In der Grenzregion zu Syrien finden regelmäßig Solidaritätskundgebungen der kurdischen Halkların Demokratik Partisi („Demokratische Partei der Völker“, HDP) statt.
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Der IS besiegt, die USA als Schutzmacht, eine stabile Verwaltung: Die Lage der Kurden in Syrien schien sich zu stabilisieren. Nun zeigt Erdoğan, dass er Rojava als Bedrohung versteht. Die USA setzen indes ein bedrohliches Zeichen.

Von STEFAN KREITEWOLF

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Rakka ist gefallen, der IS zurückgedrängt, die Terroristen demoralisiert: Der Kampf gegen islamistischen Terror neigt sich in Syrien dem Ende zu. Darauf verständigten sich auf einem trilateralen Treffen die Staatschefs der Türkei, Russlands und des Irans. Wladimir Putin erläuterte seinen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan und Hassan Rohani, dass nun der Fokus auf die politische Regulierung und eine Nachkriegsordnung Syriens liegen müsse.

Nach der Zurückdrängung des IS hat nun das Ringen um Einfluss und Dominanz in der Region begonnen. Und die Kurden im Norden Syriens stehen den Interessen der Regional- und Weltmächte im Weg. Dort leben aktuell rund fünf Millionen Menschen in vergleichsweise sicheren Städten und Dörfern. Während im Süden des Landes, der mittlerweile zu einem großen Teil wieder von syrischen Regierungstruppen kontrolliert wird, noch immer erbittert gekämpft wird, kommt der Norden Syriens zur Ruhe. Bis jetzt.

Die Entbehrlichkeit der Kurden

Denn seit ein paar Tagen herrscht erhöhte Alarmbereitschaft in „Rojava“, dem syrisch-kurdischen Autonomiegebiet. Angaben des türkischen Außenministeriums zufolge sagte US-Präsident Donald Trump Erdoğan telefonisch zu, die Waffenlieferungen an die syrischen Kurden (YPG) einzustellen. Mit ihrem Sieg über Rakka haben sich die Kurden offenbar entbehrlich gemacht.

Die US-Absage an die Kurden kann der türkische Präsident als Erfolg werten. Ankara stuft die YPG aufgrund der Nähe zur verbotenen PKK als Terrororganisation ein und kämpft einen geheimen Krieg an der Grenze Syriens und darüber hinaus. Zuletzt kursierten Meldungen, dass zwei Agenten des türkischen Auslandsgeheimdienstes MIT in Rojava getötet wurden.

Für die Kurden, die Washington bislang als Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz IS in Syrien sah und mit Waffen und Spezialkräften unterstützte, wäre das Ausbleiben der US-Unterstützung ein schwerer Schlag. Ohne die Schutzmacht USA hätten sie kaum ein Mittel gegen Invasoren aus der Türkei oder Assads Kampfbomber. Zudem würden alte Wunden aufreißen.

Lässt Washington die Kurden wieder im Stich?

Die Kurden haben in ihrem nunmehr hundertjährigen Kampf um einen eigenen Staat häufig mit den Großmächten USA und Russland (ehemals Sowjetunion) kooperiert, sind aber immer wieder fallengelassen worden. Die Geschichte schien sich nicht zu wiederholen. Immerhin kontrollieren kurdische Kräfte mithilfe der US-Streitkräfte aktuell fast 25 Prozent Syriens. Doch dann kam Trump.

Indes beginnt die Türkei, Truppen nahe der kurdischen Grenzstadt Afrin zusammenzuziehen. Drohnen der türkischen Luftwaffe sollen bereits über der syrischen Stadt kreisen. Dass Erdoğan mitteilen ließ, dass er deswegen auf das „Verständnis Russlands“ hoffe, verheißt nichts Gutes. Vielmehr könnte er Putin so um Erlaubnis bitten, in Rojava intervenieren zu dürfen.

Die Kurden bereiten sich aktuell auf die Verteidigung Afrins vor und stationieren schwerbewaffnete Verbände der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) im Umfeld der Stadt. Trotz der drohenden Konfrontation herrsche in Rojava ein verbreitetes Vertrauen in die Zukunft, bekräftigen Quellen von vor Ort.

Rojava gilt weiterhin als sicherer Hafen für die von Krieg und Hunger geplagte Bevölkerung Syriens. Bislang war sie dort geschützt. Wie lange das noch so bleiben wird, ist nach dem Treffen der Staatschefs und Trumps Telefonat ungewiss.

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