Du hättest mehr Anerkennung verdient!

Ahmet Altan saß über drei Jahre im Gefängnis, bevor er am 5. November diesen Jahres unerwartet freigelassen wurde. Altan wurde ursprünglich zu lebenslanger Haft verurteilt, danach wurde die Strafe auf 10 Jahre begrenzt. Vier Tage nach seiner Freilassung schrieb Altan einen Artikel über seine Freilassung, mit Anekdoten aus seiner Zeit in der Zelle und von einem seiner Mitinsassen. Wenige Tage nach der Veröffentlichung seines emotionalen Textes wurde der renommierte Schriftsteller und Journalist erneut von der Polizei abgeführt. Nun ist Ahmet Altan verhaftet. Die DTJ-Redaktion hat seinen ersten Text in Freiheit übersetzt.

Niemand hat ihnen zugehört, und obwohl sie mehrmals beteuerten, unschuldig zu sein, wurden sie von Richtern, die jenen im Roman „In einem andern Land“ ähnelten, verurteilt.

Die Macht in den Händen eines Ungerechten

Das Schlimmste auf der Welt ist es, der grauenvollen Macht eines Menschen zu begegnen, der über dein Schicksal verfügt. Diese Person kann dich töten, dich einsperren, dich ins Exil schicken oder dich freilassen. Ungeachtet der unterschiedlichen Folgen ist es ebenso zermürbend, von einer solchen Person eingesperrt oder freigelassen zu werden. Denn du hast gar kein Mitspracherecht. Menschen mit solch einer Autorität tragen in der Regel eine Robe und sitzen auf einer hohen Kanzel. Sie werden Richter genannt. 

Das einzige Verzeihliche daran, einem Menschen eine so übermenschliche Macht zu verleihen, ist es, wenn diese Macht gerecht Anwendung findet.

Und was passiert, wenn dies nicht der Fall ist und diese Macht missbraucht wird?

Ahmet Altan zitiert Ernest Hemingway

In einer Szene aus dem Buch „In einem andern Land“ von Ernest Hemingway werden in einer Zeit, in der die Italiener eine Niederlage erleiden, Soldaten in einer Höhle durch Militärrichter zu Tode verurteilt. In einer unantastbaren Manier, als würden ihre Entscheidungen niemals auf sie zurückfallen, setzen sie bei jeder Entscheidung ihre Kappen auf, salutieren und schicken die Menschen in den Tod. Auch in dem Film, in dem Rock Hudson und Vittorio de Sica spielen, ist diese Szene einmalig. Sie fällen ihre Urteile und schicken die Menschen in den Tod.

In meiner langen Haftzeit wurde ich mehrmals einem Richter vorgeführt. Sie haben mir nicht einmal zugehört. Ganz gleich, welche Belege ich für meine Unschuld anführte, behandelten sie mich wie Luft und wiederholt bloß die bereits erhobenen Vorwürfe gebetsmühlenartig. Zunächst wurde ich lebenslänglich verurteilt. Danach wurde die Strafe auf zehneinhalb Jahre verkürzt und schließlich ließen sie mich frei.

Ich schreibe dies, während ich auf die Berufung eines Staatsanwalts bezüglich meiner Freilassung und die Entscheidung eines Richters warte; ich könnte zurück ins Gefängnis gehen (tatsächlich ist Ahmet Altan am Dienstag erneut verhaftet worden, Anm. d. Red.).

Ahmet Altan: Lebenslange Haft und Freilassung vom selben Richter

Die Urteile zu lebenslanger Haft und meiner Freilassung hörte ich zu verschiedenen Zeitpunkten aus dem Mund desselben Richters. Die Freilassung hat mich genauso sehr bedrückt wie meine Verurteilung zu lebenslanger Haft. Denn derjenige, der über mich entschieden hatte, war jemand, der diese Befugnisse nicht hätte haben dürfen. Das war mir bewusst.

Ich habe das Gefängnis verlassen, aber Tausende unschuldige Menschen sind immer noch drinnen. 

„Dschungel aus dicken Wänden und Stahltüren“

Als ich aus diesem Dschungel aus dicken Wänden und Stahltüren schritt, ließ ich verzweifelte Menschen hinter mir zurück. 

Ich lebte über drei Jahre in einer kleinen Zelle mit zwei anderen Insassen, die keine Verbrechen begangen hatten. Niemand hat ihnen zugehört, und obwohl sie mehrmals beteuerten, unschuldig zu sein, wurden sie von Richtern, die jenen im Roman „In einem andern Land“ ähnelten, verurteilt.

Ahmet Altan über Mitinsassen: „Wie mein Sohn“

Einer von ihnen ist im selben Alter wie mein Sohn. Er war frisch verheiratet, als sie ihn verhafteten. Eine tief religiöse Person, aber zugleich auch an Philosophie und Wissenschaft interessiert. Er ist handwerklich erstaunlich geschickt, aus den unterschiedlichsten und eigentlich nicht in Frage kommenden Materialien machte er verblüffende Sachen. Aus Salzverpackungen Hanteln, aus Gabeln Wäscheklammern und aus Teelöffeln Pinzetten. 

Durch das Zuführen von diversen Zutaten in Gefängnismahlzeiten konnte er ganz neue Gerichte kreieren. Sein Name ist Selman. Er glaubt, sich zu beschweren sei Auflehnung gegenüber das von Gott bestimmte Schicksal. Drum beschwerte er sich nie.

Aus unterschiedlichen Gründen hatte er nie Besuch. Auch darüber beschwerte er sich nicht.

Die nette Überraschung im Gefängnis

Als ich eines Tages auf dem Plastiktisch meinen neuen Roman schrieb, hörte ich im Hof ​​Musik. Es war der Klang einer Flöte. Ich ging auf den Hof. Selman hatte den Rücken an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen und spielte Flöte. Die Geräusche in und aus den umliegenden Zellen ließen nach. Jeder lauschte dieser unerwarteten Melodie. Als Selmans Stück vorbei war, gab es ein lautes Klappern aus allen Zellen. In der Gefängniskantine gekaufte Bonbons wurden in unseren Hof geworfen und so um Zugabe gebeten. Selman spielte stundenlang.

Nachdem wir wieder in der Halle waren, fragte ich ihn, wo er diese Flöte gefunden hatte. Er hatte es mit den Pappseiten eines Kalenders gebastelt. Da er kein Maßband hatte, musste er den Abstand zwischen den einzelnen Löchern schätzen. Er drehte den Deckel einer Plastikflasche in das Mundstück.

Altan über die Papierflöte von Selman

Kein anderes Instrument auf der Erde konnte mit dem Klang dieser Flöte mithalten. Es hatte einen seltsam wehmütigen und etwas tiefen Ton. Selman hat nie eine Note verpasst. Er spielte nicht nur traurige Stücke, sondern auch Fröhliches, aber immer wieder glitt der Klang seiner Flöte ins Melancholische. 

Er war wie mein Sohn.

Kein Angehöriger kam.

Nicht einmal hat er sich beklagt.

Er hat sich eine Papierflöte gebastelt, sich an die Wand gelehnt und darauf gespielt.

Als ich eines Nachts plötzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, fragte man mich, wie es mir geht. Sie wollten die Freude eines nach Jahren freigelassenen Häftlings hören und sehen. Ich sagte aber, dass ich etwas traurig bin. 

Denn ich hatte Tausende unschuldige Menschen zurückgelassen, einschließlich Selman. Ich wusste, dass sie unschuldig sind, doch mir fehlte die Kraft, sie zu retten. Und niemand hörte ihnen zu. Nicht nur die Richter, sondern ein wirklich großer Teil der Gesellschaft hatte sich in diese ignoranten Männer aus „In einem andern Land“ verwandelt und zugeschaut, wie diese Männer zu Tode verurteilt wurden. Sie setzen ihre Kappen auf, salutieren, stellen eine Person zur Hinrichtung an die Wand und widmen sich sofort dem nächsten Opfer.

Als Gefangener Opfer, als Freier ein Komplize

Sobald man diese Höhle einmal gesehen hat, Zeuge des Leidens unschuldiger Menschen geworden ist und den Tönen der Papierflöte gelauscht hat, ist es nur schwer möglich, sich über seine Freilassung zu freuen. Als Gefangener ist man ein Opfer, in Freiheit ein Komplize dieser großen Ungerechtigkeit…

Ich weiß, dass das Schrecklichste auf der Welt die Begegnung mit demjenigen ist, der die Macht hat, über dein Schicksal zu entscheiden. Ich kenne die Qual und Demütigung, wenn es dieser Autorität gleichgültig ist, was auch immer man sagt. 

Auch den Klang einer Flöte aus Papier kenne ich. Genauso die unstillbare Sehnsucht, die sie ausdrücken kann.

Altan sah seine erneute Verhaftung kommen

Ich weiß auch, dass die Möglichkeit besteht, wieder verhaftet zu werden. 

Für Selman besteht diese Möglichkeit nicht, denn er sitzt nach wie vor in Haft. 

Er ist so alt wie mein Sohn, er macht Hanteln aus Salzverpackungen. 

Niemand kommt ihn besuchen. 

Darüber beschwert er sich nie. 

Er lehnt sich einfach an die Wand und spielt auf seiner Papierflöte.


Hier geht es zum türkischen Original.