Die Opfer des Pogroms von Maraş.

Der deutsch-türkische Oppositionspolitiker Mustafa Yeneroğlu ist ein konservativer Mann. Die AKP, in die ihn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan höchstpersönlich aufnahm, hat Yeneroğlu vor etwas mehr als einem Jahr verlassen. Er kritisiert seit einiger Zeit die aktuelle Menschenrechtslage in der Türkei. Nun spricht er in einem aktuellen Interview mit Oda TV auch über historische Probleme, die nicht aufgearbeitet würden. Als ein Mensch, der größtenteils in Deutschland sozialisiert, hier ein Jurist wurde, zieht er gut und gerne Parallelen zu Deutschland.

Anders als die Türkei habe Deutschland seiner grässlichen Vergangenheit in die Augen geschaut und mit ihr abgerechnet. Obschon auch in Deutschland der Rechtspopulismus weiter zunimmt, ist die Aufarbeitung der eigenen Nazi-Geschichte ein Faktum, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurchzieht. Wie erfolgreich sie ist, sei dahingestellt. Die Türkei hingegen hat mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte, auch wenn sie von einem anderen Kaliber sein mögen als jene Deutschlands, große Probleme. Vermutlich meint Yeneroğlu mit seiner Kritik auch die Ereignisse von Maraş.

Straßenschlachten zwischen Rechten und Linken

Die Türkei zwei Jahre vor dem Militärputsch 1980: Die Bevölkerung wurde Zeuge einer großen Spaltung, deren Folgen bis heute zu spüren sind. Die türkische Kunst- und Kulturszene beschäftigt sich noch heute mit den dramatischen Ereignissen jener Zeit. Oft geht es um die politischen Streitigkeiten bis hin zu den Straßenschlachten zwischen den beiden rivalisierenden Gruppen von „Rechts“ und „Links“. Während auf der einen Seite die Grauen Wölfe, also die Nationalisten standen, waren auf der anderen Seite die Sozialisten positioniert. Selbst Jugendliche weit unter 18 Jahren waren schwer bewaffnet unterwegs. Aus diesem Grund kamen besonders viele Familien von Gastarbeitern dann doch nach Deutschland. Um die unsichere Zukunft endlich hinter sich zu lassen. Doch ungeachtet dieser Kämpfe traf dieser Streit eine Gruppe ganz besonders hart: die Aleviten.

Erst gab es ein X auf den Türen alevitischer Haushalte

Am 19. Dezember 1978 traf eine Schockgranate in einem Kino in Maraş eine Veranstaltung der Grauen Wölfe. Anschließend wurden für die Tat pauschal die Aleviten und die Kommunisten beschuldigt. Im Zuge wachsender Anspannungen in Maraş wurden zwei Lehrer erschossen, die sich als linke Demokraten bezeichneten. Auch bei der Beisetzung am Folgetag gab es Unruhen und weitere Todesopfer. Dann kam es zu einem Gerücht. In Kreisen der Grauen Wölfe hieß es, die Linken würden die Moscheen stürmen. In der Nacht des 22. Dezember 1978 kam es dann zum Höhepunkt der Eskalation. In der als alevitisches Viertel bekannten Yörükselim Mahallesi wurden Häuser alevitischer Bürger:innen mit einem roten X gekennzeichnet. Imame in Moscheen heizten die Bevölkerung gegen die „ungläubigen“ Aleviten weiter auf. Währenddessen wurde die Gefahr für die Aleviten durch den Staat offensiv ignoriert. Es wurden keinerlei Sicherheitsmaßnahmen getroffen.

Pogrom an Aleviten durch Graue Wölfe

Am 23. Dezember wurde ein weiteres dunkles Kapitel der jungen Türkischen Republik aufgeschlagen. Es ereignete sich ein Pogrom wie einst in Nazi-Deutschland. In weiteren Wohnvierteln wurden alevitische Häuser als Zielscheibe markiert und anschließend zerstört. Die in den markierten Häusern und Geschäften befindlichen Aleviten wurden aus ihren Häusern gezerrt und auf offener Straße hingerichtet. Rechte Faschisten gingen mit den alevitischen Frauen und Mädchen um wie später die Serben mit den Bosniakinnen oder wie vor wenigen Jahren IS-Terroristen mit wehrlosen Jesidinnen. Alevitinnen wurden durch die Mörder ihrer Väter, Brüder und Ehemänner vergewaltigt. Erst nach mehr als 100 Toten Alevit:innen schickte die Regierung unter Bülent Ecevit die Armee nach Maraş. Deutlich zu spät: Bis zum 26. Dezember wurden 552 Häuser und 289 Geschäfte geplündert und vernichtet. Ein weiteres schweres Trauma für die alevitische Gemeinde in der Türkei nach dem Massaker in Dersim 1937/38.

Die Geschichte lehrt uns heute, dass es nur 15 Jahre danach zum Massaker von Sivas kommen sollte.