Ein Minarett ist vor einem Kirchturm zu sehen.
Ein Blick in die Geschichte der Schweiz zeigt, dass bereits 10. Jahrhundert eine muslimische Gemeinde im Alpenland ansässig war.

Es ist ein Debattengespenst, das Deutschland und Europa seit Jahren immer wieder heimsucht: Von Thilo Sarrazin über die Debatte zu Christian Wulffs Aussage, dass der Islam zu Deutschland gehört, bis zu den viel zu oft als „besorgte Bürger“ verklärten Pegidisten, die das Land seit letztem Jahr heimsuchen. Die Rede ist von der leidlichen Frage, ob „der Islam“ zu Deutschland respektive Europa gehört.

Mal davon abgesehen, dass das in den letzten Monaten wieder so oft beschriene Konzept vom „Abendland“ erst in Abgrenzung zum „muslimischen Anderen“ entstanden ist, es mithin gar keine genuine „abendländische“ Kultur gibt, hat die Debatte aber auch einige interessante historische Fakten in das Bewusstsein des interessierten Lesers gefördert. Man denke dabei an die Rolle, die das muslimische Al-Andalus im heutigen Spanien für die Konstituierung der Idee vom christlichen Europa gespielt hat. An die Bedeutung, die die arabischen Gelehrten des Mittelalters für die Entwicklung der europäischen Wissenschaft und Kultur hatten. An die 250-jährige muslimische Herrschaft über Sizilien oder daran, dass der Balkan für fast ein halbes Jahrtausend Teil des Osmanischen Reiches war.

Ein weiteres, anscheinend fast vergessenes historisches Detail hat Markus Klinkner in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „die fontäne“ zutage gefördert. Ausgerechnet das Land, das 2009 nach einer Volksabstimmung den Bau von Minaretten verboten hat, kann auf eine knapp hundertjährige Epoche muslimisch-christlicher Koexistenz im tiefsten Mittelalter zurückblicken. In den Schweizer Alpen, im Herzen Europas, existierten muslimische Gemeinden, die bis heute in Schriftquellen, Architektur, Orts- und Personennamen ihre Spuren hinterlassen haben.

Sarazenen siedelten sich in den Alpen an

Zahlreiche Primärquellen wie handgeschriebene Chroniken belegen eine muslimische Besiedlung von Teilen der Schweizer Alpen durch Verträge ab dem frühen 10. Jahrhundert. Bereits 890 kamen Sarazenen, wie man Muslime damals generell nannte, per Schiff aus dem Umayyaden-Emirat von Córdoba auf der damals muslimisch regierten iberischen Halbinsel nach St. Tropez in Südfrankreich. Von dort aus zogen sie weiter gen Norden und ließen sich schließlich ab 920 im Wallis und ein Jahr später in Churrätien nieder, wo sie Schweizer Alpendurchgänge wie den Simplonpass, die Tessiner Pässe oder den St. Bernhard-Pass besetzten. Dort gründeten sie Siedlungen und trieben Handel, gingen aber auch auf Beutezüge, die sie bis durch das Rheintal zum Bodensee führten. Dabei nahmen sie teilweise ganze Städte ein, wie Payerne im Kanton Waadt, wo es noch heute Händler gibt, die Mauri genannt werden (nach der Bezeichnung Mauren für die muslimischen Spanier).

Diese erste Besiedlungsphase endete 942 mit einem Vertrag, den der italienische König Hugo mit den Sarazenen schloss und in dem er ihnen die Schweizer Alpenräume überließ. Laut dem arabischen Chronisten Al-Muqtabis schloss König Hugo mit den Umayyaden-Kalifen sogar ein Freihandelsabkommen. Dieses galt von Spanien bis Genua und erkannte die Schweizer Alpenräume als Herrschaftsgebiet der Umayyaden an. Damit ging für sie das Recht einher, Zölle zu erheben und sich auf ihrem eigenen Territorium anzusiedeln. Zwischen 950 und 956 kam es gar zu feierlichen Empfängen von Abgesandten des Deutschen Kaisers Otto I. und des ersten Umayyaden-Kalifen Abdurrahman III., die belegen, dass der deutsche Kaiser den Schweizer Alpenraum als Teil des herrschaftlichen Einflussbereiches der Umayyaden offiziell anerkannt hatte.

Kontakte zwischen Muslimen und Christen im Herzen Europas

Mit diesem Vertrag wurde nicht nur erstmals eine muslimische Enklave mitten in Europa offiziell anerkannt. Ausgerechnet die militärischen Umtriebe der Alpensarazenen führten auch zu einem der ältesten Zeugnisse kultureller Annäherung zwischen Christen und Muslimen. 972 nahm ein sarazenisches Heer den Abt von Cluny (der später zum Heiligen Majolus ernannt werden sollte) gefangen. Radolfus Glabers (990-1060) Beschreibung der Gefangennahme des Abts sowie der respektvollen Behandlung, die die Sarazenen dem christlichen Würdenträger und seiner Reisebibel zukommen ließen, gilt als die erste christliche Schilderung von Muslimen, die keine polemisch verzerrte Propaganda ist. Ungefähr zur gleichen Zeit berichtet auch der Chronist Ekkehard (ca. 980-1036) von Eheschließungen zwischen muslimischen Männern und christlichen Landestöchtern.

Die Entführung des Abtes von Cluny löste jedoch eine politische Kettenreaktion aus, an deren Ende eine vereinte Streitmacht in das sarazenische Gebiet einfiel und die meisten muslimischen Familien aus den Alpen vertrieb. 973 fiel auch die sarazenische Festung in St. Tropez, was gemeinhin als Ende dieser Epoche gilt. Trotzdem sind noch bis in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts vereinzelte sarazenische Gruppen in dem Gebiet belegt, die sich in den Alpen versteckt gehalten hatten.

Spuren muslimischen Lebens in der mittelalterlichen Schweiz

Belege für die muslimische Präsenz im 10. und 11. Jahrhundert finden sich in vielfältiger Form. So gibt es archäologische Relikte wie ein Messgewand in der Domkirche von Chur, in das ein kufischer Schriftzug eingenäht ist, mehrere Funde arabischer Münzen oder Inschriften an mittelalterlichen Gebäuden. Auch sarazenische Bauwerke sind bis heute erhalten, vor allem Wasserführungen und Brunnen wie die Sarrasin-Suone bei Chandolin, die Bisse de Sarrazins bei Vercorins oder der Brunnen Mauro-Fonté bei Lutry. Darüber hinaus sind sarazenische Einflüsse auch in Orts- und Familiennamen in der Schweiz bis heute erkennbar, beispielsweise an Orten wie Almagell oder dem Allalin-Gletscher. Die Gemeinde Saas-Almagell hält dazu fest: „Die Sarazenen […] besetzten 939 das Saas-Tal. Ihr Hauptlager war in Almagell. Zu dieser Zeit machten sich auch inländische Hirten und Bauern im Saas-Tal ansässig. Gemeinsam mit den Sarazenen bewirtschafteten sie Land und Wälder und wurden zu einem Volk.“ Zeugnis davon, dass in dieser Zeit Muslime Eingang in Schweizer Stammbäume gefunden haben, legt auch die Herkunft einiger Schweizer Familiennamen ab, so beispielsweise Salla, Sallin, Salade, Salathe – und: Sarrazin.

Die ganze Geschichte „Sarazenen in den Alpen. Eine muslimische Geschichte der Schweiz“ von Markus Klinkner findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „die fontäne“. Sie ist im Handel erhältlich.