Der Bürgerrechtler Malcolm X (1925-1965) führte den Olympiasieger im Schwergewichtsboxen in die schwarze „Nation of Islam“ ein. Die in den 30er Jahren in Detroit gegründete religiös-politische Organisation schwarzer US-Amerikaner trägt zwar den Namen der Weltreligion im Titel, doch weder Sunniten noch Schiiten betrachten sie als Teil des „offiziellen“ Islam.

Der nach einem Streiter für die Sklavenbefreiung benannte Cassius Marcellus Clay Jr. fühlte sich von der Entschlossenheit der Bewegung angezogen. Propagierte die „Nation of Islam“ doch denselben Kampfeswillen, mit dem sich der damals 22-jährige Boxer 1964 in Miami gegen Sonny Liston in nur sechs Runden den Weltmeistertitel holte. Gewiss war es kein Zufall, dass er am Tag darauf seinen Eintritt in die aufgrund ihrer Radikalität umstrittene Organisation erklärte. „Ich heiße Muhammad Ali“, verkündete der frischgebackene Box-Champion vor der Presse. „Das ist der Name eines Freien und bedeutet: Geliebt von Gott. Ich bestehe darauf, so genannt zu werden, wenn Leute zu mir oder über mich sprechen.“

Das war eine klare Ansage an die weiße Mehrheit, die Afro-Amerikaner in den USA noch immer nicht gleichberechtigt behandelte. Das System der Rassentrennung schlug mit aller Härte zurück. Der Boxverband WBA befand Alis Mitgliedschaft in der „Nation of Islam“ für inakzeptabel und schloss ihn von allen Wettbewerben aus. Drei Jahre später verurteilte ein Richter den rebellischen Ausnahmeathleten zu einer langjährigen Haftstrafe, weil er sich weigerte, in Vietnam Kriegsdienst zu leisten.

„Die haben mich niemals einen Neger genannt, sie haben mich niemals gelyncht, sie haben niemals Hunde auf mich losgelassen, sie haben mir nicht meine Nationalität geraubt, meine Mutter vergewaltigt und meinen Vater ermordet“, erklärte Ali seine Weigerung, gegen den Vietcong in den Krieg zu ziehen. „Wie kann ich auf diese armen Menschen schießen? Bringt mich ins Gefängnis.“ Dank einer Kautionszahlung konnte der Champion während der Berufungsverfahren auf freiem Fuß bleiben. Die rechtliche Auseinandersetzung zog sich lange genug hin, um Ali nach der politischen Wende in den USA das Leben hinter Gittern zu ersparen.

Vom zornigen jungen Mann zur moralischen Instanz

Nachdem er für die besten Jahre seiner Karriere von den Wettkämpfen verbannt war, kehrte er 1970 wieder in den Ring zurück, ungebrochen, stark und erfolgreich. Ali blieb seinen Prinzipien treu, wandte sich aber von der Radikalität der „Nation of Islam“ ab. 1975 schloss er sich einer traditionellen sunnitischen Gemeinde an. Später suchte er die Nähe zum Sufismus, einer mystischen, friedliebenden Strömung des Islam. Fortan sprach sich Ali bei jeder denkbaren Gelegenheit öffentlich nicht nur gegen das Übel des Rassismus aus, sondern auch gegen Gewalt und religiöse Intoleranz.

Seine spirituelle Lebensreise verwandelte den einst zornigen jungen Mann in eine moralische Instanz und machte ihn zu einem respektierten Vertreter der muslimischen Gemeinde. Vor allem nach dem 11. September 2001, dem Irak-Krieg und angesichts des Terrors durch den sogenannten „Islamischen Staat“ war Ali ein sanfter Streiter für seine 3,3 Millionen Glaubensgefährten in den USA.

2005 verlieh ihm Präsident George W. Bush die „Freiheitsmedaille“ – sichtbarer Ausdruck dafür, wie sich die Wertschätzung des Box-Champions über die Jahre verändert hatte. „Er steht modellhaft dafür, wie man ein wahrer Patriot und Muslim zur gleichen Zeit sein kann“, würdigte Roula Allouch vom „Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen“ (CAIR) seine Vorbildfunktion.

Bis zum Schluss scheute der parkinsonkranke Ali nicht deutliche Worte – etwa gegenüber Donald Trump, als dieser ein Einreiseverbot für Muslime gefordert hatte. „Wir als Muslime müssen uns gegen alle erheben, die den Islam benutzen, um ihre persönliche Agenda voranzubringen.“ Mit Alis Tod, so der Religionswissenschaftler Hussein Rashid vom New Yorker Barnard College, sei „eine Stimme der moralischen Klarheit“ verstummt, die immer wieder mit Dringlichkeit über aktuelle Themen gesprochen habe. Ali wird am Freitag in seiner Heimatstadt Louisville beigesetzt.

Zur Beerdigungszeremonie werden viele berühmten Persönlichkeiten aus aller Welt erwartet. Schauspieler Will Smith und Boxlegende Lennox Lewis werden zu den Sargträgern gehören. Auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat sein Programm geändert und wird in die USA reisen, um an der Beisetzung des auch in der Türkei weithin bekannten und beliebten Ali teilzunehmen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter schrieb Erdoğan, Muhammad Ali sei ein großer Sportler und guter Mensch gewesen, der die Herzen von Millionen erobert habe: „Muhammad Ali hat sein Leben lang gegen Rassismus und Diskriminierung gekämpft und sich für die Freiheit eingesetzt. Das wird niemals vergessen.“

Eine Rede wird Erdoğan nicht halten, wie Ali Bob Gunnel, der Sprecher der Familie, erklärte. Wie die Nachrichtenagentur Associated Press meldet, soll es eine Anfrage aus dem türkischen Präsidialamt gegeben haben, jedoch konnte man dem Wunsch nicht entsprechen, da kein Redner aus dem Ausland vorgesehen sei. (kna/dtj)


Foto: Muhammad Ali küsst auf der Pilgerfahrt nach Mekka den Schwarzen Stein der Kaaba, Januar 1972 (dpa)