Istanbul ist im muslimischen Fastenmonat besonders schön. Die ohnehin schon bunte Metropole verwandelt sich in eine noch lebhaftere Stadt. Es werden überall in der Stadt Festzelte aufgebaut, um den Ramadan mit anderen Gläubigen zu feiern. Aber auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren Versuche, diesem Gefühl nahe zu kommen.

Istanbul ist eine magische Stadt. Mit ihrer Schönheit ist sie seit Jahrhunderten ein Magnet für Menschen aus aller Welt. In der heiligen muslimischen Fastenzeit ist diese Stadt allerdings noch schöner. In jedem Stadtteil werden gleich mehrere Zelte aufgeschlagen. Die Menschen hält es nicht in ihren Häusern und große Massen strömen nach Sonnuntergang durch die Straßen. Sie versammeln sich in ihren Stadtbezirken an den Zelten und Ständen. Besonders schön sind die Zelte in den Stadtteilen Eyüp und Fatih. Hier leuchtet beinah jede Ecke. Die dunkle Nacht verschwindet. Mit dem Gebetsruf des Muezzins beginnt das Fastenbrechen. Für das leibliche Wohl und die Unterhaltung ist bis zum Sonnenaufgang gesorgt. So wird der Ramadan in Istanbul gefeiert.

Ramadan in Istanbul eine einfache Schönmalerei?

Diese Ramadan-Nächte vermissen Muslime in Europa. Vielleicht kennen die jüngeren Generationen Europas diese Feierlichkeiten in der fernen Heimat nur aus Erzählungen. Es sind unter ihnen vielleicht jene, die denken könnten:  „Das ist doch alles nur eine einfache Schönmalerei.“ Aber die Sehnsucht nach diesem berühmten Ambiente Istanbuls drückt aufs Gemüt. Nicht jeder, der möchte, kann seine Ramadan-Zeit in Istanbul verbringen. Zum Beispiel Yalçın Taşer. Er reist seit drei Jahren nicht mehr in die Türkei und vermisst die Ramadan-Nächte von Istanbul sehr, wie er sagt. Er gehört zu jenen, die sich aus purer Neugier auf die Suche nach dieser Traumvorstellung vom Ramadan nach Istanbul aufgemacht haben. Aber der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um zehn Tage nach vorn. Er findet nun in Monaten statt, in denen es keinen Urlaub gibt. Für einige ist es indes eine Kostenfrage. Deshalb ist Yalçın heute in Köln. Hier wurden im Stadtteil Ossendorf, auf dem Gelände des TV-Senders ProSieben, mehrere weiße, spitzförmige Zelte aufgestellt. In Köln wird nach Istanbuler Manier der Ramadan verbracht. Zumindest ist es der Versuch.

In Istanbul bricht man das Fasten gerne mit anderen Menschen zusammen.

Hohe Preise stören niemanden

Duftende Essensstände verzücken die Gemüter der hungrigen Gäste auf dem Ramazan-Fest. Im Schein der Abenddämmerung sind im schwindenden Lichtkegel die Dämpfe und der Rauch von zischenden Fleisch auf dem Grill zu sehen. Während vegetarische Gerichte in vielfältiger Auswahl allmählich die Massen anziehen, sorgen die perlenden Gefriertropfen auf den kalten Getränken für kurze Blackouts. Doch dann tönt der in Istanbul mehrere Millionen elektrisierende Ruf des Muezzin zum Abendgebet. Der Islam empfiehlt es den Muslimen besonders im heiligen Monat Ramadan, zunächst in aller Freude zu essen und dann das Gebet zu verrichten. So verhalten sich die Menschen in Köln.

Die Preise scheinen zwar etwas teurer zu sein als in normalen türkischen Restaurants, aber hier stört das niemanden. Auch das lange Warten auf das Essen sorgt nicht für Unmut. „Das ist mir egal. Für mich ist wichtig, dass ich herkomme und mit meinen Freunden in dieser schönen Atmosphäre bis in die Nacht quatschen und abschalten kann“, sagt Yalçın. „Ich werde aber heute möglichst viel ausprobieren. Erstmal gönne ich mir einen Tantuni-Wrap. Danach hole ich mir noch einen Döner.“

Festi-Ramazan in Dortmund mit Riesen-Auswahl

Ein deutlich größeres Fest dieser Art findet während des Ramadans in Dortmund statt. Direkt an der berühmten Westfalenhalle gibt es beim „Festi-Ramazan“ ganze 165 Stände. Im vierten Jahr seit seiner Gründung zieht Dortmund mit dieser Mega-Veranstaltung tausende Muslime aus ganz Nordrhein-Westfalen, aber auch aus dem Ausland an. Dafür ist die tatkräftige Unterstützung des Oberbürgermeisters der Stadt Dortmund nötig. Dabei musste “Festi-Ramazan” in Dortmund lange gegen die lokale Presse und nörgelnde Bürger kämpfen. Einige Artikel erschienen, zum Beispiel über den Lärm, der vom Veranstaltungsort ausginge. Die Organisatoren waren aber von Anfang an bemüht, jegliche Kritik ernst zu nehmen und die Infrastruktur schnellstmöglich zu verbessern. So verzeichnet die Veranstaltung mit zunehmender Zeit und steigender Erfahrung auch dieses Jahr ein Wachstum.

Darüberhinaus wurde das Festival an einen Ort verlagert, an dem auch zu später Stunde niemanden mehr gestört werden kann. So findet es in diesem Jahr rund um die Dortmunder Westfalenhallen statt. Zwar gäbe es auch die Möglichkeit, das Fest in den Hallen selbst stattfinden zu lassen. Aber aus Sorge, dass die Gäste an warmen Sommertagen wenig Lust haben könnten, Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen, wurde die Veranstaltung unter freiem Himmel organisiert.

Das hat Tradition: Das erste “Festi-Ramazan” in Dortmund fand im Jahre 2012 statt, damals auf einer Fläche von 54.000 Quadratmetern. 2016  ist die Fläche satte 96.000 Quadratmeter groß. Mittlerweile bietet das “Festi-Ramazan” eine Plattform für das Ethnomarketing, welches an eine große Messe erinnert. Zahlreiche Newcomer der Nahrungsmittelindustrie und Gastronomie finden Gelegenheit, potentielle Käufer zu erreichen. Auch durch diese wirtschaftsfördernde Funktion ist das Event für die Kommune Dortmund nicht mehr wegzudenken. 

Mehr als nur türkische Spezialitäten

Besonders neue Ideen und neuartige Produkte faszinieren die Gäste des “Festi-Ramazan”. Hungrige Gäste kann man mit verlockenden Angeboten überzeugen und die Urheber neuer Ideen profitieren davon. Einer der Gäste des “Festi-Ramazan” erzählt mit einem großen Lächeln: „Weißt du, wie ein Glas Nutella aussieht, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat?“. Dieser Herr bestellt sich folgerichtig nach dem Hauptgang als Nachspeise einen Crèpes mit Nutella.

Anders als in Köln gibt es auf dem “Festi-Ramazan” in Dortmund nicht nur türkische Spezialitäten. So gibt es beispielsweise auch einen indischen Stand, der aber natürlich ausschließlich Halal-Fleisch anbietet. Für Liebhaber von Handgemachtem gibt es viel zu bestaunen. Glasmachereien und Zeichnungen begeistern Schaulustige.

Nach dem Essen ist nicht vor dem Essen

Nalan Sema ist eine der Besucherinnen. Vor dem Fastenbrechen freut sie sich besonders auf Künefe, eine türkische Nachspeise mit viel Zuckersirup, die in Deutschland im Schatten des omnipräsenten Baklava weitestgehend unbekannt ist. „Ich finde in Deutschland vielerorts kein Künefe. Es wird zwar in einigen Lokalen angeboten. Die Künefe hier auf dem Ramadan-Fest ist aber viel origineller.“ Um das Patent für Künefe streiten sich seit Jahren die türkischen Städte Gaziantep, Mersin sowie Hatay. Unbeeinflusst davon findet man im Dortmunder “Festi-Ramazan” Künefe in seiner originellsten Form. Vor dem Essen drängeln sich die Menschen durch die engen Gassen des Festgeländes und suchen sich ihr Essen aus. Genau wie in Istanbul ruft auch hier der Muezzin zum Adhan und gibt bekannt: Das Büffet ist eröffnet!

Diejenigen, die noch lange auf ihr Essen warten mussten, suchen sich noch schnell freie Plätze und das Speisen beginnt. Vor dem Essen hörte man noch viele Stimmen, die sagten, dass sie mit einem Döner-Teller oder Hähnchenspieß nicht satt werden würden. Mit dem ersten Schluck Wasser merkt dann jeder schnell: Ich muss meine Aussage relativieren. So ergeht es den meisten Muslimen im Ramadan. Schnell wird man satt. Wie auch Yalçın: „Ja, das mit dem Döner-Teller wird wohl nichts mehr“, sagt er mit zufriedenem Lächeln. Der junge Deutsch-Türke gönnt sich nach seinem Essen aber eine orientalische Wasserpfeife und natürlich türkischen Tee. Wer mag, kann bis morgens vier Uhr seine Zeit hier bei entspannter Live-Hintergrundmusik genießen.

Auch Nalan kann jetzt keinen Künefe mehr vertragen: „Das Essen war definitiv zu viel.“ Jetzt schlendert sie erstmal mit ihrer Familie durch den Basar und isst dabei Sonnenblumenkerne, die sie eben erworben hat. Weniger süße Nachspeisen findet man auf diesem Festival auch. Viele nehmen sich beispielsweise Maiskolben oder gewürzten Mais im Becher. Auch einen traditionellen Osmanen-Lolli kann man finden. Dieses bunte und klebrige, um einen kleinen Stab gewickelte Bonbon besteht nicht nur aus Zucker, sondern auch aus vielen Früchten und Gewürzen – eine ungewöhnliche Kombination.

Buntes Bühneprogramm

Dann wird in Dortmund jeder vor die Bühne eingeladen. Hacıvat-Karagöz wird heute wieder auftreten. Dabei handelt es sich um ein Schatten-Schauspiel, dass die Zankerei zwischen Karagöz, dem lebensfrohen und witzigen, und Hacıvat, dem höflich-gebildeten Bürger thematisiert. Seit den vergangenen Jahren wird das Schattenspiel auch als Theaterstück aufgeführt. Viele Entertainer machen den Abend durch ihre Tanzeinlagen und Lieder noch bunter. Dabei kommt kein Halay oder Horon zu kurz. „Die Atmosphäre ist sehr schön hier“, sagt Yalçın: „Ich war jetzt zwar seit drei Jahren nicht mehr in Istanbul, aber hier darf ich ein Stück davon erleben. Das stillt meine Sehnsucht ein wenig.“

 

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Dieser Text ist erstmalig 2015 auf dtj-online erschienen.