Türkei
Screenshot aus dem Dokumentarfilm „Haymatloz“.

Heute ist der 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Seit 2005 gilt der 27. Januar als „Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Eine weitgehend unbekannte, aber überaus wichtige Fußnote in diesem Zusammenhang sind die rund 1000 Akademiker:innen, die auf Einladung Atatürks frühzeitig in die Türkei flohen und dem Holocaust entkommen sind. Die Geschichte der „Haymatlozen“.

Die Bundesrepublik Deutschland ist schon seit drei Jahrzehnten ein großes Ziel für Geflüchtete aus aller Welt. Insbesondere zwischen 2012 und 2016 gab es eine enorme Steigerung der Asylanträge in Deutschland: Waren es 2012 noch etwa 77.000 Anträge, stieg die Zahl 2016 auf rund 740.000. Der Bürgerkrieg in Syrien, aber auch der Putschversuch in der Türkei sowie der darauffolgende Druck und die Verfolgung Oppositioneller gehören zu den Gründen für diesen großen Anstieg.

Doch auch aus Deutschland gab es mal eine Auswanderungswelle in „die andere Richtung“. Während des Nationalsozialismus war es nämlich die junge Türkische Republik, die als Zufluchtsland für viele galt. Damals wurden Menschen, die aus „rassischen“ oder politischen Gründen in Deutschland verfolgt wurden, von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk in die Türkei geholt. Diese Geflüchteten haben nicht nur einen großen Beitrag für die Modernisierung der Türkei geleistet, sondern nach dem Zweiten Weltkrieg auch einen großen Erfahrungsschatz nach Deutschland gebracht. Ein Teil dieser Gruppe und ihre Nachfahren sind nämlich nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt.

Atatürk hatte etwa 1000 Wissenschaftler:innen, Ökonom:innen, Jurist:innen, Künstler:innen, Journalist:innen und Politiker:innen in die Türkei eingeladen. Ein Begriff, der in die Pässe dieser Menschen gestempelt wurde, war für sie sehr prägend: „Heimatlos“!

„Haymatloz“ zu sein ist Kısmet

Sie waren in Deutschland ausgebürgert worden und der Begriff galt als Synonym für den Status der Geflüchteten. „Es gehört schon zu unserem Schicksal, dass wir nirgends Zuhause sind. Das ist Schicksal, das ist Kısmet“, erklärt eine Protagonistin in dem Dokumentarfilm „Haymatloz“. In dem Film verarbeitet die Regisseurin Eren Önsöz die Geschichten von fünf Nachkommen jüdischer Intellektueller, die auf Einladung Atatürks in die Türkei flohen und sich dort ein neues Leben aufbauten.

Önsöz nimmt den Stempelaufdruck „Heimatlos“ auf und wandelt diesen für den Titel ihres Dokumentarfilms leicht ab. Mit der Schreibweise „Haymatloz“ schafft die 49-Jährige eine sprachliche Synthese zwischen dem Türkischen und dem Deutschen. In einem Interview erklärt sie das so: „’Heimat‘, so wie der Türke das hört und schreiben würde, und die Endung ‚oz‘, ‚haymatloz‘, das hat mir sehr gut gefallen. Das ist ja ein Wortspiel, was Türken und auch Deutsche lesen können und was eine sehr aktuelle Komponente hat, weil wir zurzeit weltweit über 60 Millionen Menschen haben, die aus ihren Heimaten flüchten, flüchten müssen, die zu Heimatlosen heute gemacht werden.“

Atatürks junge Republik lernt deutsche Bürokratie

Die „Haymatlozen“ in der Türkei haben viele Projekte auf die Beine gestellt und dabei geholfen, dass Atatürks Türkei von der westlichen Bürokratie lernt. So war einer dieser Geflüchteten an dem Bau der juristischen Fakultät der Universität Istanbul beteiligt. Eine Gruppe um Paul Hindemith, Eduard Zuckmayer und Licco Amar trug zur Reform des Musikwesens im Land bei.

Einer der bekanntesten deutschen Emigranten in der Türkei war aber Ernst Reuter. Reuter, der vor seiner Flucht Bürgermeisters von Magdeburg war, lehrte an der Hochschule für Politik in Ankara und arbeitete als Berater für die türkische Regierung. Zwölf Jahre später kehrte der Sozialdemokrat nach Deutschland zurück und wurde Bürgermeister von Berlin.

Nicht alle folgten dem Beispiel Reuters. Viele sind dort geblieben, gestorben und haben teilweise sogar Ehrengräber erhalten. Noch heute hat die Türkei diesen Menschen, die unter anderem das Hochschul- und Ausbildungssystem revolutionierten und auf einen westlichen Standard brachten, vieles zu verdanken.

„Unsere Alternative war Auschwitz“

Doch was wäre passiert, wenn diese Menschen nicht in die Türkei gegangen wären? Die Protagonistin in „Haymatloz“ hat eine klare Antwort: „Wir wären auch in Auschwitz. Das war unsere Alternative.“

Die Nationalsozialisten hatten während des Zweiten Weltkriegs sechs Millionen Juden ermordet – unter anderem in Auschwitz. Seit 2005 wird der Internationale Holocaust-Gedenktag jährlich am 27. Januar begangen. An diesem Tag erreichte die Rote Armee 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dabei wurden mehr als 7000 überlebende Häftlinge befreit. An diesem Tag soll an die tragischen Geschichten der Menschen erinnert werden. Ziel ist es auch, solch menschenverachtenden Ereignissen in Zukunft den Weg zu versperren.

Beitrag zu „Haymatloz“ - Juden in der Türkei.
Blick in eine Arrestzelle des einstigen Konzentrationslagers Sachsenburg. Zwischen 1933 und 1937 inhaftierten SA und SS auf dem Gelände der alten Spinnerei mehr als 2000 Regimegegner. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Doch auch in Deutschland wurde dieses Ziel noch lange nicht erreicht. Am gegenwärtigen Gedenktag des Holocausts ist die Gefahr von Rassismus und Antisemitismus in Deutschland nicht gebannt. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnte vor deren neuen Formen in seiner jüngsten Rede in einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus: „An Gedenktagen wird stets Verantwortung angemahnt, aber werden wir ihr auch gerecht? Auch bei uns zeigen sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder offen, hemmungslos, auch gewaltbereit.“

Viele halten Corona für eine „Operation von Juden“

Eine Form des Antisemitismus spiegelt sich sogar in der aktuellen Corona-Pandemie wieder. Die Zahl derer, die eine jüdische Verschwörung hinter Corona sehen, ist groß. In einer Reportage der „ARD“-Sendung „Panorama“ auf einer Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen antwortet ein Mann auf die Frage des Reporters, wer denn hinter der gewaltigen „Corona-Operation“ stecke, wie folgt: „Ja, wer denn? Die Juden. Wer denn sonst? Idiot!“

Die Berliner Oberstaatsanwältin und Antisemitismusbeauftragte der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, Claudia Vanoni, beobachtet ebenfalls eine Konjunktur antisemitischer Verschwörungstheorien. Jüd:innen würden insbesondere bei Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen sowie im Internet zum Sündenbock einer weltweiten Krise erklärt, teilte Vanoni heute mit. Laut ihrem Bericht haben die Berliner Strafverfolgungsbehörden 2020 417 Verfahren mit antisemitischem Hintergrund eingeleitet. Diese Zahl lag 2019 noch bei 386.

Einige Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit zeigen das Ausmaß von Antisemitismus und Fremdenhass in Deutschland ebenfalls. Dazu gehört beispielsweise der Anschlag in Halle (Saale) im Herbst 2019. Dabei versuchte ein Rechtsextremist mit Waffengewalt in eine Synagoge einzudringen, um dort Juden zu töten, die sich gerade anlässlich des höchsten jüdische Feiertags Jom Kippur versammelten.