In sehr vielen Ländern ist Gewalt gegen Frauen ein großes Problem. Auf dem Bild sind Frauen mit Mund-Nasen-Schutz zu sehen, die am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen an einem Protest in Bern (Schweiz) teilnehmen. Dabei tragen sie Transparente mit der Aufschrift "Gemeinsam für eine Welt ohne Gewalt an Frauen". Foto: Peter Klaunzer/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Frauen kämpfen in der Türkei immer mehr für Gerechtigkeit. Eine Initiative macht auf das Thema Frauenmorde aufmerksam. Andere setzen sich für politisch Inhaftierte ein.

Die türkische Zivilgesellschaft gilt in der Regel als passiv und wird meist staatlich kontrolliert. Das ist nicht erst seit kurzem so, sondern seit der Gründung der Republik. In den letzten Jahren hingegen wächst die Zahl der Aktivisten enorm, vor allem jene der weiblichen. Sie schicken sich an, die Zivilgesellschaft aufzumischen.

Beispielsweise der Name Melek Çetinkaya wird in den letzten Jahren in den wenigen noch als unabhängig einzustufenden türkischen Medien häufig thematisiert. Ihr Sohn (19) ist wegen Beteiligung am gescheiterten Putschversuch im Jahr 2016 inhaftiert. Die furchtlose Mutter setzt sich mit aller Kraft für ihn ein und hat sich dabei regelrecht zu einer Vorkämpferin entwickelt. Denn nun trauen sich auch andere auf die Straße zu gehen. Ihre Angst war groß, weil in den letzten Jahren mehr als 17.000 Frauen nur wegen ihren politischen Ansichten inhaftiert wurden.

Es gibt aber noch unzählige andere Beispiele wie die sogenannten „Samstagsmütter“, Başak Demirtaş und Büşra Öztaş. Neben solchen „Einzelkämpfern“ gibt es auch Vereine wie „Wir werden Frauenmorde stoppen“. Seit 2010 versucht die Leiterin Gülsüm Kav mit ihren Kolleginnen das Thema präsent zu halten. Denn die türkische Politik scheint nicht viel gegen Frauenmorde tun zu können, es bleibt meist bei Lippenbekenntnissen. Allein in diesem Jahr wurden schon 353 Frauen ermordet, „immerhin“ etwas weniger als im Vorjahr (418), wobei das aktuelle Jahr ja noch nicht um ist. Kav will durch die Webseite „Anıt sayacı“ dafür sorgen, dass diese Frauen nicht in Vergessenheit geraten. Jede Einzelne, die etwa durch ihren Mann, Geliebten, Vater oder Bruder zu Tode kam, wird hier mit dem Namen aufgelistet.

Trauriger Spitzenplatz für die Türkei in Europa

Auch wenn jeder Frauenmord einer zu viel ist, schadet ein Blick auf die Statistik nicht. Denn die Türkei hat nach DTJ-Berechnungen die höchste Femizid-Quote in Europa. Die letzten vergleichbaren Zahlen stammen aus dem Jahr 2015.

In Montenegro stirbt pro 100.000 Frauen fast eine Frau nach männlicher Gewalt. In der Türkei lag diese Quote im Jahr 2015 bei 1,3 und somit höher als in anderen europäischen Staaten. Deswegen organisiert die Initiative „Wir werden Frauenmorde stoppen“ in den letzten Jahren immer wieder Proteste und Kundgebungen. Erst am Sonntag waren tausende Frauen in Istanbul wieder auf der Straße.

„Uns sagt man, dass was auch immer Männer sagen, Frauen das tun müssen. Dagegen kämpfen Frauen bis zum Tode. Wir sagen, dass es genug ist, dass vier Frauen täglich getötet werden. Genug, dass Frauen zusammen mit ihren Kindern getötet werden. Wie lange werden wir noch das erleben müssen?“, fragt Fidan Ataselim, Generalsekretärin der Initiative. Die Frage ist wohl nicht zu beantworten.

Umstrittene Kampagne des Ministeriums

Währenddessen sorgt am „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ eine Kampagne der türkischen Familienministerin Zehra Zümrüt Selçuk für Aufsehen. Promis rufen in einem Video Männer dazu auf, die Gewalt gegen Frauen zu stoppen. Im Slogan deuten die Macher darauf hin, dass Männer durch Morde an Frauen ihre „Hälfte“ verlieren. Ataselim antwortet der Ministerin mit dem Hashtag #Kadınlartamdır (auf Deutsch: Frauen sind komplett). „Frauen können nicht als ‚Hälfte‘ bezeichnet werden“, schreibt die Aktivistin auf Twitter.