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Mesut Özil in der Türkei der „Almancı“

Mesut Özils "Freitagspost" sorgte in den vergangenen Tagen für ordentlich Wirbel. Foto: Instagram/m10_official

Die Meinungen türkischer Fußballfans zum Ausnahmefußballer Mesut Özil gehen weit auseinander. Einige Fußballfans in Deutschland und in der Türkei sehen in Özil die „Rückkehr eines Türken“. Andere hingegen sehen in ihm einen „Deutschen“. Und eine nicht unwesentliche Randgruppe hält Özil gar für einen alten Verräter. Letztere warten regelrecht auf ein Fehlverhalten des deutsch-türkischen Spielmachers. Genauso wie einst Özil-Kritiker in Deutschland.

Als Mesut Özil noch im Dress der deutschen Nationalmannschaft auflief, sorgte seine Haltung bei der Nationalhymne immer wieder für Diskussionen. Dass er die Hymne nicht mitsingen wollte, war für einige Beobachter ein Problem. Sie warfen ihm deshalb fehlende Loyalität, ja, sogar Undankbarkeit gegenüber Deutschland vor. Dabei gab der Fußballer Özil auf und neben dem Platz stets sein Bestes für die Mannschaft. Der Zehner war im Trainerstab und unter Mitspielern immer beliebt. Seinen leidenschaftlichen Einsatz für die DFB-Auswahl krönte er 2014 mit dem Weltmeistertitel.

Özil: „Wenn wir gewinnen bin ich Deutscher, wenn wir verlieren Immigrant“

Mesut Özils Leistungskurve zeigte manchmal nach oben, manchmal auch wieder nach unten, aber so sind Fußballer nun einmal. Doch ein Störenfried war er eigentlich nie. Dennoch hörte die Kritik an dem Vorlagen-Spezialisten nie wirklich auf. Bei schlechten Mannschaftsleistungen bekam Özil oftmals die schärfste Kritik ab. Man warf ihm bei Niederlagen eine Art Gleichgültigkeit vor. Die Presse kritisierte Özil auch gerne. Als er sich 2018 gemeinsam mit seinem Mannschaftskollegen Ilkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten ließ, wurde Özil dafür an den Pranger gestellt. Dieser Streit führte zu seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalelf. Ein verletzter Özil erklärte nach seinem Rücktritt, immer nur dann ein Deutscher gewesen zu sein, wenn die Mannschaft gewann und immer dann der „Immigrant“, wenn sie verlor.

„Warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?“

In seiner u.a. auf Instagram geteilten Abrechnung mit der Nationalmannschaft im Sommer 2018 betonte Özil nochmals, eigentlich ein Deutscher zu sein. „Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?“. Die Ursachen für die Diskriminierung sieht er in seiner türkischen und muslimischen Herkunft. Dem DFB-Vorstand unter dem ehemaligen Verbandschef Reinhard Grindel warf Özil sogar Rassismus vor. Seither hat er verstärkt seine türkische Seite in den Vordergrund gestellt.

Der „türkische“ Özil

Eine Art politisches Statement also, der Migrations“hintergrund“ fortan im „Vordergrund“. Seine Fotos mit Türkeikette am Hals, seine Hochzeit mit Erdoğan als Trauzeuge sowie seine eigene Modekollektion mit Symbolen aus der neo-osmanischen Fernsehserie „Diriliş Ertuğrul“ verstärkten seine politischen Signale. Aber damit nicht genug. Der Arsenal-Großverdiener (rund 20 Millionen Euro im Jahr) wechselte mit 32 Jahren aus Herzensgründen zu seinem Lieblingsverein aus der Kindheit, zu Fenerbahçe Istanbul. Türkische Moderatoren und Kommentatoren werteten seinen Wechsel an den Bosporus als Heldentat. Der Verzicht auf angeblich rund 17 Millionen Euro Gehalt löste aber Spekulationen aus, hauptsächlich befeuert durch die Konkurrenz.

Mustafa Cengiz: „Errichtet seine Statue“

Der Vereinspräsident des Fener-Erzrivalen Galatasaray heißt Mustafa Cengiz. Im gleichen Transferfenster sorgte auch sein Verein für Schlagzeilen. Begehrte Spieler wie Gedson Fernandes (Tottenham Hotspur), Henry Onyekuru (AS Monaco) und Mostafa Mohammed (Zamalek) wurden dennoch von Mesut Özils Glanz überlagert. Cengiz trat vor die Kameras und deutete an, dass Özil in Wahrheit mehr als die angegebene Jahressumme von ca. 3 Millionen Euro plus Boni, also rund 5 Millionen, verdiene. „Wenn jemand auf so viel Geld verzichtet, dann sollten sie in der Nähe des Stadions seine Statue errichten“, so Cengiz, der seine Behauptungen nicht mit Belegen untermauern konnte.

Özil in der Türkei als „ausländischer Spieler“?

Doch Cengiz legte noch einen nach. Schließlich sei Özil gar kein Türke und müsse als ausländischer Spieler bewertet werden. In der Türkei dürfen Vereine nur eine begrenzte Zahl an nicht-türkischen Spielern einsetzen. Der Spieler sei vor allem keiner aus den eigenen Reihen, so wie es Fenerbahçe-Präsident Ali Koç immer wieder betone. Koç sprach bereits vor dem geglückten Transfer davon, einen Spieler aus den eigenen Reihen zu verpflichten. Diese Art von Polemik sollte Özil aus Deutschland bekannt vorkommen. In der Türkei gibt es eine Debatte um Özils nationale Zugehörigkeit, woran sich auch Fatih Altaylı beteiligt hat.

Altaylı: „Auf dem Höhepunkt ein Deutscher, am Boden ein Türke“

Der bekannte Journalist kritisierte jüngst ein Posting von Özil, in dem dieser in einer betenden Pose zu sehen ist (siehe Foto). Im Hintergrund: eine große Moschee in Indien. Für Altaylı die reinste Katastrophe. Die Moschee hätte eine aus der Türkei sein müssen, das wäre eine patriotische Handlung gewesen. „Ich habe kritisiert, dass Özil keine türkische, sondern eine indische Moschee als Hintergrund nimmt, obwohl eine türkische Moschee Touristen anziehen könnte“, so Altaylı in seiner Kolumne.

Der für seine Zuneigung für Galatasaray bekannte Journalist beschwerte sich auch über die Neiddebatte, die ihn nach dieser Kritik überflutete. „Wenn ich Fenerbahçe um einen Spieler beneidet hätte, dann wäre dies Roberto Carlos. (…) Soll ich einen beneiden, der auf dem Höhepunkt ein Deutscher war und als er am Boden liegt, sich seiner türkischen Herkunft besinnt?“

Özil singt auch türkische Hymne nicht

Doch nicht nur das. Die Debatte um die Nationalhymne lässt Özil auch in der Türkei nicht los. Die in Deutschland mittlerweile ausgelutschte Diskussion um Özil und die deutsche Hymne hatte schließlich ein gutes Ende gefunden. Denn der gläubige Muslim erläuterte, dass er in dieser Phase zu Gott bete und sich dadurch auf das Spiel konzentriere. Nach Schwierigkeiten zu Beginn löste diese Haltung von Özil eine Art Change aus. Doch nun geht diese Diskussion für Özil wieder los.

Denn er singt auch im Dress von Fenerbahçe die türkische Hymne nicht mit. Während die deutsche Hymne in Deutschland entsprechend wertgeschätzt wird und der Respekt davor sehr hoch ist, wird die Hymne in der Türkei als ein Heiligtum betrachtet. Dass der „Türke“ Özil am letzten Spieltag gegen Fatih Karagümrük die türkische Nationalhymne nicht sang, löste in den sozialen Medien in der Türkei einen Shitstorm aus. Seinen Kritikern zeige dies seine wahre Identität. Mesut Özil ist in den Augen einiger Türken schließlich nicht mehr als ein Almancı. Kein „echter Türke“ eben.

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