Dass unter dem Banner der PEGIDA seit Wochen eine fünfstellige Zahl an Menschen jeden Montag durch Dresden und einige hundert weitere durch andere Städte der Republik laufen, um gegen eine angebliche „Islamisierung“ zu demonstrieren – wobei die meisten davon diesen Begriff als Ausdruck der Ausbreitung radikaler Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinde deuten und betonen, nicht generell islamfeindlich zu sein -, sorgt in Deutschlands Politik wie auch in Deutschlands Medien für Aufsehen.

Politiker bezeichnen die Demonstranten als „Schande für Deutschland“, Franz Josef Wagner adressiert sie in der „Bild“ als „PEGIDA-Idioten“, ZDF-Moderator Jan Böhmermann tituliert sie als „Vollidioten“.

Wer, wie auch der Großteil der muslimischen Gemeinde in Deutschland, die Demonstrationen, die ein höchst heterogenes und von Region zu Region auch in punkto politischer Radikalität unterschiedliches Publikum anziehen, für gefährlich hält, hat ohne Zweifel tatsächlich sehr nachvollziehbare Gründe dafür. Und es beruhigt wahrscheinlich auch viele Betroffene, dass jetzt zahlreiche Medien und auch Spitzenpolitiker deutlich gegen PEGIDA oder noch radikalere Bewegungen, die derzeit auf die Straßen gehen, Stellung beziehen.

Allerdings lenkt die wohlfeile Empörung aus der politischen Klasse, vor allem aber auch vonseiten der Medien, auf sehr vordergründige Weise davon ab, dass PEGIDA ebenso wenig wie andere Bestrebungen, die zumindest den begründeten Verdacht einer islamfeindlichen Ausrichtung erwecken, im luftleeren Raum entstanden ist.

„Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung“, „Islam als Integrationshindernis“, „Heiliger Hass“, „Wie gefährlich ist der Islam?“, „Allahs blutiges Land“, „Zurück ins Mittelalter“ oder „Gettos in Deutschland“ sind keine Aufschriften von PEGIDA-Transparenten, sondern Titelschlagzeilen oder Überschriften von Leitartikeln der auflagenstärksten deutschen Massenmedien. Nicht wenige unter jenen Medien, die heute von oben herab den deutschen Kleinbürger schelten, der bei PEGIDA-Demonstrationen mitmarschiert oder seine Sympathie dafür in sozialen Medien zum Ausdruck bringt, haben selbst zum Zweck der Auflagenmaximierung das Ressentiment angefacht.

Islamfeindlichkeit als Mittel westlicher Selbstvergewisserung

In manchen Fällen war die Erzeugung einer argwöhnischen Stimmung gegenüber dem Islam und gegenüber Muslimen sogar Absicht. Dies kann zumindest dort unterstellt werden, wo  etwa am 29. August 2005 am Münchener Nockherberg im Rahmen eines „Pro-westlichen Heimatabends“ Journalisten des Axel-Springer-Verlages, neokonservative Blogger und Betreiber islamfeindlicher Webauftritte zusammengekommen waren, um eine neue Strategie zu erarbeiten. Hier war die offensive „Islamkritik“ als Mittel gedacht, um angesichts der sinkenden Zustimmung für die politische und militärische Westbindung in der Bevölkerung am Ende der Schröder-Ära wieder eine stärkere Selbstvergewisserung im Sinne der „westlichen Werte“ zu bewirken.

Natürlich bewirkten auch externe Faktoren wie Terroranschläge (Madrid, London), Karikaturenstreit, Idomeneo oder die Papstrede in Regensburg ein gewisses Agenda-Setting, dennoch hätten Medien ausreichend Gelegenheit gehabt, auch abseits solcher Anlässe muslimisches Leben in Deutschland zum Thema zu machen – und versagt.

In den öffentlich-rechtlichen Medien sah es nicht wesentlich besser aus: Bereits 2007 hatte eine Analyse der Themenstruktur von ARD und ZDF für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ergeben, dass der Islam dort hauptsächlich im Zusammenhang mit Gewalt- und Konfliktthemen vorkommt.

Im Zuge der Analyse wurden Thematisierungsanlässe des Islams in einschlägigen Magazinsendungen und Talkshows sowie Dokumentationen und Reportagen von ARD (Das Erste) und ZDF im bewusst lange veranschlagten Zeitraum vom 1. Juli 2005 bis 31. Dezember 2006 untersucht. Es wurde untersucht, in welchem thematischen Zusammenhang der Islam in solchen Sendungen in Erscheinung trat. Dieses Verfahren war neutraler als die häufig verwendete Stereotypenanalyse, die sich nur auf vorurteilsbeladene Textbestandteile konzentriert.

Konfliktkontext als Regelfall, Alltag als Ausnahme

Insgesamt wurde der Islam in jener Zeit in 133 der oben genannten Sendungen und Einzelbeiträgen thematisiert. Im Ergebnis zeigte sich, dass 81% aller Thematisierungen bei ARD und ZDF negativ konnotierten Themen zugerechnet werden konnten; lediglich 19% repräsentierten ein neutrales oder positives Themenspektrum. 23% der Beiträge, in denen das Thema „Islam“ vordergründig eine Rolle spielte, befassten sich mit Terrorismus, 17% mit internationalen Konflikten, 16% mit Integrationsproblemen, 10% mit religiöser Intoleranz, 7% mit Fundamentalismus und so genannter „Islamisierung“, 4% mit den Themen Frauen/Unterdrückung/Emanzipation und 4% mit Menschenrechtsverletzungen und Demokratiedefiziten. Eine aktuellere Analyse ist nicht bekannt, es ist allerdings davon auszugehen, dass sich seither allenfalls die Gewichte in einzelnen Bereichen verschoben haben.

Neutrale oder auch positive Themen, in denen nicht Gewalt und Gesellschaftskonflikte, sondern reguläre Gesellschaftsabläufe (Kategorie Alltag/Soziales 8%) bzw. Fragen der Kultur und der Religion (11%) im Vordergrund stehen, stellen weniger als ein Fünftel aller Thematisierungsanlässe dar. Am ehesten schafften diese es noch in Dokumentation und Reportagen.

In der Analyse der bpb heißt es dazu: „Diese Thematisierungsentscheidung durch die Redaktionen führt zum Aufbau und zur Verfestigung eines kulturalistischen Weltbildes. […] Diese Kulturalisierung politischer Themen und die Fokussierung auf Negativaspekte in der Berichterstattung über Muslime birgt ohne jeden Zweifel die Gefahr, eine sehr einseitige öffentliche Debatte und – in Analogie zur viel besprochenen ‚Politikverdrossenheit‘ – eine Art ‚Islamverdrossenheit‘ beim Publikum zu erzeugen.“

Unausgewogenheit auch in Kultur- und Frauensendungen

Das Gegenargument, dass die starke Negativthematisierung allein auf den Nachrichtenwert in Magazinsendungen oder politischen Analysen zurückzuführen ist, überzeugt dabei nicht, da die Situation in Kultursendungen oder Frauensendungen, wo ein solcher Sensationalisierungsdruck im öffentlich-rechtlichen Bereich nicht besteht, kaum anders ist.

Auch die großen Magazinsendungen – damals Formate wie Titel Thesen Temperamente (ARD), Aspekte und das Philosophische Quartett (ZDF) – reproduzierten im Wesentlichen die negative Agenda des politischen Journalismus und zeigten sich als Partei im „Kampf der Kulturen“. Heute sind zahlreiche Kulturformate von damals durch Polittalkshows ersetzt worden, aber auch hier dominieren extreme, polarisierende Teilnehmer, während Mainstreammuslime selten zu Wort kommen.

Auch in Frauenmagazinen war schon damals die Themensetzung sehr eindimensional. Frauen als Opfer von Unterdrückung, feministische Antitraditionalistinnen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali oder aber radikale Salafistinnen wie Nora Illi standen im Vordergrund der medialen Darstellungen. Eigenständige traditionelle Musliminnen oder so genannte „Neue Musliminnen“, die eine moderate Position zwischen Traditionalismus und Traditionsbruch einnehmen, waren hingegen kaum vorhanden – obwohl gerade diese beiden Frauentypen in der muslimischen Gemeinde den Regelfall darstellen.

„Thematische Grundstruktur ist islamophob“

Das Urteil der bpb-Analyse über die Form der Thematisierung des Islam in den öffentlich-rechtlichen Medien ist am Ende auch wenig schmeichelhaft: „In der Gesamtschau lässt sich sagen, dass sich die Darstellung des Islam in den Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu über 80% an einem Bild orientiert, in dem diese Religion als Gefahr und Problem in Politik und Gesellschaft in Erscheinung tritt. Das Islambild dieser Formate bei ARD und ZDF ist ein zugespitztes Gewalt- und Konfliktbild, das den Eindruck vermittelt, dass der Islam weniger eine Religion als vielmehr eine politische Ideologie und einen gesellschaftlichen Wertekodex darstellt, die mit den Moralvorstellungen des Westens kollidieren. Antizyklisch berichten ARD und ZDF lediglich in einigen Auslandsmagazinen und in Dokumentationen und Reportagen.“

Statt einen neutralen Informationsansatz zu verfolgen, so heißt es weiter, sei die „sehr einseitige thematische Auswahl in den Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen von ARD und ZDF dazu geeignet, eine in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung bereits vorhandene Vorurteilsbereitschaft gegenüber dem Islam und die demoskopisch messbare ‚Islamangst‘ in Deutschland weiter zu steigern“. An populären Themen orientiertes Infotainment sei aber kein Ersatz für einen qualitativ hochwertigen Journalismus. Auch einige positive Gegenbeispiele einzelner Sendungen oder der multikulturellen Nischenprogramme der regionalen Tochtersender der ARD könnten nicht entkräften, dass die reichweitenstarken Magazinsendungen des Hauptprogramms von ARD und ZDF und damit die thematische Grundstruktur der überregionalen öffentlich-rechtlichen Sender islamophob seien.

Das PEGIDA-Paradoxon

Alles in allem muss es gerade angesichts der Tatsache, dass deutsche Journalisten – so formuliert es Roland Tichy – ihr Berufsethos darin sehen, sich als „Meinungslenker“ zu verstehen (während etwa angelsächsische Journalisten sich als „Nachrichten-Geber“ sehen), und dass dies vermutlich eine lange Tradition sei, die in der lange autoritären Struktur Deutschlands begründet liege, konstatiert werden, dass Medien, die sich heute über PEGIDA empören, damit im Wesentlichen darüber empören, dass die dort versammelten Bürger sich doch nur als gelehrige Schüler erwiesen und exakt das verinnerlicht haben, was die selbst ernannten „Volkserzieher“ ihnen beigebracht haben.

Gerade das aber schafft wiederum ein besonderes Paradoxon innerhalb der PEGIDA-Bewegung: Einerseits stellt diese eine bewusste, entschiedene Gegenbewegung zu den Narrativen der etablierten Medien dar (weshalb auch Parolen wie „Deutsche Presse, halt die Fresse“ skandiert werden), diese werden boykottiert und es wird dazu aufgerufen, ihnen keinen Glauben zu schenken. Andererseits aber reproduziert PEGIDA exakt jenes Bild vom Islam, das gerade diese deutschen Mainstreammedien seit Jahr und Tag kultivieren.

Die jüngste dimap-Umfrage im Auftrag des NDR-Medienmagazins Zapp ergab übrigens, dass insgesamt 15 Prozent der 1002 soziodemographisch repräsentativ ausgewählten und über Festnetz- und Mobiltelefone Befragten gar kein Vertrauen mehr und weitere 54 Prozent weniger Vertrauen in die Medien hätten. Sehr großes und großes Vertrauen existieren nur mehr bei zwei beziehungsweise 27 Prozent. Zu einem wesentlich Teil trug die Ukraineberichterstattung dazu bei, die 63 Prozent für einseitig oder unglaubwürdig halten.

Diese Entwicklung birgt – PEGIDA hin oder her – möglicherweise auch ein Potenzial, dem Islambild der etablierten Medien perspektivisch ein anderes, ausgewogeneres entgegenzusetzen.