ARCHIV - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Foto: Lintao Zhang/POOL Getty Images/AP/dpa
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Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einer Pressekonferenz in Frankreich einen französischen Journalisten verbal attackiert, nachdem dieser ihn mit einer kritischen Frage wütend gemacht hatte. Eine ähnliche Situation hatte der im Exil lebende türkische Journalist Ahmet Dönmez bereits in 2014 erlebt. 

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Heute spricht er mit DTJ-Online über den Vorfall in Paris und meint, dass sich Erdogan entblößt habe.

DTJ: Herr Dönmez, hatten Sie bei Ihrer Frage in der Pressekonferenz am 11 Februar 2014 mit einem solch verbalen Angriff gerechnet?

„Ja, ich hatte vermutet, dass er erzürnt sein wird. Darauf war ich vorbereitet. Eigentlich hätte ich nach seiner persönlichen Attacke antworten können, aber ich wollte die Sache nicht weiter personalisieren. Ohnehin hätte ich vermutlich kein Mikrofon mehr erhalten. Anschließend habe ich gegen ihn eine Beleidigungsklage eingereicht, aber das Gericht hat meinen Antrag abgelehnt. Aber Erdogan hat Tausende Personen wegen Beleidigung gegen den Staatspräsidenten verklagt. Deswegen wurden sogar Schüler und Lehrer verhaftet.“ 

DTJ: Haben Sie während der Antwort von Recep Tayyip Erdogan gedacht: „Hätte ich diese Fragen doch nicht gestellt. Jetzt habe ich mir Kopf und Kragen riskiert“?

„Nein, ich habe es niemals bereut. Ich war ja bereits auf sowas vorbereitet. Ich habe das in Kauf genommen. Weil der Zeitpunk gekommen war, in dem ein Journalist endlich diese Fragen stellt. Viele meiner Kollegen haben mich an diesem Tag gratuliert, dass ich den „Stolz des Berufs“ bewahrt hätte. Heute sehen wir mehr denn je, wie bedeutend diese Fragen damals waren. Das zeigen die Korruptionsermittlungen und auch der Angriff auf den französischen Journalisten Laurent Richard… Wenn kein einziger türkischer Journalist diese Fragen gestellt hätte, sondern ein französischer Journalist der Erste gewesen wäre, wäre dies ein Armutszeugnis für den türkischen Journalismus. An dem Tag haben mich zahlreiche Kollegen in diesem Raum für meinen Mut gratuliert.“

„Ja, das ist der echte Erdogan“

DTJ: Diesen Erdogan kennt man ja kaum. Ist das vielleicht der Erdogan hinter den Kulissen?

„Ja, das ist der echte Erdogan. Erdogan war eigentlich immer schon so. In den 90´er Jahren, als er der Oberbürgermeister von Istanbul war, sprach er schon so mit Journalisten und sein Blick auf den Beruf des Journalisten war derselbe. Für ihn sollte ein Journalist stets seine Politik unterstützen, seine Aussagen veröffentlichen. Schlechte, bzw. kritikwürdige Dinge sollten Journalisten direkt mit ihm besprechen, als darüber zu schreiben… Nur solche Journalisten können „national“ sein, also ordentliche Staatsangehörige. Alle anderen sind für ihn die Marionetten des ausländischen Masterminds. In Erdogans Gedankenwelt gibt es keinen Platz für eine unabhängige Justiz und auch keinen für unabhängige Medien. Universelle Werte wie Meinungsfreiheit und Freiheit der Presse existieren nur, wenn sie nicht auf ihn und seine Partei abzielen. Sämtliche Texte und Beiträge sind uneingeschränkt erlaubt, solange sie ihm gegenüber keine Opposition darstellen, oder seine Fehler öffentlich machen. Beispielsweise hat Erdogan damit keinerlei Probleme, wenn gegen die Opposition oder oppositionelle Gruppen Fake News verbreitet werden. Da glaubt er an unbegrenzte Freiheit der Presse. In solchen Situationen betont er sehr gerne die freie Meinungsäußerung. Doch wenn es um ihn geht kann er nichts aushalten. Er bezeichnet sowas als „Landesverrat“, „Spionage“ und „Terrorismus“. Vor der Öffentlichkeit macht er solche Journalisten zur Zielscheibe, indem er sie namentlich angreift. Er kann diese Journalisten durch seine gehörigen Richter im Gefängnis einbuchten.“

Erdogans Angriff auf französischen Journalisten: „Natürlich habe ich mir das angeschaut. Was habe ich gefühlt? Es war irgendwie sehr vertraut.“

DTJ: Haben Sie die Pressekonferenz in Frankreich angeschaut?

„Natürlich habe ich mir das angeschaut. Was habe ich gefühlt? Es war irgendwie sehr vertraut. Als wäre ich wieder am 11 Februar 2014 und verfolge Erdogans Pressekonferenz mit dem spanischen Ministerpräsidenten. Es war für mich und für viele Zuschauer, die diese Szene nicht vergessen konnten eine Art Nostalgie. In Social Media haben mich viele erwähnt und an diese Pressekonferenz erinnert. Ich bedanke mich bei meinem französischen Kollegen für seine Einsatz. Aber vermutlich waren die Franzosen etwas überrascht. Sie hatten die historische Gelegenheit den „echten Erdogan“ aus nächster Nähe zu sehen. Endlich konnten die Franzosen und Europäer sehen, was wir seit Jahren zu erzählen versuchen, um dessen Willen einen hohen Preis bezahlen, zahlreiche unserer Kollegen ihre Arbeit verloren haben, existentiell bedroht sind, ins Exil flüchten mussten und manche unter ihnen, beispielsweise Deniz Yücel sogar seit Monaten und Jahren hinter Gittern sitzen. Erdogan hat bei dieser Pressekonferenz vieles von sich preisgegeben. Er hat in nur einer Pressekonferenz etwas geschafft, was uns seit Jahren nicht gelungen ist.“

Appeasment Politik ist ein Teil der Realität

DTJ: Wie bewerten Sie die neue Appeasment-Politik zwischen manchen EU-Ländern und der Türkei?

„Was wir heute wieder erleben ist ein der pure Realismus. Emmanuel Macron hat die Kritik gegenüber dem Besuch von Erdogan abgewiesen und gemeint, dass „das Handeln entsprechend ethischen Befürchtungen“ sie schwäche. Gleichzeitig hat der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu, der ihn vor wenigen Monaten als Nazi beschimpft hatte, bei sich zu Hause empfangen und ihm persönlich türkischen Tee serviert.“ Für Staaten gibt es keine Werte, sondern Interessen. Leider hat Europa aus dieser Sicht eine fette Akte. Diese Haltung der EU ist für die Demokraten in der Türkei eine herbe Enttäuschung. Die Denkweise, „Hauptsache die Türken kaufen unsere Waffen; der Diktator der Türkei kann mit diesen Waffen so viele Oppositionelle peinigen, wie er will“, ist aus meiner Sicht ein Schandfleck für Europa. Wir haben es mit einem Europa zu tun, das Erdogan finanziert, ihm Waffen in die Hand drückt, ihn mit einem freundlichen Lächeln ermutigt und mit dieser zurückhaltenden Art ihn sogar noch weiter stärkt. Und dieser Erdogan kehrt mit dieser Bestätigung von Europa in sein Land zurück und greift noch härter gegen Journalisten, oppositionelle Politiker, Akademiker und alle Regimegegner durch. Er tritt die Unabhängigkeit der Justiz mit den Füßen. Er hebt sämtliche Freiheiten auf. Er verfestigt das Ein-Mann-Regime noch weiter. Erdogan kennt zwei Sprachen: Geld und Macht. Er versteht sonst nichts. Leider spricht Europa diese beiden Sprachen genau nach der Vorstellung Erdogans. Eins muss ich deutlich machen. Die Demokraten in der Türkei sind von der EU unglaublich enttäuscht. Sie werten dies als einen Verrat an den universellen Werten.“

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