24.03.2018, Syrien, Afrin: Türkische Soldaten sitzen auf einem Panzerfahrzeug während einer von der türkischen Regierung organisierten Pressetour. Türkische Truppen und verbündete syrische Milizen hatten am vergangenen Wochenende die vor allem von Kurden bewohnte Region Afrin vollständig unter Kontrolle gebracht. Durch die türkische Offensive im Nordwesten Syriens sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO fast 170 000 Menschen vertrieben worden. Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa
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Recep Tayyip Erdoğan feierte den Sieg über die Kurden in Afrin überschwänglich. Doch der Sieg ist vergiftet. Sein Handlungsspielraum limitiert, die Folgen nicht absehbar: Die Türkei muss nun für seine Kriegstreiberei harte Konsequenzen fürchten.

Von STEFAN KREITEWOLF

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Seit einer Woche kontrollieren türkische Streitkräfte das Zentrum der nordsyrischen Stadt Afrin. Über der Stadt weht nun die türkische Fahne. Die Schlacht um die Stadt und die gleichnamige Region scheint entschieden zu sein – und das schneller als erwartet. Seit dem 20. Januar waren Soldaten der türkischen Armee Stück für Stück aus dem Grenzgebiet ins Zentrum der Provinz vorgerückt. Beobachter hatten einen monatelangen Stellungskrieg mit großen Verlusten vorausgesagt. Dass es am Ende schnell ging, ist für den türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ein großer Sieg – obschon ein vergifteter.

Was tun mit Afrin?

Denn Erdoğans Kriegstreiberei könnte nach dem großen Sieg nach hinten losgehen: In Afrin steht der türkischen Regierung eine große Herausforderung bevor. Was tun mit der Stadt, in der kaum jemand den Einmarsch der Türken bejubelt? Erdoğan bleiben nur drei Optionen:

  • Gewaltherrschaft: Er kann seine Macht mit Gewalt festigen. Das hat zwei Nachteile: Er müsste eine große Zahl türkischer Sicherheitskräfte vor Ort stationieren, die einem hohen Risiko von Angriffen und Anschlägen ausgesetzt wären. Türkische Soldaten würden auf syrischem Boden sterben. Das wiederum kann Erdoğan für die innere Stabilität der Türkei und die Festigung seiner Autokratie nicht gebrauchen. Er muss ohnehin eine Terrorwelle der PKK, die mit den syrischen Kurden verbündet ist, im eigenen Land fürchten.
  • Übergabe an Assad: Erdoğan könnte Afrin auch Assad und der syrischen Zentralregierung in Damaskus überlassen. Diese Option erscheint allerdings unwahrscheinlich, hatte Erdoğan Assad doch mehrfach als „Terroristen“ bezeichnet. Es wäre für ihn schlicht eine Pein.
  • Übergabe an Verbündete: Die Türken könnten die Region Afrin auch an die Freie Syrische Armee (FSA) übergeben. Die FSA kämpfte mit den Türken an vorderster Front. Allerdings vereint die FSA verschiedene Strömungen der syrischen Opposition und darunter verbergen sich auch radikale Islamisten, die Erdoğan diskreditieren könnten. Außerdem ist die FSA ohne die Hilfe der türkischen Streitkräfte nicht in der Lage, das gewonnene Territorium gegen die Kurden langfristig zu verteidigen.

 

 

Obwohl es jüngst hieß, Erdoğan wolle einen Gouverneur in Afrin installieren, schwinden seine Optionen und die Zeit drängt, herrscht in Afrin doch die Angst vor der Zeit nach der Einnahme der Türken. Kein Wunder. Die Region Afrin blieb schließlich bis zum Beginn der „Operation Olivenzweig“ von Bürgerkrieg und Terror in Syrien verschont. Die Kurden sorgten für Sicherheit und die Lebensgrundlage wuchs auf den fruchtbaren Böden der Region. Das ist nun vorbei.

Offensive gegen die USA?

Obschon der große Mann vom Bosporus den Sieg seiner Streitkräfte als „Befreiung“ zu inszenieren versucht, wächst zugleich die internationale Kritik an seinem harten Vorgehen. In der Nato glaubt kaum jemand dem Erdoğanschen Mantra, der Einsatz gegen die kurdische YPG-Miliz diene lediglich dem Schutz der Nato-Außengrenzen. Und die Berichte mehren sich, dass seine Truppen und ihre Verbündeten der FSA systematisch kurdische Volksgruppen vertrieben, Gegner erschossen und ihre Frauen vergewaltigten.

Erdoğans Krieg und das Fehlen einer Strategie für die Nachkriegsordnung rief immer wieder auch die USA auf den Plan, die ihre Verbündeten im Norden Syriens, die Kurden, weiterhin mit Waffen und Know-how unterstützen. Erdoğan drohte bereits in typischer Manier mit einer „osmanischen Ohrfeige“ Richtung Washington. Im gleichen Zuge sprach er davon, die Stadt Manbidsch im Norden Syriens angreifen zu wollen. Dort sind US-Spezialkräfte stationiert. Es ist höchstfraglich, ob sich Erdoğan wirklich traut, in eine offene Konfrontation mit den USA einzutreten. Gleichwohl ist er nicht gerade bekannt dafür, einen Rückzieher zu machen.

In Washington wird das Gebaren des Nato-Partners mit wachsendem Missfallen beobachtet. Dass die erste Amtsreise des neuen US-Außenministers Mike Pompeo Mitte März nach Ankara ging, ist keineswegs als Freundschaftsdienst zu interpretieren. Pompeo wird deutliche Worte an Erdoğan gerichtet haben. Ob Erdoğan sie verstanden hat – das steht auf einem anderen Blatt.

 

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