Mitglieder einer Delegation des Zentralrates der Jesiden in Deutschland verfolgen auf der Besuchertribüne des Deutschen Bundestags die Debatte im Plenum über den Völkermord an den Jesiden. Foto: Carsten Koall/dpa

Sie wurden versklavt, misshandelt und zu Tausenden getötet: Jesidinnen und Jesiden. Deutschland sieht sich in besonderer Verantwortung für die Gemeinschaft. Die Aufarbeitung der Taten soll weitergehen.

Wenige Jahre nach den Massakern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an den Jesidinnen und Jesiden hat der Bundestag die Verbrechen als Völkermord anerkannt. Ein entsprechender Antrag der Ampel-Koalition und der oppositionellen Unionsfraktion wurde am Donnerstag in Berlin einstimmig angenommen.

Mehr als 5.000 Angehörige der jesidischen Religionsgemeinschaft waren im Jahr 2014 vom IS ermordet worden. Die Terrormiliz zielte auf die Vernichtung der vor allem in der nordirakischen Sindschar-Region lebenden Minderheit ab. Zehntausende Menschen wurden getötet, verschleppt, versklavt und misshandelt.

Größte jesidische Diaspora weltweit in Deutschland

„Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor den Opfern der durch den IS begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so der Beschluss des Bundestags. „Es muss zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Deutschlands werden, die Aufmerksamkeit für und das Erinnern an den Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden im öffentlichen Bewusstsein zu schaffen.“

Die Aufarbeitung müsse weiter unterstützt werden. Wie der Bundestag weiter feststellte, lebt in Deutschland die größte jesidische Diaspora weltweit. „Wichtig ist ihr Leben in Selbstbestimmung.“ Die Diaspora sei Teil der deutschen Gesellschaft. Der Bundestag werde sich mit Nachdruck für den Schutz jesidischen Lebens in Deutschland einsetzen.

„Warum haben wir nicht gehandelt?“

Das Parlament bekannte sich auch dazu, dass die Täterinnen und
Täter weiter nach dem Völkerstrafgesetzbuch verfolgt werden. Eine Verantwortung dafür leite sich auch aus der Tatsache ab, dass seit 2012 mehr als 1.050 Deutsche in die vom IS besetzten Gebiete gereist seien, um für die Terrororganisation zu kämpfen.

Weltweit Aufmerksamkeit hätten bereits Urteile gegen Täter nach dem deutschen Völkerstrafgesetzbuch erlangt, wie im November 2021 in Frankfurt am Main oder im Juli 2022 in Hamburg. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte mit Blick auf die Massaker, auch künftig müsse man sich der Frage stellen: „Warum haben wir nicht gehandelt?“

Baerbock will „Gerechtigkeit für die Opfer schaffen“

So sei damals über verschickte GPS-Daten bekannt geworden, dass Tausende von Frauen in einer Schule von ihren Peinigern eingepfercht worden seien. „Haben wir nicht gehandelt aufgrund der Herkunft der Opfer oder des Geschlechts der Opfer?“ Sie könne diese Frage nicht beantworten, sagte Baerbock.

Umso wichtiger sei es, dass nach noch Vermissten gesucht werde und die Verbrechen weiter aufgeklärt würden. „Als Gesellschaft ist es für uns Auftrag (…), dafür zu sorgen, dass wir nicht nur anerkennen, sondern dass wir Gerechtigkeit für die Opfer schaffen.“

CDU unterstützt Regierungsvorhaben

So sei es nach den vorliegenden Urteilen wichtig, dass die Taten weiter vom Internationalen Strafgerichtshof aufgearbeitet würden. „Wir können dafür sorgen, dass die Opfer Gerechtigkeit erhalten, damit der Völkermord nicht vererbt wird.“ Der CDU-Abgeordnete Michael Brand ergänzte: „Es darf für diese barbarischen Verbrecher keinen Winkel der Erde geben, an dem sie vor ihrer Strafe sicher sind.“

Deutschland mit seiner größten jesidischen Diaspora komme hier eine große Verantwortung zu. Der SPD-Abgeordnete Frank Schwabe erklärte, geprüft werden müsse, ob Menschen, die nicht im Irak bleiben können, aufgenommen werden könnten. Gearbeitet werden müsse aber auch an einer Rückkehr der Betroffenen an ihre angestammten Orte.

Befriedung der Region als Ziel deutscher Irak-Politik

„Die Sindschar-Region, sie ist heute zerrieben, zerrieben zwischen Militäroperationen der Türkei und des Irans, zwischen Autonomieregierung im Norden und Zentralregierung in Bagdad“, sagte der Grünen-Abgeordnete Max Lucks. Die Befriedung der Region müsse Schwerpunkt der deutschen Irak-Politik werden.

Jesiden: Die Peschmerga haben uns verraten

Die Terrormiliz IS ist mittlerweile militärisch besiegt, IS-Zellen sind im Irak und in Syrien aber weiter aktiv. Lucks forderte einen Ausbau der humanitären Hilfe für Überlebende des Genozids. Der FDP-Abgeordnete Christoph Hoffmann mahnte: „In den UN-Lagern im Nordirak sitzen noch viele Jesiden fest.“

Gibt es bald ein Dokumentationszentrum des Jesiden-Genozids?

Gelobt wurde in der Debatte mehrfach eine Initiative Baden-Württembergs, nach der 1100 schutzbedürftige jesidische Frauen und Kinder in einem Sonderkontingent aufgenommen wurden. Auch psychologische und medizinische Begleitung wurde ermöglicht. Iraks Präsident Abdul Latif Raschid begrüßte die Entscheidung des Bundestags.

Was dem jesidischen Volk durch die Terroristen des IS widerfahren sei, sei als Völkermord zu betrachten, schrieb der kurdische Politiker auf Twitter. Der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden sprach von einer „Genugtuung“. Er hoffe nun auf die Schaffung eines Dokumentationszentrums über die Verfolgung der Jesiden sowie einen Gedenkort für die Menschen, erklärte Irfan Ortac gegenüber dem Sender Bayern 2.

dpa/dtj