16.09.2021, Hessen, Frankfurt/Main: Fußball: Europa League, Eintracht Frankfurt - Fenerbahçe, Gruppenphase, Gruppe D, 1. Spieltag im Deutsche Bank Park. Istanbuls Mesut Özil ärgert sich über eine Szene. Foto: Arne Dedert/dpa

Als Mesut Özil (33) Anfang des Jahres im Flieger saß, um seinen Wechsel von Arsenal London zu Fenerbahçe Istanbul zu verwirklichen, waren die Fans des Bosporus-Clubs außer sich vor Freude. Ein Weltstar, zudem einer aus den eigenen Reihen. Denn Özil war schon immer glühender Anhänger seiner aktuellen Mannschaft. Viele haben daran geglaubt, dass er Fenerbahçe zunächst zur türkischen Meisterschaft und anschließend zu europäischer Größe verhelfen wird. Doch es kam bislang ganz anders. Die Kritik von Vereinsboss Ali Koç legt erstmals einen großen Streit offen und wirft Fragen zur Professionalität des Superstars auf.

Mehrere Sportzeitschriften schreiben seit vielen Wochen über einen Streit zwischen Mesut Özil und Vitor Pereira, seinem Trainer bei Fenerbahçe Istanbul. Zündstoff für diese Gerüchte ist reichlich vorhanden. Obwohl der Verein nach außen ein einheitliches Bild verspricht und einen solchen Streit mehrfach dementiert hat, wollen die Gerüchte nicht verstummen.

Denn nicht nur die Tatsache, dass Özil unter dem neuen Fener-Trainer trotz guter Vorbereitung nur selten zum Zug kommt und bislang nur am 6. Spieltag gegen Aufsteiger Giresunspor über 90 Minuten auf dem Platz stand, auch seine häufigen Ausfälle wegen Leistenproblemen und seine Geschäftsbesuche während seiner Verletzungszeit werfen ein eher schlechtes Licht auf Özil. Dabei wird der Fener-Spielmacher von den Fans eher als ein Opfer des Trainers gesehen.

Denn der Portugiese Pereira hatte bereits in seiner ersten Amtszeit bei Fener Schwierigkeiten mit dem holländischen Weltstar Robin van Persie. Kommentatoren des türkischen Fußballs sprechen dem Taktik-Fuchs die Fähigkeit ab, Starspieler optimal einzubinden. Er setze lieber auf arbeitende, viele Kilometer laufende Spieler. Die unbestreitbare Genialität und hohe Spielkunst von Özil ist für jemanden wie Pereira also offensichtlich ein „nice to have“, aber durchaus verzichtbar. Auch die gewagte Formation von Fenerbahçe unter Pereira macht dies deutlich.

Dreierkette und frühes Pressing: Kein Fall für Mesut Özil?

Seit seiner Ankunft in Istanbul hält Vitor Pereira an einer Dreierkette fest. Dabei verfügt der Trainer über zu wenige Außenbahnspieler, die in dieser Formation eine ganz besondere Rolle spielen. Sein Versuch, aus den beiden Flügelstürmern Ferdi Kadıoğlu und Bright-Osayi Samuel Außenverteidiger zu machen, fruchtet nur bedingt. Obwohl der Holland-Türke Kadıoğlu unter Pereira eine große Entwicklung verzeichnet, fehlt es der Mannschaft dennoch an defensiver Stabilität.

Auch das Pressing-Verhalten im offensiven Bereich erfordert unter Pereira schonungslosen Einsatz und Elan sowie harte Zweikämpfe. Doch diese Spielweise ist eher kein Fall für Mesut Özil. Der Ausnahmespieler verliert die Spritzigkeit im Spiel mit dem Ball nach vorne, wenn er besonders viel nach hinten arbeiten muss. Wenn er die Taktik des Trainers nicht sabotieren will, muss er jedoch mannschaftsdienlich spielen und in den sauren Apfel beißen. Das führt dazu, dass es bislang wenige „Özil-Momente“ bei Fenerbahçe gibt oder anders formuliert: wenig Özil auf dem Platz. „Mesut Özil will mehr Einsatzzeiten. Deshalb ist er unzufrieden. Das kann ich verstehen“, hieß es, als der Vereinspräsident Ali Koç im vereinseigenen Fernsehsender Krisenmanagement betrieb. Ein Eingeständnis: Der Streit zwischen Trainer und Starspieler ist nun kein Geheimnis mehr.

„Mesut Özil soll sich weniger ums Geschäft kümmern und auf Fußball konzentrieren!“

Seitdem Ali Koç im Sommer 2018 seinen Vorgänger Aziz Yıldırım aus dem Amt verdrängt hat, ist er den Fans eine erfolgreiche Mannschaft schuldig. In den drei Jahren seit Amtsübernahme hat der charismatische Geschäftsmann rund 60 Transfers abgewickelt und mehrere Trainer geholt. Neben extremen Flops wie Islam Slimani und Mbwanna Samatta und unzähligen weiteren Fehleinkäufen ist dem mittlerweile in die Kritik geratenen Präsidenten auch ein Star-Transfer gelungen. Mesut Özil sollte jegliche Kritiker an seinem Führungsstil zum Schweigen bringen.

Doch mittlerweile hat Koç auch diesen Kredit verspielt, nachdem die Mannschaft wie in den vergangenen Jahren bereits früh weit hinter den Spitzenreiter gefallen ist. „Fenerbahçe steckt in der Krise“, bestätigt auch Koç vor laufender Kamera. Er glaube an die Kehrtwende und eine Aufholjagd auf Trabzonspor, das derzeit mit zehn Punkten Vorsprung das Rennen um die Meisterschaft anführt. Der aktuelle Kader seiner Mannschaft sei der stärkste der Liga. Und auch Özil nimmt Koç in die Verantwortung. „Er muss seine geschäftlichen Angelegenheiten beiseitelegen und sich mehr darauf konzentrieren, wie er für Fenerbahce sein Bestes geben kann“, so Koç über den einstigen Weltstar.

Das ist eher ungewöhnlich, da Koç Özil bislang immer stark in Schutz genommen hatte. Diesmal stellt sich Koç hinter seinen Trainer. Dieser versuche zwar das Maximum aus Özil herauszuholen, doch auch er solle sich nochmal Gedanken darüber machen, wie ihm das gelingen könne.

Das merkwürdige Verhältnis zwischen Erdoğan und Özil

Mesut Özil war in der aktuellen Spielzeit schonmal zu geschäftlichen Zwecken im Katar. Daneben betreibt Özil ein Mode-Label, eine Sportmarke, eine eigene Kryptowährung sowie eSports. Zudem hat Özil immer noch ein inniges Verhältnis zum türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, den er gemeinsam mit einem der heftigsten Kritiker seines Trainers und Vereinspräsidenten während seines jüngsten Ausfalls im Ligageschehen besuchte.

Gemeint ist die ehemalige Fener-Legende Rıdvan Dilmen. Er gilt als einer der renommiertesten Fußball-Kommentatoren der Türkei und ist als strammer Fenerbahçe-Fan bekannt. Zwar präsentiert sich Dilmen im TV als stets integrer und objektiver Fachmann. Doch hat er auch eine emotionale Seite. Diese kommt auch bei seiner Zuneigung für den türkischen Präsidenten zum Vorschein.

Zudem kritisiert Dilmen seit Saisonbeginn unentwegt den Trainer von Fenerbahçe. Zuletzt forderte er den Vereinspräsidenten Koç, mit dem er befreundet ist, auf, „diesen Trainer endlich wegzuschicken“. Ein wesentlicher Grund für Dilmens Haltung ist die Beziehung zwischen Vitor Pereira und Özil. Laut Dilmen versuche Pereira Özil zu umgehen und seine Einsatzzeiten zu minimieren, weil er nicht mit Superstars arbeiten wolle oder gar könne. Bevor er Özil endgültig verprelle, müsse Koç reagieren.

Dass Özil in einer Krisenphase seines Teams gemeinsam mit einem der schärfsten Kritiker seines Trainers den türkischen Staatspräsidenten besucht, bietet lediglich weiteren Zündstoff. Die Causa Özil bleibt also weiter spannend.