Archiv: Recep Tayyip Erdoğan, Präsident der Türkei, und Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, stehen während eines Gruppenfotos bei einer Konferenz über Libyen im Kanzleramt in Berlin nebeneinander. Foto: Michael Sohn/AP/dpa

Nach einem verbalen Angriff des türkischen Präsidenten auf Emmanuel Macron hat Frankreich seinen Botschafter in Ankara für Beratungen zurückgerufen.

„Macron braucht eine psychologische Behandlung“, hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gesagt. Daraufhin hat Frankreich erstmals seinen Botschafter in Ankara für Konsultationen zurückgerufen. Das Verhalten der Türkei sei inakzeptabel, teilte Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian mit. Diesen Fall habe es zuvor noch nie gegeben, bestätigten Regierungskreise.

Erdoğan hatte am Samstag bei einem Kongress seiner Partei AKP in Kayseri in Zentralanatolien gegen „besorgniserregende Anzeichen einer wachsenden Islamfeindlichkeit in Europa“ gewettert. Als Beispiel nannte er unter anderem Macron, der nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty vor gut einer Woche dem radikalen Islamismus in Frankreich den Kampf angesagt hatte. Paty war von einem 18-jährigen jungen Mann mit russisch-tschetschenischen Wurzeln getötet worden, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Muhammad gezeigt haben soll.

Keine Solidarität nach Terror

Von türkischer Seite habe es dazu keine offizielle Verurteilung der Tat oder Solidarität für Frankreich gegeben, hieß es in der Mitteilung aus dem Außenministerium. In den vergangenen Tagen sei noch „hasserfüllte und verleumderische Propaganda gegen Frankreich“ hinzugekommen. Es gebe den Wunsch, Hass gegen Frankreich zu schüren, so Le Drian. Dieser sei auch in den direkten Beleidigungen gegen Macron von „höchster Ebene des türkischen Staates“ zum Ausdruck gekommen.

Macron wirbt seinerseits für einen Islam, der „mit den Werten der Republik“ vereinbar ist. Die strikte Trennung von Staat und Kirche gilt als ein Grundprinzip der französischen Verfassung.

Erdoğan auf Konfrontationskurs

„Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?“, fragte Erdoğan auf der Veranstaltung. Macron gehöre in psychologische Behandlung, fügte der Präsident hinzu. Sein französischer Amtskollege habe das Prinzip der Glaubensfreiheit nicht verstanden. Es ist nicht das erste Mal, dass die Fronten zwischen den beiden Staatsmännern verhärtet sind.

Bei derselben Veranstaltung hatte sich Erdoğan auch kritisch zu einer Polizeirazzia in einer Berliner Moschee geäußert. Am letzten Mittwoch hatten etwa 150 Polizisten in der deutschen Hauptstadt mehrere Firmen und eine Moschee wegen des Verdachts auf Corona-Subventionsbetrug durchsucht. Der türkische Präsident verurteilte das Vorgehen auf Twitter als „rassistisch und islamfeindlich“.

Eiszeit zwischen Ankara und Paris

Verbalattacken Erdoğans gegen Macron sind wie weiter oben erwähnt nicht unbedingt neu. Im vergangenen November hatte der türkische Präsident die psychische Gesundheit des französischen Staatsoberhaupts bereits schon einmal in Frage gestellt. Damals hatte Macron dem Verteidigungsbündnis Nato einen „Hirntod“ attestiert. Erdoğan sagte anschließend, Macron solle besser seinen eigenen Hirntod untersuchen lassen.

Die Liste der aktuellen Streitpunkte zwischen Paris und Ankara ist lang: Unter anderem hatte Macron im Seegebietsstreit zwischen den EU-Ländern Griechenland und Zypern auf der einen Seite und der Türkei auf der anderen zur symbolischen Unterstützung Griechenlands zusätzliche Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer geschickt und sich offen für zusätzliche Türkei-Sanktionen gezeigt, was bei vielen Türken für Ärger sorgte.

Frankreich missbilligt außerdem die Einmischung der Türkei in den Konflikt in Bergkarabach scharf. Aserbaidschan kann sich in dem Konflikt mit Armenien um die seit Jahrzehnten zwischen beiden Ländern umstrittene Südkaukasusregion auf seinen „Bruderstaat“ Türkei berufen.