01.03.2020, Türkei, Istanbul: Türkische Fußballfans schwenken türkische Flaggen zum Gedenken während eines Süper Lig-Spiels zwischen Galatasaray und Gençlerbirliği im Turk Telekom-Stadion an die 36 türkischen Soldaten, die am Donnerstag, den 27.02.2020, bei einem Angriff der syrischen Armee im Gebiet Idlib in Syrien getötet wurden. Foto: AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der türkische Fußballverband hat sich in diesen Tagen wohl keine neuen Freunde gemacht. Obwohl fast alle Ligen in Europa und anderen Kontinenten ihren Spielbetrieb seit Tagen oder gar Wochen eingestellt haben, hielt er stur daran fest, die Partien weiter auszutragen, wenn auch ohne Zuschauer. Nachdem einige aus- und inländische Spieler ankündigten, nicht mehr trainieren und auflaufen zu wollen, zog ein Star in den Reihen von Trabzonspor die Reißleine und lief gegen Başakşehir nicht auf. Sein Vertrag ist mittlerweile aufgelöst. Letztlich sprach die Politik ein Machtwort, seit gestern ist der Spielbetrieb eingestellt. Ein Facebook-Follower von DTJ-Online kann nur den Kopf schütteln. Ein Gastbeitrag.

Manchmal stell ich mir die Frage, geht es im türkischen Fußball wirklich um Sport? Oder um Autorität, Gier?

Berechtigterweise wurde europaweit der Spielbetrieb eingestellt, die EM 2020 um ein Jahr verschoben. Alles wegen Corona. Alle Funktionäre waren sich schnell einig, denn Gesundheit ist schließlich wichtiger als Fußball!

Nur im türkischen Fußball stieß der Vorstoß unter anderem von Galatasaray Istanbul und mehreren Spielern von verschiedenen Vereinen, die eine Pause angeregt hatten, anscheinend so sehr auf, dass Verbandschef Nihat Özdemir unverzüglich bekannt gab, dass der Spielbetrieb ohne Zuschauer fortgesetzt wird. War das Problem damit gelöst? Oder handelte es sich einfach um einen Befehl, womit alle von vornherein ruhig gestellt werden sollten? Es wird sein Özdemirs Geheimnis bleiben.

Mikel und Trabzon lösen Vertrag auf

Das erste Opfer ließ nicht lange auf sich warten, John Obi Mikel, nigerianischer Starspieler von Trabzonspor, musste den Verein verlassen, da er sich weigerte, zu spielen. Wohlgemerkt; er wollte nicht spielen, weil er sich Sorgen um seine Gesundheit gemacht hat! Absolut nachvollziehbar in diesen Zeiten.

Letztendlich gibt es über die vergangenen zwei Wochen soviel über den „Zirkus“ Türkischen Fußball zu schreiben, aber ich möchte mich kurz fassen. Muharrem Kasapoğlu, der türkische Jugend- und Sportminister, hat gestern im Austausch mit den Klub-Vertretern die in meinen Augen einzig richtige und längst überfällige Entscheidung getroffen: Die Liga wird unterbrochen! Und auch alle anderen Sportveranstaltungen.

Aggressionen abbauen oder zur Abwechslung mal den Sport genießen?

Ich weiß nicht, ob wir das jemals erleben werden aber… vielleicht werden die Vereine und Verbände eines Tages von Personen geführt, die eine Vergangenheit in diesem Sport haben…

Vielleicht betrachten wir Fans diese 90 Minuten eines Tages als Sport und nutzen ihn nicht, um unsere Aggressionen abzubauen oder uns gegenseitig zu beschimpfen…

Vielleicht geht es eines Tages mal auch bei UNS um FUßBALL und nicht um die Demonstration von Macht und Gier…

Wer weiß, vielleicht?

Tacettin Kızılarslan, DTJ-Leser aus Niederbayern

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