29.10.2020, Irak, Bagdad: Eine Frau schlägt mit einem Schuh auf ein Plakat mit einem Bild des französischen Präsidenten Macron im Rahmen von Feierlichkeiten zum Jahrestag der Geburt des islamischen Propheten Muhammad. Muslime protestierten gegen die Veröffentlichung von Karikaturen in Frankreich, die den Propheten darstellen sollen. Foto: Khalid Mohammed/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Gastbeitrag von Talha Güzel

Die aufeinanderfolgenden Anschläge der letzten Wochen haben eine Welle der Empörung ausgelöst. Muslimische Vereine und Verbände sahen sich in der Pflicht, diese Taten zu verurteilen und sich von ihnen zu distanzieren. Inmitten all dieser Distanzierungen fragen auch einige, vielleicht sogar zurecht: Wieso wird erwartet, dass Muslime sich immer wieder aufs Neue von terroristischen Taten distanzieren? Diese „fortwährende Pflicht zur Distanzierung“ wird als lästig empfunden. Warum versteht die Welt nicht endlich, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime Terror nicht gutheißt?

Wenn ein christlich-fundamentalistisch motivierter Anschlag verübt wird oder eine Terrororganisation in Uganda versucht, einen christlichen Gottesstaat zu gründen, muss kein Christ sich von diesen Taten distanzieren. Warum dieser scheinbare Doppelstandard?

Das verflixte „Ja, aber“

Lassen Sie mich versuchen, diese Frage zu beantworten: Weil kaum eine christliche Person des öffentlichen Lebens diese Taten auch nur im Entferntesten relativiert oder gar rechtfertigt. Muslimische Erklärungen jedoch sind nicht selten mit einem verflixten „aber“ gespickt: Aber die Karikaturen seien ja auch beleidigend. Aber das Opfer habe ja auch provoziert.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Eine Diskussion darüber, wie richtig es ist, das von bestimmten Gruppen als sakral Empfundene zu verunglimpfen, kann und sollte geführt werden. Als Muslim bin ich von meiner Religion dazu angehalten, Gottheiten und Sakrales anderer Religionen zu respektieren. Als solches wünsche ich mir natürlich, dass andere Menschen mit demselben Respekt und demselben Fingerspitzengefühl an meinen Glauben herangehen. Kritik kann auch geübt werden, ohne das Sakrale zu beleidigen.

Zeitpunkt dieser Diskussion ist nicht jetzt

Aber der Zeitpunkt dieser Diskussion ist nicht jetzt. Nicht nachdem Menschen bei Anschlägen ermordet wurden. Denn Kritik an den Opfern zu üben, relativiert und verharmlost die Tat und impliziert, dass die Verstorbenen „es irgendwo auch verdient haben“. Und das ist grotesk. Niemand verdient es, auf diese Art und Weise zu sterben.

Um also auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wenn wir Muslime es irgendwann mal schaffen, geschlossen und entschlossen gegen diese Taten aufzutreten. Wenn bei solchen Anschlägen eine Welle der Empörung und Entrüstung durch die muslimische Welt geht und Terrorismus ohne „aber“ verurteilt wird. Dann wird die Welt auch begreifen: Mit Ausnahme einiger extremistischer Spinner haben Muslime mit Terror und Gewalt nichts am Hut.

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Talha Güzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Stiftung Dialog und Bildung“. Sie ist in Deutschland Ansprechpartner für die Hizmet-Bewegung, die auf Fethullah Gülen zurückgeht. 

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