Der in der Türkei seit Tagen vermisste Gökhan Güneş ist wieder aufgetaucht und bei seiner Familie. Vor laufenden Kameras gibt er an, entführt und gefoltert worden zu sein.

Die Türkei ist unter der aktuellen Regierung seit Jahren mit Entführungen und Folterungen von Oppositionellen und Andersdenkenden aufgefallen. Zahlreiche Berichte internationaler Medien und Menschenrechtsorganisationen lassen wenige Zweifel an der Echtheit der schwerwiegenden Vorwürfe gegen den Staat zu. Auch Vorstöße von ehemaligen AKP-Abgeordneten wie Mustafa Yeneroğlu oder oppositionellen Abgeordneten wie Ömer Faruk Gergerlioğlu machen deutlich, dass diese unmenschlichen Praktiken in der Türkei mittlerweile (wieder) Gang und Gebe sind.

Am 20. Januar war Güneş mitten in Istanbul am helllichten Tag entführt worden. In einem Statement vor laufender Kamera hat er am Dienstag unmittelbar nach seiner Freilassung Mut bewiesen und ausgepackt. Demnach wurde der junge Mann in ein verstecktes Folterzentrum gebracht und mehrere Tage lang gefoltert: „Dort wandten sie an mir systematisch in regelmäßigen Abständen Foltermethoden an. Prügel, Elektroschocks, kaltes Wasser.“

Gökhan Güneş sollte kooperieren

Seine Peiniger hätten ihn zwischenzeitig komplett entblößt, geschlagen und mit Vergewaltigung bedroht. „Es gab einen Bereich, den sie als Grab bezeichnen. Dort können Sie nur stehen, Hände und Arme gar nicht bewegen. Nur wenn sie es wollen, können Sie dort wieder raus“, so der Elektriker. Man habe versucht, ihn zu einer Kooperation zu bewegen. Güneş erinnerte an Praktiken aus vergangen geglaubten Zeiten: „In der Vergangenheit gab es häufig solche Angriffe auf Sozialisten. Dies offenbarte sich ursprünglich als eine Politik der 80er und 90er Jahre. Heute wird es wieder angewandt.“ Es sei offensichtlich, dass er auch wegen seiner sozialistischen Gesinnung ins Visier der Kidnapper geriet.

Wo sind Yusuf Bilge Tunç und Hüseyin Galip Küçüközyiğit?

An der Freilassung von Güneş wirkten Abgeordnete, Menschenrechtsorganisationen und Medien mit. Erst durch den öffentlichen Druck gab es ein Zurückrudern. Doch nach wie vor sind Personen verschollen. Darunter der seit dem 29. Dezember vermisste Hüseyin Galip Küçüközyiğit und der seit vielen Jahren spurlos verschwundene Yusuf Bilge Tunç. In beiden Fällen üben sich die Behörden in Stillschweigen.

Nach der mutmachenden Freilassung von Gökhan Güneş fordern Menschenrechtsaktivisten wie Eren Keskin, Co-Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation IHD, nun auch die sofortige Freilassung von Tunç und Küçüközyiğit.

Yusuf Bilge Tunç

Hüseyin Galip Küçüközyiğit

An dieser Stelle dokumentieren wir die Ausführungen von Gökhan Güneş im Wortlaut:

„Am 20. Januar habe ich mich etwas später auf den Weg zur Arbeit gemacht als gewöhnlich. Wie es der Zufall so wollte, war ich an diesem Tag alleine unterwegs. Es war gegen 12 Uhr, als ich aus dem Bus stieg. An der Haltestelle standen mehrere Personen, es müssten vier gewesen sein. Einer von ihnen sprach mich an. Als ich mich zu ihm drehte, stürzten sich auf einmal auf mich. Ich merkte, wie noch mehr Personen dazukamen. Da stand ein Fahrzeug, sie wollten mich hineinzerren. Ich wehrte mich dagegen. Um meinen Widerstand zu brechen, griffen sie mich mit Elektroschockern an.

Als ich wieder zu mir kam, saß ich bereits in einem Fahrzeug. Zwei Leute hielten mich an den Armen fest und drückten meinen Kopf nach unten. Außerdem war meinem Kopf ein schwarzer Sack übergestülpt. Nach einer Weile musste ich in ein anderes Fahrzeug steigen. Sie brachten mich irgendwo hin. Wenn Sie mich fragen, was für ein Ort das war, wo dieser Ort sein soll, so muss ich sagen, dass ich nichts gesehen habe und mir keinerlei Angaben zu Ort oder Adresse gemacht wurden. Dort wandten sie an mir systematisch in regelmäßigen Abständen Foltermethoden an. Prügel, Elektroschocks, kaltes Wasser. Das passierte in der Regel in komplett entblößtem Zustand oder in Unterwäsche.

„Ihr seid vermutlich vom Geheimdienst“

Es gab einen Bereich, den sie als Grab bezeichnen. Dort können Sie nur stehen, Hände und Arme gar nicht bewegen. Manchmal werden Sie in diesen Bereich mit verbundenen Augen und von hinten gefesselt hineingesteckt. Nur wenn sie es wollen, können Sie dort wieder raus. Man wird bedroht oder erhält Angebote. Sie drohten mir mit Vergewaltigung. Je nach Lust und Laune setzte sich dieser Zustand fort. Ich rechnete damit, vorgestern freigelassen zu werden. Ich hatte ein Gefühl, dass sie mich freilassen werden. Doch sie ließen mich an jenem Tag nicht frei. Sie sagten wieder, dass ich kooperieren solle, fragten mich, ob ich mit ihnen kooperieren werde. Danach fragten sie mehrfach, ob ich wisse, wer sie seien. „Ihr seid vermutlich vom Geheimdienst“, antwortete ich. Das wurde weder bejaht noch verneint. Hin und wieder sprachen sie davon, die „Unsichtbaren“ zu sein.

Dann wurde ich wieder mit verbundenen Augen in ein Fahrzeug gesteckt. Es waren vermutlich wieder vier Personen dabei. Bevor wir diesen Ort verließen, hatte ich bis auf meine Hose nicht mehr meine eigenen Klamotten an. Unterwäsche, Socken, Hemd usw. habe ich von ihnen bekommen. Sie säuberten bestimmte Körperbereiche mit Kölnischwasser und sprühten mich, nachdem sie mich angezogen hatten, mit Parfüm ein.

Chef: „Wir behalten nur deine SIM-Karte“

Kurz bevor sie mich freiließen, sagte einer, den sie intern Chef nannten, zu mir, dass sie mir nichts nehmen außer meine SIM-Karte. Als ich nach dem Grund fragte, gab es keine Antwort. Er sagte, „Entweder lässt du dir eine neue SIM-Karte geben oder du wechselst deine Nummer. Deine SIM-Karte habe nun ich“. Meinem Kopf war wieder eine Art Sack übergestülpt. Zwei Personen drückten ihn runter. Bevor ich ausstieg, sagten sie, dass ich einfach nur nach vorne laufen, mich keinesfalls umdrehen soll. Als ich ein Stück gegangen war, öffnete ich meine Augen.

Dann merkte ich, dass sie meine Augen mit Watte und Klebeband zugeklebt haben. Es war früh morgens, ich dachte erst, dass es spät abends war. Da ich nicht telefonieren konnte und es in der Nähe auch kein anderes Kommunikationsmittel gab, bat ich einen Sicherheitsmann, ein Taxi zu rufen. Damit fuhr ich dann zu meinen Eltern. So habe ich diese Tage erlebt. Wir wissen, dass diese Angriffe wegen unserer sozialistischen Identität passieren. In der Vergangenheit gab es häufig solche Angriffe gegen Sozialisten. Dies offenbarte sich ursprünglich als eine Politik der 80er und 90er Jahre. Heute wird es wieder angewandt. Vermutlich wird diese Ideologie derartige Maßnahmen auch in der Zukunft weiter ergreifen.“