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Das Bild, das sich nach einer 2 000 Kilometer umfassenden Reise durch Marokko am stärksten einprägt, ist das der Schulkinder. Schon am späten Vormittag sieht man sie in großen Scharen entlang der Straßen, die Dörfer und kleine Städte zumeist schnurgerade durchschneiden. Aber auch auf den Überlandstraßen sind die Kinder unterwegs, oft weit fernab von Häusern und öffentlichen Einrichtungen. Im Vergleich zum letzten Besuch, der einige Jahre zurückliegt, besitzen nun viele ein Fahrrad, aber man kommt auch durch Gegenden, in denen alle zu Fuß unterwegs sind. Da Klassenraum in Marokko ein knappes Gut ist, befinden sich auffällig viele Kinder auf dem Schulweg, die einen nach Beendigung des Unterrichts nach Hause, die anderen dorthin, um den frei gewordenen Klassenraum zu übernehmen.

Das fröhliche Straßenbild vermittelt Optimismus und Hoffnung, dass es in diesem arabischen Land mit einer sehr jungen Bevölkerung weiter vorwärts geht, dass vor allem die jungen Mädchen in den ländlichen Regionen Marokkos eine Bildungschance erhalten. Aber es steht auch in scharfem Kontrast zu dem täglichen Überlebenskampf, der in Marokko stattfindet. In Agadir lässt sich eine deutsche Urlauberin am Strand massieren und berichtet dem Zufallsnachbarn unaufgefordert anschließend, wie günstig der Preis im Vergleich zu Deutschland doch sei, sie habe nur 20 Euro für eine halbe Stunde gezahlt. Weiß sie etwas vom Durchschnittseinkommen des Marokkaners, ist ihr klar, dass eine Familie auf dem Lande mit 30 Dirham, dem Gegenwert von 3 Euros, mehrere Tage lebt?

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Wer mit Touristen in Marokko zu tun hat, gehört in jedem Fall zu den besser gestellten, nach den Überweisungen der Gastarbeiter ist dieser Wirtschaftszweig der zweitwichtigste des Landes. Aber er hat das Land verändert, und es fragt sich, ob die Investitionen nachhaltig genug sind, ob sie ausreichen, die Zahl von Arbeitsplätzen zu schaffen, die Marokko benötigt. In den großen Städten des Landes wirkt Marokko fast schon in Europa angekommen, herrscht ein Autoverkehr, in dem die Transportmittel, die es in Form von Esel und Dromedar noch vor 20 Jahren reichlich gab, kaum noch Platz finden. Ein paar Autostunden weiter trifft man dann auf Formen eines neuen Tourismus, der vor 44 Jahren, als ich das erste Mal in Marokko war, undenkbar war. Das asphaltierte Straßennetz hörte damals in der Mitte des Landes auf, wer den Rand der Sahara bei Zagora oder bei Erfoud – unweit der Grenze zu Algerien – erreichen wollte, musste auf den Landrover umsteigen. In Marokko zu reisen war in den 1970er Jahren noch ein wirkliches Abenteuer.

Heute fliegen Touristen aus aller Welt in Marrakesch ein, einer der großen Partyhochburgen, um in Clubs und auf der zur Neppmeile verkommenen Djemna el Fnaa ausgelassene Stunden zu feiern. Viele reisen dann in den Süden weiter, um ein paar Tage und Nächte beim Trekking in der Wüste zu verbringen. Reiseunternehmen werben damit, dass man zu Fuß und auf dem Dromedar mit „Halbnomaden“ unterwegs sei. Vor Ort sieht das Ganze freilich anders aus. Auf dem Weg zur größten Sanddüne des Landes breitet sich vor den Augen des Reisenden eine von Müll übersäte Steinwüste aus. Der starke Wind wirbelt die Plastiktüten wie Ballons in die Lüfte. Der die Fahrt begleitende Marokkaner, nach einer Aussage ein Tuareg, berichtet, dass binnen weniger Jahre an diesem entfernten Ort 3-400 Hotels und Unterkünfte aller Art entstanden seien, um die Früchte des Massentourismus zu ernten. Viele Europäer haben sich an diesem „Goldrausch“ beteiligt. In den meisten Hotels der Gegend herrscht gähnende Leere, das Personal des Hotels, in dem ich unterkomme, hat seit zwei Monaten keinen Lohn erhalten. Überall in Südmarokko sei das so, sagt der Mann an der Rezeption, der mich am liebsten fortschicken würde. Das Restaurant ist geschlossen, ich bleibe und mache den Menschen Mut. Am nächsten Morgen zaubert das im Streik befindliche Personal ein wunderbares Frühstück herbei.

Überlebenskampf auf der einen Seite, Suche nach Sinnhaftigkeit, auch nach den Extremen auf der anderen Seite. In Marokko findet, wie überall am südlichen Rand des Mittelmeeres, die Begegnung zwischen Okzident und Orient statt. Wie wird sie ausgehen? Was tut Europa, um diesem Land eine wirkliche Chance zu geben, mit seinen Problemen fertig zu werden? Ein Kurzbesuch von Innenminister de Maizière, gegen alle Regeln von Gastfreundschaft verstosßend, wie unlängst passiert, die Unterzeichnung eines Dokuments zur Rückführung von marokkanischen Migranten, ist nicht genug.

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