ARCHIV - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan spricht am 21.11.2017 im Parlament in Ankara (Türkei). Erdoğan hält derzeit beinahe täglich Ansprachen, und bei einigen Reden lässt sich schon vor deren Ende erahnen, dass die Lira weiter an Wert einbüßen wird. Foto: Burhan Ozbilici/AP/dpa

Der Streit zwischen der Türkei und Frankreich eskaliert: Recep Tayyip Erdoğan rief nun seine Landsleute zum Boykott französischer Marken auf. Indes rutscht die türkische Lira auf ein neues Rekordtief. Die Folgen sind nicht abzusehen.

„Beachtet französische Marken bloß nicht, kauft sie nicht.“ Mit diesen Worten rief der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sein Volk am Wochenende zum Boykott französischer Produkte auf. Die Konsequenz: Die türkische Landeswährung bricht weiter ein. Ein Dollar kostet am Bosporus erstmals mehr als acht Lira – so viel wie noch nie.

Präsident Erdoğan könnte den Verfall durch den Boykottaufruf angeheizt haben. Zwar fällt die Währung nicht erst seit der Boykottdrohung, ausländische Waren werden für Türken seit neun Wochen immer teurer (DTJ-Online berichtete). Doch die harsche Konfrontation verschreckt Investoren und Finanzexperten zusätzlich.

Gasstreit und Muhammad-Karikaturen

Der Streit mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron entflammte ursprünglich am Konflikt um Gasvorkommen in der Ägäis (DTJ-Online berichtete). Der neueste Stein des Anstoßes sind Muhammad-Karikaturen, die Macron als „Meinungs- und Redefreiheit“ verteidigte. Erdoğan warf ihm indes Islamfeindlichkeit vor und titulierte den französischen Präsidenten als „psychischen Krankheitsfall“.

Die Türkei ist mit ihrer Empörung nicht allein. Am Sonntag hatten bereits mehrere arabische Länder einen Boykott gegen Frankreich verkündet. Händler in Jordanien, Kuwait und Katar nahmen französische Waren aus den Regalen.

Neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ mit Erdoğan auf dem Titelblatt

Der Boykottaufruf ist indes der neue Tiefpunkt in den türkisch-französischen Beziehungen. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) kritisierte Erdoğans Verbalattacken. Die persönlichen Angriffe seien „völlig inakzeptabel“.

In den sozialen Medien verteidigen Erdoğan-Anhänger den Kurs ihres Präsidenten. Es sei „nicht verwunderlich“, dass die Währung schwächele, alles habe „ihren Preis“. Die Türkei stehe in den Konflikten in Libyen und Aserbaidschan an der Seite der „Unterdrückten“, das Land trete zudem selbstbewusster auf und fordere u.a. im Gasstreit seine Rechte ein.

International und bei vielen Erdoğan-Kritikern hingegen herrscht die Meinung vor, dass der Präsident den Streit mit Macron geschickt nutze, um von wirtschaftlichen Problemen abzulenken und seine Anhänger zu mobilisieren. Die am Dienstag vorab veröffentlichte neue „Charlie Hebdo“-Ausgabe, die auf dem Titelbild den türkischen Staatschef karikiert, dürfte Erdoğan bei dieser Lesart des Streits in die Karten spielen.