Geistliche des House of One im Dialog (v.l.n.r.) Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sancı und Pfarrer Gregor Hohberg. © House of One / René Arnold

In Berlin entsteht das „House of One“: eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem gemeinsamen Dach. In wenigen Tagen findet die Grundsteinlegung statt. Mit dabei sind Wolfgang Schäuble, der Präsident des Deutschen Bundestages und Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Der Mitgründer des House of One, Ercan Karakoyun, erklärt, worum bei es bei dem Projekt geht und wer der muslimische Partner ist.

Am Donnerstag ist es so weit: Dann wird der Grundstein des House of One gelegt. Im Herzen der internationalen Metropole Berlin soll das Gebetshaus eine gute Nachbarschaft von Judentum, Islam und Christentum ermöglichen – ein hoffnungsfrohes Zeichen für Berlin, Deutschland, Europa und die ganze Welt.

Doch der Grundstein ist beileibe nicht der Anfang dieses Gemeinschaftsprojektes. Vorausgegangen ist ein jahrelanger Prozess des Kennenlernens und der Annäherung. Es war wohl 2010, als ich selbst von dieser damals so verrückten Idee des House of One „infiziert“ wurde, die jetzt immer sichtbarer konkrete Gestalt annimmt.

Als Vorsitzender und Geschäftsführer des Forum Dialog hatte ich eine Studienreise organisiert: Mit einer Gruppe von rund 20 Pfarrer:innen des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte reisten wir eine Woche in die Türkei. Mit dabei die beiden Visionäre: Pfarrer Gregor Hohberg und Theologe Roland Stolte, alle heute maßgeblich beim House of One engagiert. Auf der Reise ging es um Begegnungen mit Menschen verschiedener Glaubensrichtungen. Im Vorfeld hatte ich nach geeigneten Gesprächspartner:innen gesucht und konnte dabei auf das große, über Jahrzehnte gewachsene interreligiöse Netzwerk der türkischen Hizmet-Bewegung (besser bekannt als Gülen-Bewegung) zurückgreifen. So trafen wir zum Beispiel den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I., den jüdischen Oberrabbiner Ishak Haleva und Yusuf Sağ, den Patriarchalvikar der syrisch-katholischen Kirche in der Türkei.

Empathie, Respekt, Anerkennung, Offenheit und Treue – diese Begriffe werden in unserem interreligiösen Verständnis großgeschrieben. Wir als Hizmet sammeln Spenden, um Podiumsgespräche, Lesungen und interreligiöse Dialoge zu veranstalten. Wir organisieren Musik- und Kunstveranstaltungen. Und wir laden Menschen aus Politik und Gesellschaft zum gemeinsamen Fastenbrechen ein.

Jahrzehntelange Erfahrung im Dialog

Solche vielfältigen und positiven Erfahrungen im interreligiösen Dialog veranlassten das Forum Dialog, als Gründungsmitglied und muslimischer Träger des House of One etwas gänzlich Neues zu wagen, den Dialog auf Augenhöhe nachhaltig mitzugestalten und auf diese Weise einen bescheidenen Beitrag für den Weltfrieden zu leisten. Denn die Welt wird kleiner, die Menschheit wächst. Menschen unterschiedlichster Konfessionen, die einst separiert lebten, treffen immer öfter aufeinander. Damit aus der anfänglichen Fremdheit ein Miteinander wird, müssen Vorurteile abgebaut und die scheinbare Kluft zwischen den Religionen überbrückt werden. Dafür braucht es interreligiösen Dialog. Dafür braucht es Foren, in denen Menschen zusammenkommen und sich kennenlernen.

„Menschen sind entweder Geschwister im Glauben oder Geschwister in der Menschlichkeit.“ Dieser Satz, der von Ali Ibn Abi Talib im 7. Jahrhundert überliefert wurde, verbindet Menschen, egal welcher Religion sie angehören. Und er ist auch das Leitmotiv der vielen engagierten Muslim:innen rund um den aktuellen Geschäftsführer und Vorsitzenden Celal Fındık im Forum Dialog.

Es gibt in Deutschland vermutlich keine zweite muslimische Gruppierung, die sich so stark für den Dialog zwischen den Religionen engagiert wie diese Bewegung. Schließlich hatte sie auch schon mal vom Cami-Cemevi-Projekt, einem gemeinsamen Gotteshaus für Aleviten und Sunniten in der Türkei geträumt. Gläubige in Ankara hatten begonnen, sie umzusetzen; doch dann stoppte das Erdoğan-Regime das Bauprojekt. Die Politik hierzulande hingegen fördert das interreligiöse House of One. Und das ist gut so!

Kein Synkretismus, also Vermischen der Religionen, sondern Dialog auf Augenhöhe

Die Idee des christlichen Partners, ein gemeinsames Bethaus zu gründen, stieß bei allen Hizmet-Engagierten auf mehr als offene Ohren. Doch schnell wurde allen bewusst, dass es bei solchen Gemeinschaftsprojekten auf allen Seiten Angst vor „Assimilierung“ gibt. So wurde mit jüdischen und christlichen Freund:innen auf diese Grundidee bauend ein Bet- und Lehrhaus entwickelt, welches ein religiös unvermischtes und respektvolles Miteinander ermöglichen sollte.

Die Partner machten bei der Konzeption des House of One früh auf den feinen, aber wichtigen Unterschied aufmerksam: Es geht nicht darum, die Religionen zu vereinen, sondern sie zusammenzubringen. So kommt es, dass es heute drei Gebetsräume gibt, die einen gemeinsamen zentralen Raum im House of One umschließen. Klar war für alle Partner außerdem: Jeder Partner versucht die Breite des Spektrums innerhalb der eigenen Religion abzubilden und zu einer Mitwirkung einzuladen.

In diesem Sinne betont stets auch Kadir Sancı, der Imam am House of One, dass es im Kern der drei großen abrahamitischen Religionen immer um das spirituelle Individuum gehe: „Jeder einzelne Mensch gleicht einem Gotteshaus. Er ist unantastbar, unabhängig von der Religion oder Weltanschauung.“ So Gott will. Inschallah.

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Weitere Informationen und Einzelheiten zur Grundsteinlegung am 27. Mai 2021 finden Sie hier.