatspräsidenten. Er arbeitete jahrelang für Erdoğan-nahe Medien und schreibt nun für das säkular-liberale Nachrichtenportal Diken.

Mit Verweis auf führende AKP-Kreise erzählt er in einem Interview, dass an dem Abend viele Weggefährten Erdoğan den Rücken gekehrt und damit den Putschisten Raum gegeben hätten: „Den Putsch haben nicht Erdoğans Freunde verhindert, sondern seine Gegner. Hätten sich Erdoğans Gegner den Putschisten angeschlossen, hätten Erdoğans Freunde an jenem Abend nicht an seiner Seite gestanden.“

Gültekin ist sich sicher, dass Erdoğan von dem Putsch früher wusste, als er es bislang zugab: „Es wurde im Vorfeld sogar ein Kameramann gerufen, der Erdoğans Ansprache an die Nation aufgezeichnet hat.“ Laut Gültekin gab Erdoğan die Aufnahme mit seiner Ansprache einem seiner engsten Berater mit dem Auftrag, dass alle Fernsehsender sie ausstrahlen sollen. „Der Berater ist dann einfach verschwunden und erst gegen Mitternacht wieder aufgetaucht. Deswegen hat sich Erdoğan über CNN Türk live zuschalten lassen und alle Türken aufgefordert, auf die Straße zu gehen.“

Hier kommt die nächste Frage: Wer folgte dem Ruf des Präsidenten und ging auf die Straße? Waren es nur einfache Bürger, die sich den Panzern in den Weg stellten und von denen 241 umkamen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Militärexperte Michael Rubin im fernen Amerika. Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter geht in seinem aktuellen Artikel auf die zivilen Opfer und auf die Rolle des privaten Sicherheitsunternehmens SADAT A.Ş. bei der Verhinderung des Putschversuchs ein. Gründer von SADAT ist der ehemalige Brigadegeneral Adnan Tanrıverdi, der nach dem gescheiterten Putsch von Erdoğan zu seinem Sicherheitsberater ernannt wurde. Rubin erhebt schwere Vorwürfe, kann aber keine Beweise liefern: „Es gibt anekdotische Berichte, dass die Zivilisten offensichtlich nach einem Zufallsprinzip von Spezialeinheiten erschossen wurden, die nicht dem Militär zuzurechnen sind. Hier bleiben viele Fragen offen, insbesondere in Bezug auf SADAT, einer Sicherheitsfirma, über die bereits vor dem Putschversuch berichtet wurde. Sie soll den Auftrag haben, eine Geheimarmee für Erdoğan heranzubilden. Als Vorbild dienen die Iranischen Revolutionsgarden.“

Es lohnt sich, sich näher mit diesem Unternehmen zu befassen. SADAT ist offiziell eine „Internationale Verteidigungs-Beratungsgesellschaft“, wie auf der Firmenhomepage zu lesen ist. Sie bietet sowohl die Ausbildung von regulären Armeen als auch von Guerillakämpfern an und versteht sich als eine „islamische Alternative“ zu amerikanischen Söldnerunternehmen wie Blackwater. SADAT will sich dafür einsetzen, „die islamische Welt dabei zu unterstützen, ihren verdienten Platz unter den Supermächten einzunehmen“. Dazu wolle man eine Gegenmacht zu den Unternehmen des „westlichen Imperialismus“ aufbauen.

Das Unternehmen wird von Kritikern als Erdoğans Geheimarmee gesehen und sorgt seit seiner Gründung am 28. Februar 2012 für Diskussionen. Mehrere parlamentarische Anfragen der Oppositionspartei CHP blieben unbeantwortet. Die erste Anfrage trägt die Unterschrift des damaligen CHP-Abgeordneten der Provinz Zonguldak, Ali Ihsan Köktürk, und datiert auf den 5. September 2012. Geantwortet hat die AKP-Regierung auf die Anfragen bis heute nicht.

Zum Beratergremium von SADAT zählen namhafte ehemalige Angehörige der türkischen Streitkräfte, die während des „postmodernen“ Putsches von 1997 unter scheinheiligen Begründungen aus der Armee ausgeschlossen wurden. Einer von ihnen ist der ehemalige Militärarzt und Experte für psychologische Kriegsführung Prof. Dr. Nevzat Tarhan, der von bis zu 1000 entlassenen Militärangehörigen spricht. Einige Tage nach dem gescheiterten Putsch schilderte der Ex-Oberst den Putschabend aus seiner Sicht: „Was haben diese Leute (von SADAT) gemacht? Sie wissen, wie man die Gleiskette eines Panzers mit einem Keil außer Gefecht setzt. Sie können die Dieselschläuche eines Panzers durchschneiden. Sie alle waren an diesem Abend auf den Straßen. Ganz automatisch von sich aus, um den Putsch zu vereiteln.“

Haben SADAT-Kämpfer dazu beigetragen, den Putsch zu verhindern oder sind sie auch verantwortlich für den Tod dutzender Zivilisten? Dieser Frage werden weder der Parlamentsausschuss noch die Medien nachgehen, von denen der überwiegende Teil von Erdoğan, der den Putschversuch als „Geschenk Gottes“ sieht, kontrolliert wird.

Sie haben dafür sicher plausible Gründe.