864 Babys in Gefängnissen. Türkei.

„Ich will zu Mama“, schreit ein Kleinkind in einem Video, das in der Türkei mittlerweile jeder kennt. Es handelt sich dabei um Miraz, einem Kind, das zu seiner Mutter will, die im Gefängnis sitzt. Er darf es aber nicht, weil gerade Feiertag in der Türkei ist. Über das Leid der Kinder, die mit ihren Müttern im Gefängnis verweilen müssen.

Miraz Akbaba ist gerade einmal drei Jahre alt. Er wurde in der türkischen Öffentlichkeit bekannt durch sein Mitleid erregendes Geschrei vor einer Gefängnisanstalt. „Ich will zu Mama“, waren seine Worte. Seine Mama, das ist Gülistan Diken Akbaba, die im Frauengefängnis von Gebze inhaftiert ist. Akbaba wurde 2012 wegen „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Ihre Strafe musste Akbaba aber erst absitzen, nachdem das türkische Berufungsgericht die Entscheidung des Strafgerichts Anfang 2017 bestätigte. Zu dem Zeitpunkt war ihr Baby bereits sieben Monate alt und musste mit ihr zusammen ins Gefängnis. Später wurde ihre Strafe zwar auf zwei Jahre reduziert. Da Akbaba aber als eine aus politischen Gründen Inhaftierte gilt, wurde sie bis heute nicht entlassen.

Miraz darf nicht zu seiner Mutter − „wegen nationalem Feiertag“

Am meisten davon betroffen ist dabei der mittlerweile drei Jahre alt gewordene Miraz. Vor einigen Tagen durfte der Junge für ein paar Tage zu seinem Vater. Als dieser seinen Sohn wieder zur Mutter bringen wollte, machte ihm die Gefängnisleitung einen Strich durch die Rechnung. Miraz und sein Vater durften zwar mit der Mutter sprechen, doch der Dreijährige durfte nicht zu ihr rein. Miraz weinte. Er wollte unbedingt zu seiner Mutter. Der Vater war machtlos. Es sei nationaler Feiertag, hieß es seitens der Gefängnisleitung. Laut Medienberichten soll sich Miraz‘ Vater daraufhin mit der Leitung gestritten haben. „Wenn es in unserer Macht stünde, würden wir sogar diese klassischen Besuche verbieten“ − diese Worte seien seitens der Mitarbeiter des Gefängnisses gefallen.

In dem Video ist das Leid von Miraz deutlich zu erkennen:

Das Video ging in kurzer Zeit viral. Schnell entstand eine Community, die sich gegen dieses Verhalten der Gefängnisleitung wehrte − mit Erfolg! Der digitale Protest führte zum Einschreiten des Justizministeriums. Noch am selben Abend durfte Miraz zu seiner Mutter.

Über 800 Kinder in türkischen Gefängnissen

Doch Miraz lebt immer noch nicht in einem Umfeld, das seinem Alter gerecht wird. Genau wie die weiteren, über 800 Kinder in türkischen Gefängnissen. Zwar hat das Justizministerium Projekte ins Laufen gebracht, um die Haftanstalten kindgerechter zu machen. So kündigte Justizminister Abdulhamit Gül Mitte 2019 an, ein Pilot-Projekt mit Wohnzellen in einem Gefängnis für 42 Gefangene mit Kindern starten zu wollen. Doch Experten sehen das kritisch. Sie erwarten eine Freilassung aller Mütter mit Kindern. Diese Freilassung soll an Auflagen gekoppelt sein, sagt etwa Banu Güven, Journalistin der Deutschen Welle, in einem Kommentar.

Auch Menschenrechtler sind besorgt. Der Strafvollzug müsse sich so ändern, dass Kinder unter sechs Jahren gar nicht erst in Gefängnissen landen. Hüseyin Kücükbalaban ist Koordinator der türkischen Menschenrechtsorganisation IHD. Der Deutschen Welle sagte Kücükbalaban, dass das Projekt des Justizministeriums ohne Absprache mit der Zivilgesellschaft, mit Menschenrechtlern und Experten durchgeführt werde. Kücükbalaban weiter: „Keine Lösung − auch keine Wohnzellen − wird die Lage für Kinder unter sechs Jahren besser machen. Das Hauptproblem ist, dass der Strafvollzug generell geändert werden muss.“

Menschenrechtler wollen auf die Situation aufmerksam machen

Unterschiedliche Menschenrechtsorganisationen weisen international auf die Lage der Kinder hin. So hat beispielsweise Amnesty mit regionalen Partnern in Schweden eine Ausstellung organisiert, die die Lage der Babys vor Augen führt. In der Türkei versucht vor allem der HDP-Politiker Ömer Faruk Gergerlioğlu auf die Situation der Babys aufmerksam zu machen. So berichtet Gergerlioğlu von einem derzeit ein Jahr altem Baby, das dringend am Herzen operiert werden müsse.