In der Türkei erleiden alle Fußballklubs eine große finanzielle Not. Dennoch arbeiten sie alle weiter eifrig an Transfers. Jeden Tag gibt es neue Meldungen über Vollzüge im Profi-Geschäft. Streitigkeiten und Interessenkonflikte zwischen Topklubs sind vorprogrammiert. Mit einem ganz anderen Streit befasst war zuletzt Fußballer Enver Cenk Şahin, der einst beim FC. St. Pauli auflief und diese Woche innerhalb der Türkei als neuer Transfer präsentiert wurde.

Während der türkischen Militäroffensive in Syrien im vergangenen Jahr teilte Cenk Şahin, der damals in der Zweiten Bundesliga auflief, seine Gefühle und Haltung mit der Öffentlichkeit. Die Botschaft beinhaltete die Unterstützung der Offensive, die sich gegen kurdische Kampfeinheiten richtete, die in den Augen Ankaras terroristischen Ursprungs sind. Via Instagram hieß es im Oktober 2019 auf dem Account des Fußballers: „Wir stehen an der Seite unseres heldenhaften Militärs. Unsere Gebete sind mit euch.“

Der Fall Cenk Şahin: Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr?

Şahins Patriotismus zog heftige Kritik nach sich. Den Krieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wollen sie in Hamburg nicht haben. Die St. Pauli-Ultras forderten die sofortige Entlassung von Şahin. Gesagt, getan. Unmittelbar danach wurde der Kicker vom Verein freigestellt.

Danach flog er in die Türkei, zu seinem einstigen Arbeitgeber Başaksehir, der vor wenigen Wochen erstmals türkischer Meister wurde. Dort durfte der Patriot immerhin mittrainieren. In einem Interview mit Radyospor sagte er über seinen Instagram-Post: „Sie wollten, dass ich das lösche. Ich habe es aber nicht gemacht.“ Im Januar 2020 kam er schließlich bei Kayserispor unter.

Am Mittwoch stellte Gaziantep FK Şahin als Neuverpflichtung vor. Eine weitere Karriere in Deutschland kann er wohl vorerst vergessen. Doch im Vergleich dazu hat er mit seiner Rückkehr in die Heimat einen Aufstieg erfahren. Damals war er nur ein Zweitligist, heute spielt er erstklassig.

Auch Özil, Gündoğan und Co. werden in Deutschland wegen Türkeinähe ausgegrenzt

Was Şahin erleben musste, ist im deutschen Fußballgeschäft scheinbar zur Normalität geworden. Türkeistämmige Fußballer müssen sich in ihrem professionellen Auftritt politisch korrekt verhalten, jedenfalls hat man das spätestens beim Streitfall von Mesut Özil und Ilkay Gündoğan in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen.

Was war geschehen? Kurz vor der Weltmeisterschaft 2018 hatten Özil und Gündoğan den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in London getroffen und Fotos mit ihm geschossen. Zudem schenkten sie ihm jeweils mit ihrem Namen signierte Vereinstrikots. Gündoğan ging gar noch einen Schritt weiter und verewigte sein ManCity-Trikot mit der Inschrift „Für unseren verehrten Präsidenten“. Dies löste den vermutlich größten Shitstorm in der DFB-Geschichte gegen eigene Fußballer aus. Der Streit reichte sogar bis zur Diskriminierung von beiden Profis. Als sich Gündoğan entschuldigte, flachte die Kritik ihm gegenüber etwas ab. Doch Özil schwieg und zog sich eher zurück.

13.05.2018, London. Recep Tayyip Erdogan, Ilkay Gündogan (l), Mesut Özil (2.v.l.) und Cenk Tosun (r). Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa

Kritik gegen Özil wurde zur systematischen Diskriminierung

Vor allem die harschen Worte des Bayern-Bosses Uli Hoeneß sorgte für große Aufregung. Dieser bezeichnete Özil als einen Alibi-Kicker, „der der deutschen Mannschaft überhaupt nicht geholfen“ und „einen Dreck“ gespielt habe. Als Reaktion trat Özil nach 92 Länderspielen aus der Nationalmannschaft zurück.

Manuel Neuer singt Lied kroatischer Rechtsextremisten – ohne Folgen

Auf einem ca. zweiminütigen Clip war im Juli der deutsche Nationaltorhüter Manuel Neuer zu hören, wie er im Kroatien-Urlaub in der Landessprache singt. Mit einer Gruppe von Kroaten gab Neuer das Lied „Lijepa li si“ (Du bist schön) von der rechtsextremen Band Thompson zum Besten. Eine Band, die den kroatischen Faschismus an den Bosniern verherrlicht.

Doch weil Neuer mit Vornamen Manuel heißt und nicht Mesut, wurde dieser hässliche Skandal nahezu unter den Teppich gekehrt. Wenige Schlagzeilen und unauffällige Artikel waren scheinbar ausreichend, um ihn aufzuarbeiten. Unter dem Video kommentieren Unterstützer wie Kritiker. Ein deutscher User etwa schrieb: „Respekt, Heimatliebe lässt sich nicht verbieten“. Wieso gilt dieses Verständnis in Deutschland immer noch nur für manche und nicht für alle? Eine Frage, die nach wie vor zu Spaltung und Verletzung diverser Bevölkerungsgruppen führt.