Boris Johnson, Außenminister Großbritanniens

Die internationalen Reaktionen auf die Nachricht, dass Boris Johnson neuer britischer Außenminister wird, waren – vorsichtig formuliert – durchwachsen. Die freundlicheren Kommentare bezogen sich auf eine der schönsten Eigenschaften der Insulaner: Ihren britischen Humor. Ganz ernst gemeint kann diese Personalentscheidung schließlich nicht gewesen sein, denken sich viele.

Auch in der Türkei hat Johnsons Ernennung zum Chefdiplomaten des (noch) Vereinigten Königreichs Befremdung hervorgerufen. Staatspräsident Erdoğan dürfte der britische Humor abgehen; er ist ja allgemein nicht gerade dafür bekannt, die Dinge allzu locker zu nehmen – vor allem wenn man ausgerechnet über ihn lacht. Und da kommt der ehemalige Bürgermeister von London ins Spiel: Man erinnere sich an die Causa Böhmermann; die Staatsaffäre, die der TV-Komiker mit seinem vulgären Erdoğan-Gedicht über die vermeintlichen sexuellen Vorlieben des „Führers aller Führer“ („liderlerin lideri„) ausgelöst hat. Auch jenseits des Ärmelkanals hatte der Fall Aufmerksamkeit erhalten und Reaktionen von Amüsement bis Kopfschütteln hervorgerufen. Da durfte der passionierte Berufsexzentriker Johnson natürlich nicht fehlen.

Mit seiner Meinung zum Vorgehen der türkischen Regierung hatte der ehemalige Bürgermeister Londons natürlich nicht hinterm Berg gehalten: Dass Böhmermann für das Gedicht juristisch belangt werden soll, ist für Johnson „ein Skandal“, denn „(w)enn jemand Witze über die blühende Liebe zwischen dem türkischen Präsidenten und einer Ziege machen will, dann sollte er das in jedem europäischen Land machen können, inklusive der Türkei“, sagte er dem britischen Journalisten Nicholas Farrell. Dieser hat daraufhin, laut eigener Aussage, seinen Buddy Johnson überredet, an einem Wettbewerb teilzunehmen, den sein Arbeitgeber ausgeschrieben hatte.

Denn kurz zuvor hatte die konservative britische Zeitschrift The Spectator aus Protest gegen Angela Merkels Entscheidung, ein Strafverfahren gegen Böhmermann zu ermöglichen, einen Wettbewerb ausgerufen: Die Leser sollten „filthy poems“, „schmutzige Gedichte“, über Erdoğan einsenden, um ein Preisgeld von 1000 Pfund zu gewinnen. „Erdoğan mag seine Gegner in der Türkei einsperren. Merkel mag Erdoğans Gegner in Deutschland einsperren. Aber in Großbritannien leben und atmen wir frei“, schrieb Douglas Murray, der Initiator des Wettbewerbs. Da stimmte ihm Johnson (der zwischen 1999 und 2005 selbst Herausgeber des Spectator war) zu und verfasste einen Limerick, einen traditionellen Fünfzeiler mit festem Reimschema, in dem es natürlich ebenfalls um Erdoğans vermeintlich amouröses Verhältnis zu wiederkäuenden Paarhufern geht. Johnson hat gewonnen, zu einer Anzeige gegen ihn hat das aber nicht geführt; vielleicht auch, weil es im Gegensatz zu Deutschland ohnehin sinnlos gewesen wäre. Das britische Rechtssystem ist, auch was die Grenze zwischen Meinungsäußerung und Beleidigung angeht, seit jeher liberaler als das deutsche.

Dennoch: Dass Erdoğan sich das gemerkt hat, dürfte sicher sein. Und dass beide für ihre undiplomatische Art bekannt sind, lässt auch nicht viel Hoffnung aufkeimen, dass es unter dem kauzigen Altphilologen allzu freundschaftliche Beziehungen zur Türkei geben wird. Premierminister Binali Yıldırım kommentierte die Ernennung denn auch mit entsprechend wenig Euphorie: „Was soll ich dazu sagen? Möge Allah ihn zur Vernunft bringen (‚ıslah etsin‘). Hoffentlich wird er danach nicht nochmal so einen Fehler begehen. Er kann sich ja immerhin noch Mühe geben, die Herzen der Türken zu gewinnen.“

Dabei sind die Voraussetzungen, die Herzen der Türken zu gewinnen, eigentlich gar nicht mal so schlecht. Boris Johnson hat nämlich Wurzeln am Bosporus. Sein Urgroßvater war niemand geringeres als Ali Kemal, ein liberaler Journalist und einer der letzten Innenminister des Osmanischen Reiches.

Jedoch stand Ali Kemal genau wie sein Urenkel Boris auf der Verliererseite der Geschichte: Während der wasserstoffblonde Populist mit seiner Lügen- und Hetzkampagne den Austritt des Königreichs aus der EU (mit) zu verantworten hat, stellte sich Ali Kemal gegen den Unabhängigkeitskrieg Mustafa Kemals, des späteren Atatürk. Stattdessen trat er für ein Osmanisches Restreich unter britischem Mandat ein. Für Mustafa Kemal, den er einen elendigen Banditen nannte, forderte er die Todesstrafe. Es sei Irrsinn, sich den Besatzungsmächten zu widersetzen, gegen Briten und Franzosen hätten die Türken keine Chance. Ali Kemal irrte. Er wurde später verhaftet und fand, als „Verräter“ gebrandmarkt, ein schmachvolles Ende. Ein Mob lynchte ihn vor den Toren Izmits, beraubte ihn seiner Habseligkeiten, schleifte seine Leiche durch die Stadt und hängte sie kopfüber an einem Eisenbahntunnel auf. Mustafa Kemal soll von der Tat angewidert gewesen sein.

Ali Kemals Sohn Osman Ali hingegen gelang es, sich abzusetzen. Er schaffte es bis nach Großbritannien, wo er sich niederließ und den Namen Wilfred Johnson annahm. Dort heiratetet er eine gewisse Irene Williams, die 1940 ihr gemeinsames Kind Stanley Johnson zur Welt brachte, den Vater von Alexander Boris de Pfeffel Johnson.

Dass Erdoğan und Johnson in diesem Leben keine Freunde mehr werden dürften, ist aber auch gar nicht so dramatisch, denn wahrscheinlich wird Johnson eh nicht so viel Zeit haben, sich mit der Türkei zu befassen. Hauptaufgabe seiner Amtszeit wird es sein, das Schlamassel zu verwalten, das er seinem Land eingebrockt hat, und den Brexit zu organisieren. Noch dazu erscheint es realistischer denn je, dass Schotten und Iren nun endgültig den Kanal voll haben von Her Majesty’s Kingdom und sich verabschieden. Es sieht also danach aus, dass Johnson Minister eines zerfallenden, ehemaligen Großreiches wird. Auch damit tritt er in die Fußstapfen seines Vorfahren Ali Kemal.