Ein dunkles Parkhaus aus altem Beton. Ein Motor heult auf. So alt wie das Kreuzberger Zentrum, so alt ist auch der 76’er Cadillac Sedan Deville. Der Architekt Johannes Uhl fährt mit seinem Auto durch das Parkhaus, das er einst selbst baute. Er führt auf die Dächer Kreuzbergs, er führt in sein Büro, er zeigt Baupläne, erzählt von seinen Visionen, ist auf Entdeckungstour im Zentrum Kreuzberg Merkezi. Stimmt seine Vision mit dem heutigen Bau überein? Wie steht der Architekt zu den damaligen Protesten? Wie ist seine Meinung, wie der Bau heute angenommen wird?

Lange Straßenzüge. Weite Sicht. Grau-braune Altbauten mit Stuck über den Fenstern. Zerbombte Fassaden. Relikte des Zweiten Weltkriegs zerfallen. So fing es einst an. Für Gastarbeiter bot sich diese Gegend in der Sechzigern und Siebzigern als günstiger Wohnraum an. Im Rahmen des „Erste Berliner Stadterneuerungsprogramms“ wollte der Senat die historischen Straßenzüge abreißen lassen. Haus um Haus sollte für das Neue Kreuzberger Zentrum weichen, einen übergreifenden Bau für das gesamte Gebiet. Schon bald erkannten die Menschen ihren Kiez nicht mehr. Bürgerinitiativen und teils gewalttätige Proteste stellten sich gegen einen weiteren Abriss der Häuser in der Dresdner und Oranienstraße. Besetzungen und Straßenkämpfe prägten das Bild Kreuzbergs der 70er- und 80er-Jahre.

1974 wurden die ersten Läden eröffnet. Die ersten Mieter bezogen das Hochhaus in der Adalbertstraße, das sich wie ein langgezogener Bogen um das Kottbusser Tor legt. Auf zwölf Stockwerken, mit 295 Wohnungen sollte es das „Europa Center für Kreuzberg“ sein. Die Vision des Architekten Johannes Uhl war es, Wohnraum über eine Autobahn zu spannen, mit Nestern und Bühnen, die sich die Bewohner zu ihren Gunsten einrichten sollten. Mit einem sichelförmigen Bau war jede einzelne Wohnung Teil eines großen Ganzen.

„Man muss den Mut haben, Gebäude wie das Neue Kreuzberger Zentrum zu sprengen“

Die Autobahn wurde jedoch nie gebaut und mit dem Haus verwahrloste eine ganze Gegend. Bereits zwei Jahre später stand das Neue Kreuzberger Zentrum zum ersten Mal, 1979 ein zweites Mal kurz vor der Insolvenz. Nur ein Jahr später wurden Risse im Brückengang über der Adalbertstraße festgestellt, die Treppenhäuser wurden als Toiletten, als Treffpunkt für Junkies genutzt, der Spielplatz auf dem Dach des Parkhauses war zerstört, die Läden standen leer. Dennoch gab man den Bau nie auf – sowohl von Berlin, als auch von den Bewohnern. Dass das Haus Kreuzberger Zentrum, das sie Bausünde nannten, Profitwurm, Pleitebau, Monster, nun voller Menschen ist, darauf mussten vierzig Jahre gewartet werden.

Das „Erste Berliner Stadterneuerungsprogramm“ ermöglichte einen Bau, dem die Entwicklung zum Drogenumschlagsplatz, die steigende Jugendkriminalität und die Straßenkämpfe zugeschrieben werden. Immer wieder gab es Debatten über den Werdegang des Zentrums. So sagte 1998 Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Klaus-Rüdiger Landowsky, über das Zentrum: „Man muss den Mut haben, Gebäude wie das Neue Kreuzberger Zentrum oder den Sozialpalast in Schöneberg zu sprengen“ und „Die müssen weg. Das sind Kriminalitätszentren, die kriegt man nicht mehr in den Griff. Sonst kippt Kreuzberg ganz ab.“

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2004 stand das Neue Kreuzberger Zentrum erneut vor der Pleite: Mieter zahlten ihre Miete nicht, die Läden standen fast zur Hälfte leer. Heute, 42 Jahre nach seiner Eröffnung stellen sich gegenteilige Fragen. Denn das Haus, auf dessen Rückseite heute „Kreuzberg Merkezi“ heißt, ist voll. Interessenten zahlen hohe Ablösesummen, für die Läden gibt es lange Wartelisten. Die ersten Mieter bangen nun um ihre Wohnungen, denn der als Monster verschriene Bau, steht mitten in einem der größten Kultkieze Kreuzbergs. Die Kriminalität ist geblieben. Die Mieten steigen, Bürgerinitiativen gründen sich neu, um dagegen zu protestieren. Proteste werden in Deutsch und Türkisch abgehalten. Sogar ein Gecekondu ist aus Protest gegen die Mieterhöhungen entstanden.

Uhls einst so verhasster Gebäudekompex ist heute das Herzstück eines der belebtesten und beliebtesten Orte Berlins. Trotz dass in den letzten Wochen mit aller Gewalt von überregionalen Medien versucht wird, das Kotti zur No-Go-Area umzuschreiben, reißen sich die Menschen offensichtlich darum, an diesem dreckig-bunten Ort zu leben. Es muss eine späte Genugtuung für ihn sein.


„Kobuto“ läuft am 30. April, 13 Uhr im Kino Babylon, Dresdener Str. 126, 10999 Berlin, 38 min., Deutschland 2016, Peter Behrbohm; Masen Khattab