Mit der Dokumentation „Menekşe’den Önce“ („Bevor ich geboren wurde“), die 2012 als ein kommunales Projekt des Journalisten und Schriftstellers Soner Yalçın begonnen wurde, und welche die Spurensuche der damals noch nicht geborenen, heute 20-jährigen Menekşe erzählt, die beim Anschlag auf das Madımak-Hotel in Sivas ihren Bruder und ihre Schwester verlor, wurde dem Massaker vom 2. Juli 1993 erstmals ein filmisches Denkmal gesetzt.

Auf eine juristische Aufarbeitung werden die Opfer und ihre Angehörigen weiter warten müssen, denn die Weigerung deutscher Behörden, einst in der Türkei wegen der mutmaßlichen Beteiligung an den Ausschreitungen, in deren Folge das Massaker stattfand, verurteilte Verdächtige an die Türkei auszuliefern, zog vor zwei Jahren die Verjährung der ihnen ursprünglich zur Last gelegten Tat nach sich. Deutschland hatte den Verurteilten Asyl gewährt, weil man Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens hatte. In der Tat führte ein Sondergericht in der Türkei den Prozess – und Auslieferungsbegehren wurden auf Tatelemente wie die „Teilnahme an einer illegalen Kundgebung“ gestützt, die für Deutschland keine ausreichende Grundlage für eine Auslieferung darstellten. Am Ende verhinderte ein Gesetz aus der Zeit der Militärdiktatur die weitere Aufarbeitung der damaligen Ereignisse.

Mob durch Gerüchte angestachelt

Am 2. Juli 1993 hatte ein aufgebrachter Mob das Hotel Madımak in Sivas in Brand gesteckt. Ursprünglich sollte an jenem Tag dort eine Veranstaltung zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal stattfinden. Hauptsächlich waren Angehörige der alevitischen Community dort anwesend, aber auch Sunniten. Nach dem Freitagsgebet soll sich an jenem Tag eine aufgebrachte Menge vor das Madımak-Hotel begeben haben, nachdem Gerüchte aufgekommen waren, wonach der auf der Veranstaltung auftretende atheistische Schriftsteller Aziz Nesin sich in beleidigender Weise über die türkischen Sunniten geäußert haben soll, darüber hinaus sollen Passagen aus dem umstrittenen Buch „Die Satanischen Verse“ von Salman Rushdie vorgelesen worden sein. Nesin kam nicht zu Schaden, 37 Teilnehmer der Veranstaltung hingegen verbrannten, nachdem aus der Menge heraus am Hotel Feuer gelegt worden sein soll.

Die Stadt war angesichts der Ausschreitungen in Panik versetzt, Feuerwehr, Polizei und Militär griffen jedoch erst mit Verzögerung ein und konnten die Ausschreitungen nicht mehr rechtzeitig in den Griff bekommen. Die Unruhen wurden an jenem Tag sogar live im TV übertragen.

Parallelen zu Massakern in Kurdengebieten

Die Folgewirkungen des Massakers waren weitreichend: Zwar wurden die Vorfälle seitens des Staates damals weitgehend als eine von zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen Links- und Rechtsextremen dargestellt, wie sie in jener Zeit immer noch Gang und Gäbe waren – es mehrten sich jedoch immer wieder Spekulationen, wonach staatliche Organe selbst in die Provokationen verwickelt gewesen sein sollen, die letzten Endes zu der Eskalation geführt hatten.

Lange wurden lokale Autoritäten für die Ereignisse mitverantwortlich gemacht – die Stadt Sivas ist eine traditionelle Hochburg der Büyük Birlik Partisi (Partei der Großen Einheit; BBP), die der Idealistenbewegung zuzuordnen ist und deren damaligem Vorsitzenden Muhsin Yazıcıoğlu über Jahre hinweg Mitwisserschaft bezüglich der Ausschreitungen nachgesagt wurde.

Mit Fortdauer der Zeit wurden jedoch Strukturen des „tiefen Staates“ entdeckt und Parallelen zu ähnlichen Vorfällen in Kurdengebieten entdeckt. Die Entdeckung der „Ergenekon“-Strukturen 2007/08 und der mysteriöse Tod Yazıcıoğlus im Frühjahr 2009 nähren mehr denn je die Vermutungen dahingehend, dass Letzterer mit seiner Einschätzung, dass gezielte Provokationen durch Kräfte, die im Verborgenen agierten, zu den Exzessen beigetragen hätten, auf der richtigen Fährte gewesen sein könnte.

Mehrere tausend Aleviten demonstrieren in Kreuzberg

Für die alevitische Community markierte Sivas jedoch auch eine Zeitenwende. Die „Alevitische Bewegung“ machte sich von diesem Moment an als solche bemerkbar, statt wie früher lediglich nicht auffallen zu wollen. In Deutschland erreichte man schon bald die Anerkennung als Glaubensgemeinschaft. Jährlich demonstrieren Aleviten zu Zehntausenden sowohl in der Türkei als auch in Deutschland aus Anlass des Gedenkens an das Madımak-Massaker.

Wie die dpa berichtet, haben tausende Menschen am Sonntag in Berlin der Opfer des 2. Juli 1993 gedacht. Nach Angaben der Alevitischen Gemeinde zogen etwa 5000 Teilnehmer friedlich von Neukölln nach Kreuzberg.

In Deutschland sind die Aleviten erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, als 2007 tausende Aktivisten gegen die Ausstrahlung eines NDR-„Tatorts“ demonstriert hatten, in dem in potenzierter Weise rassistische Vorurteile und fremdenfeindliche Stereotype zum Ausdruck gebracht worden sein sollen – unter anderem, dass in alevitischen Cemhäusern inzestuöse Beziehungen gepflegt würden.

Inzwischen sind in Deutschland mehr als hundert Vereine im Alevitischen Dachverband AGD organisiert. Das zentrale Ziel der organisierten Minderheit bleibt die Anerkennung des Alevitentums in Deutschland wie in der Türkei.